Konrad Zuse: Der letzte Pionier
Für die einen war er der Erfinder des Computers, für die andern
ein genialer Bastler: Konrad Zuse, einer der grossen Pioniere
der Informatik, ist kurz vor Weihnachten im Alter von 85 Jahren
gestorben.
Es war der 12. Mai 1941, als der junge Bauingenieur einigen Herren
von der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin seine
«rechenplangesteuerte Rechenanlage Z3» vorführen konnte, ein elektromechanisches
Klapperwerk, zusammengelötet aus ausgedienten Relais und Drehwählern
von Telefonzentralen, das Programm war in alte 35mm Filmstreifen
gelocht. Die Z3 war der erste programmgesteuerte Rechner der Geschichte
ob er schon als Computer gelten darf nach dem Prinzip, das John
von Neumann drei Jahre später zu Papier brachte, darüber streiten
sich die Gelehrten. Zuse musste zeitlebens um die wissenschaftliche
Anerkennung kämpfen, ein Patentantrag, den er 1941 einreichte,
wurde 1967 abgelehnt, «mangels Erfindungshöhe».
Doch Konrad Zuse war mehr als ein Erfinder, er war ein Visionär,
der aber sogleich die Ärmel hochkrempelte, wenn ihn eine Idee
packte. Schon in den dreissiger Jahren baute er auf dem Stubentisch
bei den Eltern in Berlin den mechanischen Rechner Z1, der zwar
nie richtig funktionierte, aber im Konzept seiner Zeit weit voraus
war. Zuse war der erste, der das binären Zahlensystem von Leibniz
und die Boolesche Logik in der Rechentechnik anwandte. Die Z1
rechnete und speicherte Gleitkommazahlen wie heute jeder Grossrechner.
Doch Zuses Blick ging weit über das automatische Rechnen hinaus,
er notierte Gedanken zum «mechanischen Gehirn», das dereinst Schach
spielen oder Wetterprognosen liefern werde. Ohne Neid hat er erlebt,
wie viele seiner Visionen Wirklichkeit geworden sind. Eines seiner
letzten Werke war ein Porträt von Bill Gates, denn Konrad Zuse
war nicht nur Ingenieur, Unternehmer, Forscher und Erfinder, sondern
auch Kunstmaler, «ein optischer Mensch», sagte er einmal. Die
Computer, die sein Unternehmen in den fünfziger und sechziger
Jahren baute, waren besonders stark in grafischen und optischen
Anwendungen.
Grundstein für seine Computerfirma war das Modell Z4, das Zuse im Januar 1945 in einer dramatischen Flucht aus Berlin
ins Allgäu retten konnte, während seine andern Rechner in Schutt
und Asche versanken. Kaum war der Krieg zu Ende, baute er in einem
Schuppen in Hopferau an der Z4 weiter, die der internationalen
Entwicklung noch immer um Jahre voraus war, obwohl er fast nur
Abfallmaterial zur Verfügung hatte. Nebenher entwarf er den Plankalkül,
die erste höhere Programmiersprache. Doch selbst IBM konnte sich
nicht für den Computer begeistern. Erst Eduard Stiefel, Professor
am Institut für numerische Mathematik der ETH, erkannte die Leistungsfähigkeit
der Z4 und mietete sie 1949 für fünf Jahre: Der erste Wissenschaftscomputer
Europas verhalf der ETH zu ihrem frühen Einstieg in die Informatik.
«Zuses Z4 war der Kristallisationspunkt», erinnert sich Ambros
Speiser, der die Maschine betreute.
Es gibt keinen Computerpionier, der so viele Ideen, Visionen und
praktische Konstruktionen zur Entwicklung der Technologie beigetragen
hat wie Konrad Zuse. Trotzdem ist er stets bescheiden geblieben,
ein umgänglicher, ein humorvoller Mensch, der Besucher in seinem
Haus in Hünfeld mit Kaffee und Kuchen empfing. «Ich habe manches
Ziel erreicht, aber nicht alle Ziele, die ich mir vorgenommen
hatte», sagte er einmal. Ein grosser Schmerz war für ihn sein
Scheitern als Unternehmer, 1964 musste er die Zuse KG, damals
Nummer 2 im deutschen Computermarkt, an die BBC verkaufen, später
übernahm sie Siemens. Trotzdem arbeitete er rastlos weiter, er
malte, konstruierte Sich-selbst-reproduzierende-Systeme und baute
die Z1 fürs Museum nochmals nach. Warum? Lächelnd sagte er: «Damit
Sie lernen, wie schwierig es ist, Computer zu bauen, wenn sie
eigentlich noch gar nicht da sind.»