Konrad und Bill
Über den künstlerischen Wert dieses Porträts könnte man sich streiten,
einen Marktwert besitzt es kaum. Es ist ein Geschenk des Malers
an sein Modell. Konrad Zuse, den man in Deutschland den «Erfinder
des Computers» nennt, überreichte es Bill Gates persönlich zur
CeBIT 1995 in Hannover. Wenige Monate darauf verstarb der Ingenieur,
Unternehmer, Visionär und Kunstmaler im Alter von 85 Jahren. Jedenfalls
hat das Bild historischen Wert.
Als Bill Gates 1955 das Licht der Welt erblickte, hatte Zuse als
Unternehmer im frühen Computerbusiness schon fast seinen Höhepunkt
erreicht. Die Zuse KG in Bad Hersfeld war der führende Hersteller
von elektronischen Rechnern in Deutschland. Doch zu Beginn der
Sechzigerjahre ging es mit dem Unternehmen bergab: Finanzielle
Engpässe, Fehlentscheide, technische Probleme und fehlende staatliche
Unterstützung führten 1964 zum Verkauf an BBC. Dabei sei er aber
nicht reich geworden, betont Zuse in seiner Autobiografie «Der
Computer Mein Lebenswerk».
In späteren Jahren wurde er hoch geehrt, doch sein Scheitern als
Unternehmer hat er nie ganz verschmerzt. Das mag der Grund sein
für die Bewunderung des Altmeisters für den Jungen mit der goldenen
Nase, der im richtigen Augenblick mit BASIC-Software für Microprozessoren
ins Geschäft hüpfte und mit Word und Windows auf der PC-Welle
zum Reichtum surfte.
Zuse blies schon in seinen Anfängen in den Dreissigerjahren ein
rauher Wind ins Gesicht. Zwischen Kunst und Technik hin und her
gerissen bastelte der Bauingenieur auf dem Stubentisch seiner
Eltern in Berlin automatische Rechner, weil er, wie er gerne zum
besten gab, «zu faul zum Rechnen» war. Die «rechenplangesteuerte
Rechenanlage Z3», die er 1941 aus Relais und Drehwählern von ausgedienten
Telefonzentralen zusammenlötete und mit gelochten 35-Millimeter-Filmstreifen
programmierte, gilt heute als der erste Digitalrechner der Geschichte.
Im Januar 1945 rettete Zuse sein Modell Z4 in einer dramatischen
Flucht aus Berlin ins Allgäu. Eduard Stiefel, Mathematikprofessor
an der ETH, entdeckte die Maschine, die dem internationalen Stand
der Technik weit voraus war, in einem Schuppen und mietete sie
1949 für die Zürcher Hochschule. Der erste Wissenschaftscomputer
Europas verhalf der ETH zu ihrem frühen Einstieg in die Informatik
und Zuse zu seinem Unternehmen mit bis zu 1000 Mitarbeitern.
Kein Computerpionier hat so viele Ideen, Visionen und praktische
Konstruktionen zur Entwicklung der Informationstechnologie beigetragen
wie Konrad Zuse. Trotzdem ist er stets bescheiden geblieben, ein
umgänglicher, humorvoller Mensch, der Besucher in seinem Haus
in Hünfeld mit Kaffee und Kuchen empfing. Wenn er Zeit fand oder
einen Tiefschlag verkraften musste, griff er zum Pinsel und malte.
«Ein Expressionist mit futuristischem Einschlag», schrieb ein
Kritiker.
Ob der Kunstsammler Gates das Porträt in seiner Hundert-Millionen-Villa
am Lake Washington aufgehängt hat, ist nicht bekannt. Freunde
Zuses erhofften sich vom reichsten Mann der Welt einen Zustupf
an ein geplantes Zuse-Museum in Berlin-Kreuzberg in Höhe eines
«zweistelligen Millionenbetrags». «Schliesslich hat niemand mehr
von Zuses Erfindungen profitiert als Gates», meinte ein ehemaliger
Mitarbeiter. Der Philantrop aus Seattle scheint sich jedoch zu
zieren. «Bis heute ist noch kein Pfennig eingetroffen», heisst
es aus verlässlicher Quelle. |
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