Berufsmatura-Feier 1998, Berufsmittelschule Wetzikon
Zeit und Zukunft
Liebe Maturandinnen, liebe Maturanden
Sie haben einen Lebens- und Lernabschnitt erfolgreich abgeschlossen,
zwei Ausbildungen gleichzeitig: eine praktische, eine theoretische.
Eine anstrengende Zeit liegt hinter Ihnen. Eine neue Zeit liegt
vor Ihnen. Ich möchte Ihnen deshalb in der kurzen Zeit, die Sie
mir schenken, ein paar Gedanken zum Thema «Zeit» mitgeben. Gedanken
zur Zeit.
Sich Zeit nehmen, sich Zeit schenken, sagen wir. Zeit ist kostbar.
Wir sprechen von Zeit wie von einem Gut, das man geben, nehmen
und schenken kann. Zeit ist Geld, hören wir alle Tage. Doch im
Gegensatz zum Geld, das sehr ungleich verteilt ist, wie wir wissen,
ist Zeit sozusagen das demokratischste Gut der Welt: Alle Menschen
bekommen zu jeder Sekunde gleich viel davon. Nur machen nicht
alle gleich viel daraus. Die einen machen Geld, die andern Erfahrungen,
die dritten machen sich nichts als eine gute Zeit. Ich will nicht
entscheiden, was sinnvoller ist.
Es sind genau vierzig Jahre her, da begann ich meine berufliche
Laufbahn als Laufbub in einer Fabrik hier ganz in der Nähe. Damals
hatte ich ein ganz besonderes Problem mit der Zeit. Die Tage kammen
mir unendlich lang vor, die Zeit wollte und wollte nicht herumgehen.
Die Zeiger der Fabrikuhr schienen stillzustehen, die Minuten dehnten
sich, bis der grosse Zeiter weiterhüpfte. Ich muss dazu sagen,
dass meine Arbeit ziemlich eintönig war. Mit der Zeit erfand ich
eigentliche Techniken, um die Zeit, wie wir sagen, totzuschlagen.
Noch zwei Stunden bis Feierabend – das war die Unendlichkeit.
Eigenartig. Das war vor vierzig Jahren, 350’000 Stunden sind seither
vergangen. Doch heute kommt es mir vor, als sei es gestern gewesen.
Damals erschienen mir zwei Stunden als Ewigkeit – heute kommen
mir die vierzig Jahre wie ein Augenblick vor. Ich könnte morgen
wieder in die Fabrik, Bohrer holen an der Werkzeugausgabe oder
Maschinen putzen, als sei nicht mehr als ein Tag vergangen. So
eigenartig ist das mit der Zeit. Die erwartete Zeit und die erinnerte
Zeit erfahren wir vollkommen verschieden. Während die erlebte
Zeit sozusagen nur aus dem Augenblick besteht, vielleicht aus
den drei Sekunden, die unser Ultra-Kurzzeitgedächtnis umfasst.
Zeit ist ein unfassbares Gut, wir können sie nicht festhalten,
nicht speichern, wir können keinen Vorrat davon anlegen.
Natürlich gab es eine Zeit, wo jeder Mensch seine Zeit lebte,
wie er sie gerade erspürte. Es gab noch keine Uhren, man lebte
von Sonnenaufgang zu Sonnenuntergang, man lebte im Rhythmus der
Jahreszeiten. Der Taktgeber war die Natur, die Zeit ihr lebendiger
Ausdruck. Auch die Industrie funktionierte anfangs so: Die Leute
kamen zur Arbeit, wenn es hell wurde, und gingen wenn es dunkelte.
Ich habe einmal ein Buch über die Zeit geschrieben, als ein Unternehmer
fand, in diesem Schlendrian könne es nicht mehr weitergehen, die
Investitionen müssten besser genutzt, das Zeitmanagement effizienter
werden. Er hängte eine Glocke aufs Fabrikdach und läutete eine
neue Zeit ein. Die Arbeiterinnen und Arbeiter liessen sich das
nicht gefallen und streikten – das war im Januar 1837 in Glarus.
Doch der Streik war ein Misserfolg, die Fabrikglocken blieben
und bald standen am Fabriktor die ersten Stempeluhren.
Inzwischen haben wir uns an die gemessene Zeit gewöhnt, nicht
nur in der Industrie. Auch unsere Freizeit ist gänzlich von der
Uhr bestimmt, die wir alle am Handgelenk tragen: Rendezvous, Sporttraining,
Fernsehprogramm, Reisen – nichts geht mehr ohne gemessene Zeit.
Gerade im Sport, der eigentlich Freizeitgestaltung sein sollte,
ist die Zeit zum Fetisch geworden: Hundertstelssekunden entscheiden.
Wenn ich zu einer Bergtour aufbreche, stelle ich den Wecker –
er läuft so genau, dass er in einer Million Jahren bloss eine
Sekunde vor- oder nachgeht. Und die Zeit bis zum Gipfel bestimme
ich zumindest auf Minuten genau.
Die Glocken auf den Fabrikdächern sind verschwunden, die Stempeluhren
am Fabriktor zum grössten Teil ebenfalls. Der Computer ist die
neue Zeitmaschine geworden, die unsere Arbeitszeit misst – wie
beim Skirennen auf Hundertstelssekunden genau. Josef Weizenbaum,
ein bekannter Computerwissenschaftler, schreibt in seinem Buch
«Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft», dass Zeit
heute eigentlich von Maschinen produziert werde: Von Uhren oder
vom Computer. Uhr und Computer bezeichnet er als «autonome Maschinen»,
die sich der Kontrolle durch Menschen entzogen haben. Uhr und
Computer funktionieren autonom, niemand kann ihren Lauf aufhalten,
alle sind ihrem Diktat unterworfen. Die gemessen Zeit lässt sich
also nicht mehr totschlagen. Unser Zeitbegriff hat sich von der
persönlich erfahrenen Zeit vollständig gelöst. Wir sprechen nicht
nur von Zeit wie von einem Gut, Zeit wird auch produziert wie
eine Ware. Mein supergenauer Wecker empfängt das Signal eines
Zeitsenders, mein Computer wird von einem Schwingquarz getaktet.
Zeit ist ein Industrieprodukt. Zeit ist Geld.
Die Veränderung des Zeitbegriffs spüren wir vor allem als weltweite
Beschleunigung aller Prozesse: Entwicklungen werden immer schneller.
Es ist, als würden die Zeitmaschinen immer schneller laufen, Computer
takten ja auch immer schneller: von Megaherz zu Gigaherz. Heute
sprechen wir vom Internet-Jahr, das nur noch drei Monate dauert.
Natürlich ist das eine Metapher, aber in der Welt der Datennetze,
im globalen Dorf, scheint die Zeit wirklich zu rasen. Grossfirmen
verteilen heute Projektgruppen strategisch rund um die Welt, damit
rund um die Uhr an Projekten gearbeitet werden kann, zum Beispiel
an der Entwicklung von Software. Denn in dieser rasenden Zeit
überlebt nur, wer zuerst kommt. Ein Freund, Generaldirektor einer
amerkanischen Softwarefirma, sagte mir letzthin: «Bei uns zählt
nur die Nummer 1.» Im sportlichen Wettbewerb werden wenigstens
noch Silber- und Broncemedaillen verteilt. Ein bekannter Schweizer
Wirtschaftsmanager prägte den Slogan: «Schnelligkeit statt Perfektion».
Früher war die Armbrust das Symbol der Schweizer Wirtschaft, gemeint
war damit Präzision und Perfektion. Wilhelm Tell war noch nicht
im Zeitstress, als er auf den Apfel zielte. Aber er traf.
So haben sich die Zeiten geändert. In anderthalb Jahren beginnt
ein neues Jahrtausend. Und nun wissen Sie vielleicht, dass uns
dieser Zeitsprung Probleme beschert. Eigenartigerweise haben die
Computerleute, die sonst unablässig von der Zukunft sprechen,
gar nicht daran gedacht haben, dass demnächst ein neues Jahrtausend
anbricht, und in vielen Programmen für die Jahreszahl nur zwei
Ziffern vorgesehen. An Sylvester des Jahres 1999 um 24 Uhr wird
deshalb in vielen Programmen das Jahr 0 anbrechen statt das Jahr
2000. Die Zeit wird von der Maschine um hundert Jahre zurückgestellt,
statt in die Zukunft werden wir in die Vergangenheit befördert.
Warum denn eigentlich dieser dumme Fehler? Man musste schnell
programmieren und Schnelligkeit war wichtiger als Perfektion.
Zeit war Geld. Man hat stets von der Zukunft gesprochen, aber
nicht wirklich an sie gedacht. Nun stehen wir weltweit vor einem
gigantischen Zeitproblem, das unglaubliche Kosten verursacht,
weil die Computerleute etwas absolut Simples schlicht vergessen
haben.
Ich gebe zu, ich habe selber zu den Programmierern gehört, die
gepfuscht haben. Wir mussten früher eben Speicherplatz sparen
und sagten uns: Kommt Zeit kommt Rat. Kommt der Jahrtausendwechsel
werden wir wahrscheinlich pensioniert sein. Überlassen wir das
Problem der kommenden Generation. Wir haben am falschen Ort gespart,
und das war ein Fehler. Und wir haben nicht einmal etwas gelernt
daraus. Wir sparen immer weiter und immer öfter am falschen Ort.
Wir sparen an der Bildung, an der Weiterbildung. Wir sparen an
kulturellen und sozialen Projekten. Wir sparen an den Investitionen
für morgen. Um über die Konsequenzen nachzudenken fehlt uns schlicht
die Zeit. Wir sprechen zwar unablässig von der Zukunft, denken
aber nicht wirklich an sie. Bertrand Russel, ein englischer Mathematiker
und Philosoph, hat einmal geschrieben: «Musse ist wesentlich für
die zivilisatorische Entwicklung.» Musse würde heissen: Zeit haben,
sich Zeit nehmen, sich Zeit schenken. Freie Zeit, nicht verplante
Freizeit. Diese Zeit kostet nichts – und alle haben sie.
Die kommende Generation, das sind Sie, liebe Maturandinnen, liebe
Maturanden. Sie werden in Ihrer Zeit viele Probleme zu lösen haben,
die wir zu unserer verursacht haben. Leider ist auch das ein Wesen
der Zeit: Sie schreitet stetig voran, ein Zurück gibt es nicht.
Doch ich bin überzeugt, dass sie gut vorbereitet sind auf die
Zukunft. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.