Zürcher Oberland

Wiedersehen mit Wiedertäufern

Die Täuferhöhle im Zürcher Oberland besass in meiner Jugendzeit eine geheimnisvolle Anziehungskraft. Oft streiften wir durch die Steilhänge auf der Westseite des Allmanns und irgendwann fanden wir das Höhlenloch im Nagelfluhgestein, in das sich im 16. Jahrhundert Mitglieder der verfolgten Glaubensgemeinschaft der Wiedertäufer zurückgezogen hatten. Von den Messern, Gabeln, Löffeln, Ringen und Fingerhüten, die man hier einst gefunden habe, wie die Bäretswiler Dorfchronik berichtet, war jedoch nichts mehr zu sehen. Doch die Faszination des Aufmüpfigen und Widerständigen blieb, das sich um die Geschichten und Sagen über die Täufer rankt. Während der Reformation hatten sie sich von Zwingli abgewandt, die Bibel fundamentalistisch ausgelegt und die Erwachsenentaufe eingeführt. Sie verweigerten der Obrigkeit den Eid und Kriegsdienst und wurden unbarmherzig verfolgt. In Zürich sperrte man Täufer in den Wellenberg und ertränkte sie in der Limmat, man taufte sie sozusagen zu Tode.
Unverhofft stiess ich in einem Städtchen in Iowa im Mittleren Westen der USA auf Spuren der Wiedertäufer. Im «Kalona Historical Village and Mennonite Museum» hingen an einer Wand von Hand gezeichnete Stammbäume von Familien lokaler Glaubensgemeinschaften, der Mennoniten und der Amish, die bis ins 16. Jahrhundert zurückführten. Da las ich Familiennamen wie Egli, Gerig, Guth, Ramseyer oder Ruefenacht, die aus Ortschaften im Emmenthal oder im Zürcher Oberland wie Baeretswil, Ringwil oder Wernetshausen stammten. Wiedertäufer aus der Schweiz, dem Süddeutschen und dem Elsass hatten ihre Höhlen und Unterschlupfe verlassen und waren ausgewandert. Um 1720 landeten die ersten in Pennsylvania, heute sind sie über 22 Staaten der USA zerstreut. Die Amish sind die konservativste der verschiedenen Glaubensrichtungen, sie lehnen fast alle Errungenschaften der modernen Zivilisation ab und leben noch wie vor Jahrhunderten. (Amisch spricht man mit langgezogenen A aus: Ah-misch.)
Fährt man im Washington County südlich von Iowa City über Land, so begegnet man gelegentlich zweirädrigen Pferdewagen mit Eisenreifen, so genannten «Buggies», die gemächlich auf der Strasse dahintrotten und sich von keinem Auto aus der Ruhe bringen lassen. Bärtige Männer in schwarzen Hosen, ärmellosen Westen, blauen Leinenhemden und breitrandigen Strohhüten sitzen auf dem Wagen. Es ist, als sei die Zeit vor ein paar hundert Jahren stehen geblieben. Die Männer auf dem Pferdewagen scheinen keine Notiz von den Veränderungen rundum zu nehmen, den Mähdreschern, die die endlosen Maisfelder der Kornkammer Iowa abernten, von den computergesteuerten Getreidespeichern und automatisierten Schweinezuchten. Die Amish leben auf ihren Höfen ohne Strom, ohne Autos, Fernseher oder Telefon. Das Wasser pumpen sie von Hand aus dem Ziehbrunnen. Schon 1693 haben sich die Amish unter dem Schweizer Jacob Amman, von dem ihr Name stammt, von den weniger strengen Mennoniten abgespalten, die heute Auto fahren, aber noch immer ihre Hausgottesdienste in deutscher Sprache halten.
Ein Schild «Homemade Bread» verschaffte uns die seltene Gelegenheit, einen Blick ins Innere des Hauses einer Amish-Familie zu werfen. Die Hausfrau und eine Reihe von Mädchen standen hinter dem Holztisch, auf dem Gebäck und Brot zum Verkauf lag. Sie staunten uns mit rosigen Gesichtern und blauen Augen an. In ihren langen Röcken aus hellblauer Baumwolle, den Schürzen und den Hauben auf dem Kopf sahen sie aus, als seien sie einem Gemälde von Albert Anker entstiegen. Die Männer liessen sich nicht blicken. Unserer amerikanischen Begleiterin war offensichtlich unangenehm, als ich die Frau fragte, ob sie denn noch Deutsch spreche. Sie nickte, und ich konnte sie sogar dazu bewegen, ein paar Worte in einer Mundart auszusprechen, die wie Schwäbisch klang. Unsere Begleiterin drängte zum Aufbruch, denn offenbar hatte ich gegen die Regel verstossen, dass die Amish das Deutsche nur unter sich oder in ihren Hausgottesdiensten benutzen. Später überredete uns unsere Freundin zum Kauf eines Quilts in einem Laden, der Handarbeiten der Amish verkauft. Die Gegend von Kalona ist berühmt für die aus Stoffresten zusammengenähten Decken.
Die kurze Begegnung mit den Amish in Iowa liess mich die Geschichten um die Täuferhöhle in neuem Licht sehen. Sie sind die Nachfahren von Menschen, die sich einst im Zürcher Oberland versteckten und später unser Land als politisch und religiös Verfolgte verlassen mussten. Eine lange Flucht führte sie von den Höhlen am Allmann bis in die Ebenen des Mittleren Westens, wo sie schliesslich ein neues Leben beginnen, ihren alten Glauben und ihre Kultur jedoch während Jahrhunderten beibehalten konnten. Die Amish haben sich nicht integriert in der Neuen Welt, werden aber geduldet und respektiert. Ich habe nie einen Autofahrer gesehen, der ungeduldig hupte, wenn ihn ein «Buggy» an der freien Fahrt hinderte.

© Emil Zopfi