Informationsgesellschaft

Emil Zopfi

Eine Welt aus Papier

Meine Arbeit in Rechenzentren in den 1970er Jahren

IBM360Die Geräusche, die Klänge, die eigenartige Melodie des Rechenzentrums hallt noch immer in meinen Ohren, auch nach fünfzig Jahren noch. Begleitet vom Rauschen der Ventilatoren singen Magnetplattenstapel das hohe C, knacken Leseköpfe über den kreisenden Platten den Takt, zucken die Spulen der Magnetbänder vor und zurück. Dann meldet sich unvermittelt der Lochkartenleser mit lautem Knattern, verschluckt Kartenpakete und spuckt sie wieder aus, nach kurzer Pause hackt die Konsolschreibmaschine eine Zeile Text auf Papier, und gleich darauf, im Hintergrund, setzt das flirrende Sirren des Schnelldruckers ein. Das Orchester schwingt, Maschinenmusik der Datenfabrik, die Bühne getaucht in kühles bläuliches Licht. Ein Mensch hastet von da nach dort, ein Schatten beinahe: der Operator.

Es war eine Welt aus Papier. Die Lochkarte als Programm- und Datenträger am Eingang, «Input», das Zebrapapier mit den Resultaten am Ausgang, «Output». EVA-Prinzip nannte man das. Eingabe, Verarbeitung, Ausgabe. Kindergärten freuten sich über die dicken Bündel der grünweiss gestreiften, endlos gefalteten Papierbögen, eng bedruckt mit Zahlen und Zeichen, die Rückseite weiss, also bestens geeignet zum Zeichnen und Malen. Sinnvolles Recycling. Die Lochkarten aus dünnem Karton dagegen fanden nach Gebrauch allenfalls noch als Buchzeichen Verwendung, eine allerletzte finde ich in einem Kinderbuch meiner Sammlung. Sie ist grün und über den kleinen rechteckigen Löchern steht: //SDATA SAFIR22, JC=DATA. Kryptische Botschaft aus ferner Zeit.

Die Lochkarte stand, historisch gesehen, am Anfang einer Kultur, die sich Elektronische Datenverarbeitung nannte, EDV. Der Begriff «Informatik» setzte sich erst in jüngerer Zeit durch; seit 1981 gibt es an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH ein Departement Informatik. IBM dagegen war ein Synonym für EDV, eine Weltmarke mit der Lochkarte als Markenzeichen. Der Konzern beherrscht Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts siebzig Prozent des Weltmarktes von Computern in öffentlicher und privater Verwaltung, bei Banken, Airlines und in der Industrie.

Die Marktmacht gründete auf Tradition. Anlässlich der Volkszählung von 1887 in den USA setzte Herman Hollerith erstmals Lochkarten ein – sieht man von den viel älteren Lochkartensteuerungen von Jacquard-Webmaschinen und Musikdosen ab. Hollerith verkaufte 1911 seine «Tabulating Machine Company», 1914 übernahm Thomas J. Watson die Leitung und machte das Unternehmen 1924 zur International Business Machines Corporation IBM. Bürotechnik mit Lochkarten schaffte die Grundlage des über hundert Jahre andauernden Geschäftserfolgs von «Big Blue», wie man IBM auch nannte wegen der «coolen» blauen Konzernfarbe.

Ich war Laufbursche in einer Maschinen- und Apparatefabrik, als ich 1958 zum ersten Mal eine IBM-Lochkarte in der Hand hielt und damit, statt wie zuvor mit einem Bezugsschein aus Papier, im Materiallager Schrauben und Muttern abholte. So erlebte ich im Alltag den technischen Wandel der industriellen Administration – und seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Im Vorbeigehen sah ich durch Glasscheiben in einem Raum eine Reihe von Frauen an klappernden Maschinen einhändig auf einer Tastatur Lochkarten stanzen. Mit der Lochkarte war ein neuer Frauenberuf entstanden: die Locherin. Männer gab es in dieser eintönigen Arbeitswelt kaum.

Zwölf Jahre später sitze ich auf einem gepolsterten Sessel in einem Grossraumbüro im zweiten Stock eines Büroblocks in Zürich Altstetten, beuge mich über einen dicken Ordner und vertiefe mich im Selbststudium in einen so genannten Programmierten Lehrgang, «Basic Data Processing BDP». Die Grundlagen der Elektronischen Datenverarbeitung à la IBM. Ich bin Mitglied einer weltweiten Gemeinschaft von 250 000 Mitarbeitenden geworden. Als IBMer trage ich weisses Hemd, Krawatte, Kittel und langweile mich Bit und Byte, Hexadezimalcode, Lochkartencode und Gleitkommaarithmetik, den Grundlagen der Grosscomputer-Familie System/360, seit 1964 Kerngeschäft von IBM. Rundum gedämpfte Stimmen meiner Arbeitskollegen am Telefon, meist in Englisch, zwei Tische weiter der Chef der Gruppe, weit vorn im Raum der Abteilungsleiter. Jede Stunde unterbreche ich mein Studium, wandere über den grünen Spannteppich durch den Mittelgang, an Schreibtischen mit eifrig arbeitenden Menschen und Hydrokulturen vorbei zum Kaffeeautomaten. Acht Stunden sind lang und ich brauche Bewegung. Zudem bleibt es selten bei acht Stunden. So lange der Chef am Schreibtisch verharrt, haben auch die Mitarbeiter zu bleiben, lautete ein ungeschriebenes Gesetz, und der Chef hat Sitzleder. Alles hat seinen Preis, das Gehalt war weit über dem Durchschnitt des Branchenüblichen.

Ich habe einen neuen Berufstitel bekommen, auf meiner Visitenkarte steht «Associate Systems Engineer». Er hat weltweite Bedeutung innerhalb der Gemeinschaft mit ihrem eigenen hierarchischen System von Stufen und Funktionen. Frühere Berufsbezeichnungen sind obsolet. Gute Leistung wird mit Gehaltserhöhung und Beförderung belohnt, zum «Systems Engineer», zum «Advisory Systems Engineer».

Im früheren Leben nannte ich mich Ingenieur HTL, spezialisiert auf Prozesssteuerungen mit Computern. Eine Technik, bei der Computer nicht bloss Zebrapapier bedrucken, sondern mit elektrischen Signalen technische Prozesse steuern. «Direct Digital Control» nannte man das, DDC. Ursprung dessen, was man heute Digitalisierung nennt. Ich hatte 1968 am Institut für Physikalische Chemie der ETH einen der ersten Mini-Computer PDP-8i von Digital Equipment installiert und mit Lochstreifen programmiert, dann bei Siemens in Karlsruhe ein Programm für die Datenerfassung in einer Erdölraffinerie geschrieben, das zweitausend Lochkarten umfasste. Programmiert wurden die Rechner des Systems Siemens 300 in einer so genannten Assemblersprache mit dem lustigen Namen PROSA. (Programmieren mit Symbolischen Adressen, das bedeutete Maschinencode in symbolischer Darstellung.)

«Computer», das nebenbei erwähnt, war damals in der Heimat Goethes ein geächtetes Wort, da es daran erinnerte, dass nicht nur der Begriff, sondern auch die Technik vor allem aus den USA importiert war. Die Bundesrepublik schüttete viel Geld aus für die Entwicklung einer eigenständigen deutschen Datenverarbeitungsindustrie, unterstützte die Unternehmen Siemens, Zuse, Nixdorf – doch IBM blieb Nummer 1. Computer mussten gutdeutsch «Rechner» genannt werden, obwohl sie schon mehr als rechnen konnten – aber da gehen die Meinungen auseinander. (Denn im Kern des Computers ist alles digital, jede Information wird zu einer Kette aus 0 und 1, jede Operation mathematisch – selbst wenn von «Künstlicher Intelligenz» die Rede ist.)

Es ist Herbst 1970, ich habe Siemens verlassen, bin ein junger IBM-Mitarbeiter mit einiger Erfahrung, dank der ich ohne den üblichen Eintrittstest aufgenommen worden bin. Meine Gruppe befasst sich mit Prozesssteuerungen, bei IBM ein Randgebiet. Big Blue ist in der Lochkarten- und Bürowelt verwurzelt. Wir sind nur vier Leute im Team, das Verhältnis untereinander freundlich distanziert, strikt per Sie. Bei der nationalen Lastverteilerzentrale für elektrische Energie in Laufenburg, bei Chemie- und Textilfabriken und Forschungslabors betreuen wir einige Prozesscomputer IBM 1800. Schwere Ungetüme, eine Reihe von zwei Meter hohen und einen halben Meter breiten Geräteschränken, vorzugweise in IBM-Blau, gelegentlich auch in Rot, wenn es der Kunde wünscht. Magnetkernspeicher, Magnetplatten, Drucker und die unerlässliche Konsolschreibmaschine zur Bedienung des Systems – lärmender Vorläufer von Bildschirm, Tastatur und Maus.

Bis ich zum «Hands on» an einer so kostspieligen Anlage zugelassen werde, habe ich noch einen weiten Weg zurückzulegen. Von der Pike auf, wie man sagt. Das heisst, für mehrere Wochen weg von Grossraumbüro und den öden programmierten Handbüchern in ein feines, in der Zwischensaison wenig ausgelastetes Hotel in den IBM-Grundkurs. Eine Zeitreise zurück zum Ursprung, zur Lochkarte.

Als erstes lernen wir den Umgang mit Lochkarten-Tabelliermaschinen, eine uralte, noch auf Hollerith zurückgehende Technik. Industrie-Archäologie sozusagen. Mit Kabeln auf einer Stecktafel programmieren wir (rein theoretisch) die Tabelliermaschine, die Lochkarten lesen, sortieren und Tabellen drucken kann. Die museale Technik soll heute noch bei Wahlen in einigen Staaten der USA zum Einsatz kommen und für Pannen, Verzögerungen und Fehlern bei der Auszählung sorgen. Historisch folgerichtig lernen wir im Kurs die Programmiersprache RPG, «Routine Program Generator», die auf dem Computer die Funktion einer Tabelliermaschine nachbildet. Als Krönung schliesslich Einführung ins IBM System/360, die 1964 eingeführte Grossrechner-Familie, auch schon etwas angejahrt.

Wozu sitze ich eigentlich im Kurs, frage ich mich gelegentlich. Was ich hier lerne, brauche ich nicht, es hat mit meinem Fach der Prozesssteuerungen wenig bis nichts zu tun. Aus heutiger Sicht scheint mir, es sei weniger um konkretes technisches Wissen als um die Integration des Individuums in die Kultur des Unternehmens gegangen. Der Kurs ein praktischer Nachvollzug der Geschichte von IBM, von Hollerith bis zur Gegenwart, der uns zu im Unternehmen universell einsetzbaren IBMern formt. Der Konzern investiert viel in seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, was sich auszahlt – viele bleiben der Firma treu bis zur Pensionierung.

Ein Kursleiter hielt einen Vortrag zur Geschichte der IBM, eine Lobeshymne auf Thomas J. Watson, der mit seinem Verkaufstalent und seinem puritanischen Arbeitsethos das Unternehmen gross, den Aktienkurs schwindelerregend hoch und seine Familie reich gemacht hatte. Dass er ein Bewunderer Hitlers gewesen war und der Naziverwaltung Tabelliermaschinen geliefert hatte, blieb ausgeblendet. Bis kurz vor meinem Eintritt war gemeinsames Singen im Konzern noch Pflicht, unter anderem ein Loblied auf den streng religiösen Watson, «that ‹man of men,› our friend and guiding hand.»

Durchaus lehrreich empfand ich im Kurs das Unternehmensspiel TOPIC. In Gruppen simulierten wir Firmen, die auf einem gemeinsamen Mark konkurrieren, trafen Entscheide, Werbe- oder Forschungsbudgets, Bankkredite, Produktionsmengen und so. Die Eingaben wurden über Nacht im Rechenzentrum bearbeitet, der fiktive Geschäftserfolg am nächsten Morgen im Ausdruck angeliefert und besprochen. Eindrückliche Einübung in die Ideologie der kapitalistischen Marktwirtschaft. Der Eine oder Andere noch etwas von der 68er-Bewegung angehauchte Studienabgänger oder Maturand krittelte ein bisschen, der Mensch bleibe bei diesen Marktmodellen draussen vor der Tür, alles Gesellschaftliche und Politische werde ausgeklammert.

Abschluss meiner internen Schulung war ein dreiwöchiger Kurs in der Programmiersprache PL/1 im Hotel «Löwen» in Einsiedeln, ebenfalls mit wenig Bezug zu meinem Fach, doch eine weitere Gelegenheit, dem Grossraumbüro zu entrinnen. Es war Winter, feines Skiwetter und am Nachmittag erlaubte uns der barmherzige Kursleiter, für eine oder zwei Stunden auf der Piste hinter dem Hotel ein bisschen Ski zu fahren. IBM hatte PL/1 für seine Grossrechner entwickelt als Synthese der älteren maschinenunabhängigen Programmiersprachen COBOL (Common Business Oriented Language) für kaufmännisch-kommerzielle und Fortran (Formula Translation) für technisch/wissenschaftliche Anwendungen. PL/1 war eine recht komplexe aber auch etwas schwerfällige Sprache, die sich ausserhalb der IBM nie breit durchsetzte. Praktisch gebraucht habe ich PL/1 nie, doch bescherte mir der Kurs einen Programmiererfolg, auf den ich noch heute mit Stolz zurückblicke.

Computer stehen im Kurs keine zur Verfügung, der Unterricht bleibt rein theoretisch. Flip-Chart ist das bevorzugte didaktische Instrument, das im Konzern beliebt ist, seit es Thomas J. Watson vor einem halben Jahrhundert eingeführt hat. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen: Drei Wochen Programmierkurs ohne einen Computer zu sehen, geschweige denn zu benutzen. Die meisten meiner Kollegen und die wenigen Kolleginnen sind jünger als ich, oft gleich nach der Matura bei IBM eingetreten zur Ausbildung, mit Aussicht auf eine interne Karriere mit Lebensstelle und solider Pension – wozu also den mühsamen Umweg über ein Studium auf sich nehmen. Ich bin wahrscheinlich der Einzige, der schon einiges programmiert hat. Als der Kursleiter gegen Ende der Woche ankündigt, jeder dürfe ein Programm schreiben, das ins Rechenzentrum geschickt und ausgeführt werde, arbeite ich die halbe Nacht im Hotelzimmer durch. Ich programmiere «Game of Life», ein vom Mathematiker John Horton Conway 1970 entworfenes Spiel. (Mathematisch ausgedrückt, ein zweidimensionaler zellulärer Automat. Auf Wikipedia ist Life gut erklärt, samt Links zu lauffähigen Simulationen.)

Ich schreibe den Code auf PL/1-Formulare, der Kursleiter schickt sie ins Rechenzentrum. Anderntags kommt eine dicke Liste zurück – das Programm hat auf Anhieb funktioniert. Kein Fehler im Code, keiner im Ablauf.

Jahre später begegne ich dem Kursleiter wieder, wir werden Freunde, und wenn wir uns gelegentlich sehen, unterhalten wir uns über den «Output» meines Programms, der ziemlich kryptisch aussah, Blätter vollbedruckt mit Sternchen, die seltsam wuchernde Figuren bilden.

Programmieren war zu der Zeit eine umständliche und zeitraubende Angelegenheit, fast ausschliesslich Kopfarbeit, da Computerzeit eine knappe und kostspielige Ressource war. Ein guter Programmierer, eine Programmiererin musste das Programm im Kopf durcharbeiten bis es möglichst frei von Fehlern war. Man schrieb den Programmcode auf Formularblätter, Locherinnen stanzten den Code auf Lochkarten, dann schickte man das Kartenpaket ins Rechenzentrum. Der Operator führte auf dem Computer einen Job nach dem andern durch, im so genannten «Stapelbetrieb». So genannt, weil er ein Programmpaket hinter das andere auf die Eingabe des Kartenlesers stapelte. Damit der Computer wusste, was zu tun sei, steuerten Job-Control-Karten in einem speziellen Code den Ablauf, starteten zum Beispiel ein Übersetzungsprogramm für PL/1, einen Compiler. Die roten Job-Control-Karten enthielten auch Anweisungen zum Montieren von Magnetbändern oder Magnetplattenspeichern und steuerten die Ausgabe der Resultate.

Nach einigen Stunden oder einem Tag bekam der Programmierer die ausgedruckten Programmlisten zurückgeschickt. Allfällige Programmfehler waren auf den Listen vermerkt. Falls das Programm funktionierte, wurden auch die Resultate ausgedruckt, ansonsten begann der Kreislauf von vorn. Fehler korrigieren, neuer Durchlauf, einen Tag warten bis zum nächsten Ausdruck. Ein Programmtest, der heute ein paar Sekunden dauert, benötigte Stunden oder Tage.

Die grossen und teuren Computer in den Rechenzentren rauschten Tag und Nacht durch, ein Job folgte dem nächsten, die Arbeit der Operators war hart und stressig wegen dem Zeitdruck, der Schicht- und Nachtarbeit und körperlich anstrengend mit dem Handhaben der schweren Lochkartenpakete und Plattenstapel. «Closed Shop» nannte man dieses Verfahren, im Gegensatz zu «Open Shop», wenn ein Programmierer selber im Rechenzentrum den Computer bedienen durften und dafür eine bestimmte Zeit zur Verfügung bekam. Manchmal auch mitten in der Nacht. Ich erinnere mich an eine Stunde Rechenzeit an einem Sonntagmorgen zwischen 3 und 4 Uhr.

Rechenzentren waren – wie der Name sagt – Ausdruck eines zentralistischen Konzepts der Computertechnik. Deutlich wurde mir das auch in seiner politischen Dimension, als ich in einem internationalen Projektteam mitarbeitete. Wir entwickelten die Software für ein Kontrollzentrum in Teheran, von dem aus das gesamte Elektrizitätsnetz des Iran gesteuert werden sollte. Kern des Systems waren zwei Prozesscomputer IBM 1800, technisch schon zu jener Zeit ziemlich veraltet. Im Iran war Schah Reza Pahlavi an der Macht, und mir schien, die zentralistisch konzipierte Anlage widerspiegle das diktatorische politische System des Landes, das mit Geheimpolizei und Armee jede Opposition unterdrückte. Im Projektteam arbeiteten Ingenieure und Programmierer aus der Schweiz, den USA, England, Schweden, Brasilien und aus dem Iran. Gespräche über Politik waren am Arbeitsplatz tabu.

Man muss sich das vorstellen: Die beiden Computer IBM 1800 besassen einen Arbeitsspeicher von 128 Kilobyte – jener des Mac, auf dem ich jetzt schreibe, ist über 100 000 mal grösser, der Prozessor tausend mal schneller. Ich programmierte – in Fortran – ein Programm, das sämtliche Stromgeneratoren im Land, in AKWs, in Gas- und Wasserkraftwerken leistungsmässig überwachen sollte. Dafür standen nur wenige Kilobyte Speicherplatz zur Verfügung  – ob das alles je funktionierte nach der Montage in Teheran, habe ich nie erfahren.

Dass IBM noch lange an der Technologie grosser zentraler Rechner festhielt, so genannten «Mainframes», wurde für das Unternehmen beinahe zum Verhängnis, als sich ab Mitte der Siebzigerjahre die kleinen autonomen Systeme verbreiteten: Minicomputer, Mikroprozessoren, Personal Computer. «Big Blue» konnte Anfang der Achtzigerjahre im letzten Moment durch eingekaufte Technologie den möglichen Untergang verhindern. Eine kleine Softwarebude namens Microsoft mit ihrem Chef Bill Gates lieferte das Betriebssystem DOS für den ersten IBM Personal Computer.

Ein grosses Problem, nicht nur beim Iran-Projekt, war der Speicherplatz. Als Arbeitsspeicher dienten vor allem die teuren, grossen und relativ langsamen Magnetkernspeicher; Magnetplatten und Magnetbänder als Externspeicher verfügten über winzige Kapazitäten verglichen mit heutigen Harddisks oder Sticks. Für komplexe Aufgaben standen nur wenige Kilobyte Arbeitsspeicher zur Verfügung, was für den Programmierer hiess: «Platz sparen mit allen Tricks und Kniffen!» Programmierer waren noch Einzelkämpfer, jeder schrieb den Code in seinem Stil, die modernen Instrumente des Softwareengineering waren noch wenig entwickelt. Die Programme dementsprechend unübersichtlich, schlecht dokumentiert, oft verschachtelter «Spaghetticode», Fehler häufig. Das damals grösste Softwarepaket, das Betriebssystem OS/360 für IBMs System/360, beinhalte konstant tausend Fehler, habe ich einmal gelesen. Mit jedem «Patch», der ausgeliefert wurde, um einen Fehler zu beheben, werde im Durchschnitt ein neuer eingebaut. Kurz – man hatte die Software nicht mehr im Griff, die Komplexität und der Umfang der Projekte nahm laufend zu, die Kosten explodierten und überstiegen schon bald jene der Hardware. Man sprach zu jener Zeit von einer «Softwarekrise».

IBM lieferte Computer und Software als Paket, deshalb klagte Ende der 1960er Jahre die Konkurrenz auf Verletzung der Anti-Trust-Gesetze der USA. Unabhängigen Lieferanten von Hard- oder Software war es fast unmöglich mit dem Quasi-Monopol zu konkurrieren, was die technische Entwicklung der Branche behinderte. Gerichte zwangen IBM zum «Unbundling», das heisst, Hard- und Software mussten fortan getrennt angeboten werden.

Ein typischer Fehler aus jener Zeit des rigorosen Platzsparens hat eine ziemlich üble Karriere gemacht: der Millennium Bug. Es war in Programmen üblich, die Jahreszahl in zwei Ziffern darzustellen, statt in vier, also 99 statt 1999. Das sparte ein paar Bit, aber immerhin. Der Horizont der Branche, deren PR-Abteilungen stets von grandioser Zukunft schwärmten, reichte in der täglichen Praxis nicht bis ins Jahr 2000. Kurz vor der Datumswende sprach sich herum, dass sich der Jahrtausendsprung in Hunderttausenden von Programmen weltweit verheerend auswirken könnte. Zum Beispiel die gesamte Stromversorgung des Iran oder anderer Länder lahmlegen, weil die zentralen Computer stillstanden oder falsche Leistungswerte berechneten. Eine globale Katastrophe zeichnete sich ab, doch kam die Welt schliesslich glimpflich davon, da rechtzeitig mit Milliardenkosten die alten Programme überarbeitet wurden. Pensionierte Softwareleute wie mein damaliger PL/1-Kursleiter verdienten sich eine goldene Nase mit dem «Debugging», also der Beseitigung der programmtechnischen Altlasten.

Mein letztes Projekt bei IBM war die Entwicklung einer computergesteuerten Testanlage für Funkgeräte der Schweizer Armee. Wenig leistungsfähige schwere Geräte, über die ich mich als Funker im Gebirgsdienst schon ziemlich geärgert hatte. IBM hatte einen neuen Prozesscomputer eingeführt, das System/7, konzipiert als «Frontend» zu Grosscomputern der IBM/360er und der neuen IBM/370er Linie. Das machte die Programmierung komplizierter statt einfacher. Wir entwickelten die Programme im Rechenzentrum in konventioneller Weise, Eingabe auf Lochkarten, die Ausgabe auf Lochkarten mussten wir in Lochstreifen konvertieren, mit denen wir den Programmcode ins System/7 übertrugen. Als Eingabegerät, Konsolschreibmaschine und Drucker diente ein Teletype. Die umständliche Arbeitsweise war ein technischer Rückschritt, dahinter stand das Konzept der zentralistischen, hierarchisch aufgebauten Systeme. Schon Jahre zuvor hatte ich an der ETH mit leistungsfähigen und autonomen Minicomputern gearbeitet. Ich fragte mich, warum unsere Kunden nicht die feinen Maschinen der Konkurrenz vorzogen. Doch die drei Buchstaben IBM öffneten manche Tür, die Marktmacht von «Big Blue» wirkte Wunder.

Trotzdem, das Projekt war interessant und verschaffte mir die Gelegenheit, im Rechenzentrum in Altstetten selber an einer IBM/360 zu arbeiten. Ein bisschen Herzflattern hatte ich schon, als ich zum ersten Mal nachts allein vor der beeindruckenden Front des Grosscomputers stand. Auf der hellgrauen Fläche von etwa einem Quadratmeter blinkten Myriaden von Lämpchen, eine Anzahl Tasten und Schalter diente Funktionen, die nur Eingeweihte verstanden. Bis in deren Geheimnisse waren wir in den Grundkursen nicht vorgedrungen. Das Handbuch hatte ungefähr den Umfang von drei Telefonbüchern. Rechts oben gab es einen grossen Knopf in Pilzform, angeschrieben mit «Emergency Switch». Falls das System ausser Rand und Band geraten würde, die Magnetplatten überdrehen oder gar Rauch aus den blauen Schränken quellen, wäre es die Notbremse die man ziehen musste. Aber nur im äusserten Fall, denn nur Servicetechniker konnten die Anlage anschliessend wieder in Gang setzen. Ich hatte Glück, musste nie nach dem letzten Pilz greifen.

Für das Projekt arbeitete ich mit einem Kollegen gelegentlich in einem Rechenzentrum des Eidgenössischen Militärdepartements in einer Industriehalle in der Umgebung der Bundesstadt. Was mich wunderte war, dass wir am Eingang nur auf den Knopf der Gegensprechanlage drücken mussten und uns melden: «Wir kommen von IBM.» Schon öffnete sich das streng geheime militärische Sesam. Keine Kontrolle, kein Badge, nichts, der Zauber der drei Buchstaben öffneten auch diese Tür. Ich möchte beinahe von der «Guten alten Zeit der EDV» reden. Rechenzentren waren noch kaum gesichert. In der Innenstadt von Zürich konnte man durch Schaufenster den Operators von IBM bei der Arbeit zusehen. Noch bunkerte man die Systeme nicht ein wie heute, wo sensible Daten in alten Militärfestungen aufbewahrt werden, mit Panzertüren, Schleusen mit Gesichtserkennung und Software-Firewalls geschützt gegen Viren, Trojaner, Hacker, Cyberkrieger und Internet-Terroristen.

IBM war kein Gefängnis – es sei denn eines mit goldenen Mauern – doch erschien mir das Unternehmen zunehmend als eine nach aussen abgeschottete Welt. Heute würde man vielleicht den Begriff «Echokammer» dafür verwenden. Wenn ich am Morgen das Grossraumbüro betrat, in Kittel und Krawatte, war ich ein anderer Mensch als jener, der am Abend in Jeans und Lederjacke an Kundgebungen gegen den Krieg in Vietnam teilnahm. Den brutalen Konflikt, bei dem von den Truppen der USA auch IBM-Technologie eingesetzt wurde. Beruflich fühlte ich mich zunehmend in einer technischen Monokultur gefangen, mit einer gewissen Perspektive innerhalb, aber einer schwindenden ausserhalb der Welt von «Big Blue».

Als ich am ersten Arbeitstag des Jahres 1973 wieder einmal durch den Mittelgang des Grossraumbüros nach vorn wanderte, war nicht der Kaffeeautomat mein Ziel, sondern der Abteilungsleiter. Ich überreichte ihm meine Kündigung. In einem langen Gespräch erlebte ich ihn als Mensch, der mich durchaus verstand. «Was sind Ihre Pläne?», fragte er zum Schluss. «Schreiben», sagte ich. «Aber keine Programme.» Er gab mir die Hand, wünschte mir Glück.

Wie das Leben so spielt. Zwei Jahre später sitze auf einem harten Stuhl in einem Labor bei Siemens-Albis in Zürich-Albisrieden, baue und programmiere computergesteuerte Testsysteme für Komponenten der analogen und digitalen Telefonie. Wir setzen Mikroprozessoren und kleine, leistungsfähige Computer PDP-11 von Digital Equipment ein. Ich trage T-Shirt und Jeans, bin mit den Kollegen und Kolleginnen in der Gruppe per Du, die Kaffeemaschine ist in Reichweite. Ich bin Vater geworden, Mitglied der Gewerkschaft und der Betriebkommission, arbeite an meinem ersten Roman. Thema: Eine Nacht in einem Rechenzentrum. Bei der Einstellung habe ich den damals noch ungewöhnlichen Wunsch geäussert, Teilzeit zu arbeiten. Der Personalchef war einverstanden ohne zu fragen, wozu ich denn zwei freie Tage pro Woche brauche. Vielleicht hat mein Arbeitszeugnis von IBM auch diese Tür geöffnet.

Englische Fassung dieses Textes im Buch:
Data Centers. Edges of a Wired Nation. Verlag Lars Müller, Zürich 2020