Vorträge

Vortrag vom 29. November 1995 an einer Tagung der EDK,
Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, in Balsthal.

Schule im Netz

Von der patriarchalen zur partnerschaftlichen Schule.

Mein Lehrer brauchte vor 40 Jahren keine Partner, er konnte und
wusste alles, er beherrschte sämtliche Medien, die es gab, und
alle Hilfmittel, er fotografierte, filmte, machte Tonbandaufnahmen.
Er sprach mehrere Sprachen, er hatte eine gestochene Handschrift,
konnte perfekt rechnen und war Fourier im Militärdienst. Er kam
aus der Stadt, kannte die Welt, wir wohnten hinter dem Berg und
wussten nichts.
Mein Primarlehrer war ein hervorragender Lehrer, wir lernten viel,
wir bestanden die Sekundarschulprüfung glänzend. Er entdeckte
und förderte auch mein Schreibtalent. Noch heute bin ich ihm dankbar
dafür.
Doch machen wir uns nichts vor: Er führte seine 6-Klassen-Schule
autoritär, patriarchalisch, wenn auch überaus engagiert. Er war
Lehrer mit Leib und Seele, traditionell und kompetent. Mit 50
war er ausgebrannt und wechselte den Beruf. Als Personalchef in
einem kleinen Unternehmen war er glücklich, wie er mir einmal
erzählte.

Die traditionelle Schule ist patriarchalisch, nicht partnerschaftlich.
Der Lehrer weiss es, die Lehrerin kann es. Das Modell war sicher
erfolgreich in der einfachen Welt, in der ich aufgewachsen war,
ein Dorf hinter dem Bachtel, eine Fabrik, ein paar Bauernhöfe.

Unser aller Bild von der Schule ist noch immer geprägt von der
eigenen, weit zurückliegenden Lernerfahrung, obv wir wollen oder
nicht. Sie ist uns Massstab und Leitlinie. Wenn ich heute eine
Schule besuche ­ das kommt öfters vor ­ nehme ich wenig Unterschiede
wahr: Vorn sitzt der Lehrer, die Lehrerin, da ist die Wandtafel,
der Projektor, im Raum verteilt die SchülerInnen, es gibt einen
Stoff, verteilt auf Fächer, die unterrichtet werden. Die moderne
Medienwelt, auch wenn sie vorhanden ist, wird sorgfältig versteckt:
Die Computer im Informatikraum, streng abgeschlossen, ebenso der
Video im Schrank. Die Schule präsentiert sich wie eh und je.

Vor fast 40 Jahren trat ich als Elektroniker-Lehrling in einen
Industriebetrieb ein, es gibt ihn noch, allerdings gehört er zu
einem Konzenr. Wenn ich ihn heute besuche, stelle ich fest: Da
ist nichts wie es war. Die Produkte, die Arbeitsorganisation,
das benötigte Wissen und Können unterscheiden sich radikal von
dem damaligen. Ich erinnere mich, dass wir das Wort «Computer»
hörten, aber eine klare Vorstellung war damit nicht verbunden.

Während mein Lehrer heute jederzeit wieder eine Schule betreten
und unterrichten könnte, ich behaupte, er wäre noch immer ein
guter Lehrer, könnte ich heute nichteinmal mehr als Lehrling bestehen.

Die Schule wandelt sich langsam, viele Bremsen sind eingebaut.
Denken Sie an Diskussionen wie Schujahresbeginn, Blockzeiten,
neue Oberstufenmodelle, Französisch, Leistungsbeurteilung der
LehrerInnen. Selbst minimale inhaltliche und organisatorische
Veränderungen lösen lange Diskussionen, Kommissionsarbeit, politische
Prozesse aus. Eine solche Institution kann nur konservativ sein.

Die Schule konserviert aber auch wichtige Dinge: Lesen, Schreiben,
Rechnen, die grundlegenden Kulturtechniken wirft die Schule nicht
so schnell über Bord, einfach weil es jetzt den Taschenrechner
und den PC gib. Vorsichtig setzt sie sich mit den neuen Instrumenten
auseinander, rennt in der Regel nicht jedem modernen «Furz» hinterher.
Das bewahrt die Schule auch davor, viel Techikschrott entsorgen
zu müssen.

Doch Schule und gesellschaftliche Wirklichkeit driften immer schneller
auseinander. Vielleicht ist der Röstigraben zwischen Schule und
Gesellschaft tiefer als jener zwischen Welsch und Deutsch oder
Stadt und Land.

1. Rolle und Aufgabe der Schule in einer sich wandelnden Gesellschaft
Was also ist zu tun?
Weniger Schule, fordern die einen. Der Computerpädagoge Seymour
Papert hat 1980 in seinem Buch «Kinder, Computer und Neues Lernen»
geschrieben: «Ich glaube, dass das Vorhandensein von Computern
uns befähigen wird, die Lernumgebung ausserhalb des Klassenzimmers
so zu modifizieren, dass viel, wenn nicht alles Wissen, das die
Schulen heutzutage so mühevoll, mit so grossen Kosten und so begrenztem
Erfolg zu vermitteln trachten, gelernt wird, wie ein Kind das
Sprechen lernt, mühelos, erfolgreich und ohne organisierten Unterricht.
Das bedeutet natürlich, dass Schulen, wie wir sie heute kennen,
keinen Platz in der Zukunft haben.» Papert war einer derjenige,
der sich am fundiertsten mit der Rolle des Computers in der Schule
und im Lernen auseinandergesetzt hat. Aber weder seine LOGO-Didaktik
noch Multimedia-Technologie, von der er sich neuerdings viel verspricht,
haben die Kluft zwischen Schule und Informationsgesellschaft überbrückt.
LOGO ist heute kein Thema mehr.

Mehr Schule fordern dagegen andere. Bei jedem gesellschaftlichen
Problem, das heute aufbricht, heisst es: «Die Schule sollte halt…»
Natürlich kann die Schule weder das Drogenproblem lösen noch die
Umweltbelastung vermindern noch Frieden auf Erden schaffen und
schon gar nicht die Menschen in der rasant sich wandelnen Gesellschaft
orientieren und ausbilden. Trotzdem ist das am häufigsten gehörte
Rezept: «Die Schule sollte…» Den Umgang mit moderer Informations-
und Kommunikationstechnologie lehren zum Beispiel. Die Rolle,
die der patriarchalische Lehrer im Dorf noch hatte, das Alles-Wissen-und-alles-Können
und das Helfen in jeder Lebenslage, diese Rolle wird der Schule
noch heute zugedacht. Die Schule ist im Bild der Bevölkerung eine
patriarchalische Institution geblieben. Das ist bequem. Wo immer
es auch brennt, die Schule ist schuld, sie hat versagt.

Die Schule steckt im Dilemma. Sie sollte tradititionsbewusst und
fortschrittlich gleichzeitig sein, sie sollte den gesellschaftlichen
Entwicklungen folgen, aber gleichzeitig ihre Probleme lösen helfen.
Multimedia nutzen, aber trotzdem zum Bücher lesen führen. Den
Taschenrechner unterrichten wie auch das Kopfrechnen. Textverarbeitung
und Schönschreiben. Die Menschen auf das Beherrschen der modernen
technischen Mittel vorbereiten wie auch auf den kritischen Umgang
damit. Allgemeinbildung nicht vernachlässigen und trotzdem aktuelles
Fachwissen vermitteln. Just-in-time-Wissen und traditionelles
Kulturgut.

Das Dilemma ist letztlich unlösbar. Die Schule muss damit leben,
auf jeder Stufe. Was sicher nicht geht ist: Die alten Strukturen
beibehalten und gleichzeitig die neuen Technologien integrieren.
Joseph Weizenbaum schreibt zwar 1977 in seinem Buch «Die Macht
der Computer und die Ohnmacht der Vernunft», der Computer trage
zur Erhaltung der alten Strukturen bei: «Der Computer kam gerade
noch rechtzeitig, um gesellschaftliche und politische Strukturen
intakt zu erhalten ­ sie sogar abzuschotten und zu stabilisieren
­, die andernfalls entweder radikal erneuert worden oder unter
den Forderungen ins Wanken geraten wären, die man unweigerlich
an sie gestellt hätte.»
Tatsächlich haben aber der Computer und vor allem Personal-Computing
und Computernetze in der Wirtschaft alte Strukturen und Hierarchien
nachhaltig verändert, ebenso die Arbeitsinhalte und die Arbeitsorganisation.

10 Jahre Informatikunterricht und Computerräume haben dagegen
in den Schulen wenig an den tradtionellen Strukturen verändert,
vielleicht haben sie sie sogar stabilisiert, gemäss Weizenbaums
These. Die Reformen, die heute im Schulwesen Gange sind, haben
andere Ursachen: Die knappen Finanzen und die politischen Veränderungen
in Europa.

Meine Tochter lernte am Gymnasium zwar Pascal-Programmieren, am
Bildschirm wurden jedoch Klausuren durchgeführt wie eh und je.
Wenn moderne Mittel dazu dienen, die alte Schule zu konservieren,
kann sich sie Schule die Investitionen sparen. Da werden die neuen
Schläuche nur mit den alten Inhalten gefüllt.

Die moderne Technik allein macht also die neue Schule noch nicht.
Sie ist, und hier hat Weizenbaum recht, oft nur ein Vorwand, um
die grundlegenden Reformen zu vermeiden oder hinauszuschieben.
Technikfeindlichkeit allein ist aber auch noch keine Garantie
für eine menschenfreundliche Schule.

Die Schule muss sich besser erklären. Sie muss transparenter und
offener werden. Gerade weil sie sich im Dilemma befindet, muss
sie nach aussen treten, auf ihre Aufgaben und Schwierigkeiten
aufmerksam machen. Darum kommt die Schule nicht herum: Sie muss
Öffentlichkeitsarbeit machen, und zwar auf jeder Stufe und in
alle Richtungen. Nicht bloss die pädagogischen Institutionen,
sondern jedes einzelne Schulhaus muss aktiv werden.
Dabei können Computer und moderne Kommunikationsinstrumente von
hervorragendem Nutzen sein. Von der im Desktop-Publishing-Verfahren
gestalteten Schülerzeitung über E-mail bis zur Schul-Home-Page
auf Internet stehen hier eine grosse Zahl von Mitteln zur Verfügung,
die Technik bedingen aber nicht nur. Sie bedingen auch Sprachkompetenz,
Flexibilität und Kreativität.

Beispiele gibt es, etwa das «Eschliker Schuelchruut», in dem SchülerInnen,
LehrerInnen, Schulebehörden und Eltern zu Wort kommen. Initiant
war ein Computerfachmann im Schulrat.

2. Rolle und Aufgabe der verschiedenen Partner
Beginnen wir beim Wort. Partner kommt aus dem Englischen, Part
heisst Teil. Partner sind Teilhaber, Mitspieler, Gefährten. Partner
können aber auch Gegenspieler sein, zum Beispiel beim Schach.

Partner sein heisst Geben und Nehmen. Der eine hat dies, die andere
das, erst die Gemeinsamkeit macht das Ganze, jeder ist nur Teil.
Partner sein heisst also, sich als Gleichwertig akzeptieren oder
zumindest als gleich wichtig, denn fehlt ein Teil, ist das Ganze
nicht ganz. Ganheitlich soll ja heute die Schule sein, um einen
Gemeinplatz zu gebrauchen. Ohne Partner also kein Spiel, auch
wenn man Gegenspieler ist.

Die Schule als Spiel aufzufassen, wäre ja auch ein schöner Gedanke,
mit Mitspielern und Gegenspielern, jedenfalls Partnern, die alle
ihren Teil beitragen zum Ganzen.

Partnerschaft hat also nichts mit Patriarchat zu tun, mit patriarchalischem
Verhalten. Denn das lässt weder Spiel noch Gemeinsamkeit zu.

Partnerschaft zwischen Lehrenden und Lernenden ist wohl der schwierigste
Part. «Ich und meine Schüler sind Partner», ist schnell dahingesagt
und klingt fortschrittlich. Die Praxis aber ist furchtbar schwierig.
Ich habe genug lange Informatik unterrichtet um zu wissen, wie
es weh tut, wenn ein Lernender die richtige Taste vor mir findet.
Der Patriarch schlummert eben auch in mir, nicht nur im System.
Sobald ich vor die Klasse trete, und selbst wenn ich in den Kreis
an den Boden sitze, nehme ich innerlich die traditonelle Rolle
ein: Ich muss alles wissen, ich muss alles können. Auch wenn es
nicht mehr stimmt.

Computer sind neue Partner, und äusserst perfide dazu, viel schlimmer
als der Schulinspektor. Compter entlarven jede Schwäche und jede
Lüge. Und oft funktionieren sie auch nicht, wenn ich alles richtig
mache. Computer, und das sagte ja auch schon Papert, werfen alle
unsere traditionellen Vorstellungen über Richtig und Falsch über
den Haufen. «Die Schule lehrt, dass Fehler schlecht sind», schreibt
Papert, doch «Fehler helfen uns, weil sie uns dazu bringen, herauszufinden,
was falsch gelaufen ist und aufgrund dieses Versämnisses die Fehler
zu korrigieren.» Fehler dienen in der partnerschaftlichen Schule
nicht mehr der Qualifikation, sondern der Orientierung. Fehler
sind wichtige Botschaften: Hier ist die Sackgasse, versuche es
dort. Versuch und Irrtum ist ein neues Prinzip. Lernen wird also
eminent induktiv, geht also von der Erfahrung aus, das deduktive
Lernen, das vom Bücherwissen ausgeht, tritt in den Hintergrund.

In Finnland beispielsweise, beauftragt das Erziehungsdepartement
«Computer Kids» mit der Installation von Bildungsnetzwerken. Sie
können es besser als die LehrerInnen.

In Wil gibt es ein Projekt, wo Sekundarschüler Geschichten schreiben
für Kindergärtler.

Die Rolle der Lehrenden verändert sich also in einem partnerschaftlichen
Konzept grundlegend. Sie sind nicht mehr die Träger von Wissen,
sondern sie organisieren Lernen. Sie geben allenfalls die Richtung
vor, gemeinsam wird dann der Pfad gesucht. Und dieser kann auf
einen Berg führen, in den Zoo oser ins Internet. Nicht die Technik
ist entscheidend, sondern die Auffassung der Rolle.

Lehrende würden demnach Spielleiter in dem Spiel, das Schule heisst.
Sie geben, vor allem geben sie eine Richtung vor. Sie nehmen aber
auch. Viele Lernende können etwas besser, haben irgendwo mehr
Erfahrung gesammelt etwas beizutragen oder eine Entdeckung gemacht.
Der Lehrende wird, nach einem modernen Wort, zum Navigator.

Wenn es noch Noten gibt, in einer partnerschaftlichen Schule,
dann für Lehrende wie Lernende. An der ETH beispielsweise beurteilen
die StudentInnen die DozentInnen.

Was die Klasse erarbeitet ­ sofern es in einer parterschaftlichen
Schule noch Klassen gibt ­, wird ebenfalls veröffentlicht. Zum
Beispiel auf Internet, wie jene Klasse der Dalton-School in N.Y.,
welche ihre Diplomarbeiten in Astronomie auf Internet veröffentlichte,
weltweit zugänglich. In erster Linie natürlich zugänglich für
andere Klassen, für benachbarte Schulen, für Eltern, Lehrende,
Interessierte.

Auch das Technikum Biel hat eine Home-Page, in der sich Informationen
über die Stadt, über die Schule, die Schülerzeitung und Diplomarbeiten
finden.

Oder Sarah Hull, die Kindergärtnerin aus Austin, Texas, die die
Zeichungen ihrer Kinder aufs Word-Wide Web schickt. So sind wir
mit ihr in Kontakt gekommen, haben uns über E-mail über ihre Arbeitsbedingungen
unterhalten.

Es muss nicht nur das elektronische Netz sein. In unserem Dorf
produzieren Schüler gelegentlich auf dem Computer eine Zeitung.
Sie machen Umfragen, Reportagen, Interviews, schreiben Bericht.
Und verkaufen die Zeitung dann von Tür zu Tür.

Elektronik überwindet aber auch politische und sprachliche Grenzen.
Bekannt sind die internationalen Korrespondenzen via Schulnetzwerke,
zum Beispiel Campus 2000 mit 3500 angeschlossenen Schulen, oder
das «Transatlantische Klassenzimmer» auf Internet. Bekannt ist
das Projekt von Schulen in Nordirland, wo über die Konfessions-
und politischen Grenzen hinweg Schulen korrespondieren und gemeinsame
Arbeiten verfassen. Im Jahr 1989 begann in das Experiment, Schulen
aus katholischen und protestantischen Gebieten durch elektronische
Post miteinander zu verbinden. «Eine persönliche Begegnung zwischen
den Klassen könnte schlimmstenfalls Bombenanschläge und Tötungen
nach sich ziehen und war somit unmöglich», schreibt der Lehrer
John B. Cunningham. Die anfängliche Unsicherheit der Lehrer wurde
von der Begeisterung der Schüler überrollt. «Nach sechs Monaten
zeigte sich das Projekt bereits als voller Erfolg.» Projektartig
erarbeiteten die beteiligten Klassen Themen aus der Geschichte
Irlands, mit der didaktischen Absicht, die gemeinsamen Wurzeln
zu entdecken. «Unsere Kinder fangen an, eine andere Sicht von
Nordirland zu entwickeln», schreibt ein Lehrer.

Wenn es zur Überbrückung des Röstigrabens nicht schon Projekte
in der Art gibt, muss man sie schleunigst einrichten. Internet
jedenfalls ist vorhanden, morgen schon nutzbar.

Alle nur denkbaren Partnerschaften machen die neuen Informations-
und Kommunikationstechnologien möglich, lokal wie auch weltweit
und über alle Gräben hinweg.

Ein Blick in die Wirtschaft zeigt noch viel tiefer gehende Veränderungen.
Die Arbeitseinheit im gleichen Raum, beispielsweise eine Abteilung,
ist der weltweit verteilten und vernetzten Arbeitsgruppe gewichen.
In einem Unternehmen, das ich kürzlich besuchte, sind Korridore
und Türen abgeschafft, alle Arbeitsplätze weltweit vernetzt.
Die Wirtschaft hat gelernt, dass es nicht nur die Werkzeuge sind
und die Produkte, die den Betrieb in Zukunft am Leben erhalten,
sondern es ist eine Organisation, die sehr rasch auf Veränderung
reagieren kann. Und hier ist die moderne Technik ein unentbehrliches
Instrument. Das moderne Unternehmen ist unabhängig vom Standort,
es besteht zum grossen Teil aus Computerarbeitsplätzen, Netzwerken
und Datenbanken. Wobei der Arbeitsplatz immer auch ein Lernplatz
ist, wo am Bildschirm oder in direkter Kommunikation täglich Neues
gelernt und trainiert wird. Just-in-time Wissen. Veränderungen
der Organisation sind ohne grosse Umzugsarbeiten möglich, Arbeitsgruppen
sind weltweit organisiert, vernetzt mit modernen Mitteln wie E-mail,
Fax, Videokonferenz.

Die Schule der Zukunft könnte ähnlich aussehen: Keine Schulzimmer
mehr, keine festen Klassen mehr, Lehrende als Berater, als Begleiter,
als Navigatoren. Eine Schule, die sich rasch und flexibel veränderten
Bedingungen anpassen lässt, inhaltlich, räumlich, organisatorisch.
Die Lehrmittel und Lernprogramme und die Schularbeiten sind auf
dem Netz, sind von überall her abrufbar, auf von den Eltern. Sofern
es noch Noten gibt, auch diese. Die Schule der Zukunft ist transparent
und standortunabhängig. Das Kind im Spital kann mit seinem Laptop
daran teilnehmen.

Den Übergang zu einer so organisierten Schule schaffen Lehrerinnen
und Lehrer nicht allein schaffen, ist klar. Doch Partnerschaft
heisst Geben und Nehmen. Öffnet sich die Schule nach aussen, gibt
sie mehr von sich preis, so wird sie auch mehr bekommen: Von den
Eltern, von Fachleuten in der Umgebung, von der Öffentlichkeit,
von den Politikern, von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern.

Ein Reformprojekt Schule könnte einen Kreislauf von Informationen
und Erfahrungen in Gang setzen, der auf allen Ebenen spielt: lokal,
national, international.

3. Förderung der Partnerschaften
Nur in einem Klima des Vertrauens kann Partnerschaft wachsen.
Ich war seit jeher ein Gegner von abgeschlossenen Computerräumen,
von fett ausgebauten Lehrergeräten und mageren Schülerstationen,
von Passwörtern und Panzerschränken. Wissen soll öffentlich sein,
diese Forderung der Aufklärung kann im Zuge der Informatisierung
nicht genug oft wiederholt werden. Die Computer der Schüler sollen
ebenso leistungsfähig sein, wie die der Lehrer. Lieber weniger
Computer, die viel können, als viele, die wenig können.

Internet ist ein fortschrittlicher Ansatz, in dieser Beziehung.
Hunderttausende stellen ihre Texte und Bilder frei zur Verfügung,
publizieren ihre Archive und ihre Arbeiten. Auch ich publiziere
Texte und Angebote auf dem Netz, nebenbei gesagt: http://www.zopfi.ch.

Millionen können die veröffentlichten Angebote nutzen zu erschwinglichem
Tarif. Das Konzept Internet fördert Partnerschaft. Geheimniskrämerei,
Angst oder die Furcht, ein Geschäft zu verpassen, zerstört sie.
Auch die verbreitete Meinung, auf dem Netz zirkuliere nur Pornografie,
Gewalt und Sektenpropaganda. Internet ist besser als sein Ruf.

Partnerschaft kann sich aber nicht auf den Cyberspace beschränken.

Ein Beispiel: In unserer Berggemeinde unterrichtete ein Reallehrer,
als die Stelle des Gemeindeschreibers vakant wurde, meldete er
sich. In den vier Jahren seiner Tätigkeit stellte er die Gemeindeverwaltung
auf den PC um, entwickelte eine eigene Software, die später von
14 weiteren kleinen Gemeinden übernommen wurde und viel billiger
und besser war, als kommerzielle Produkte. Stefan Brügel, so heisst
der Mann, kehrte anschliessend wieder in den Schuldienst zurück,
als Adjunkt auf eine Erziehungsdirektion und Fachmann für Projekte.

So stelle ich mir Partnerschaft zwischen Schule und «Gesellschaft»
vor: Bei diesem Beispiel haben beide Seiten profitiert, die Gemeinde
vom «Geist» und der Erfahrung des Lehrers, die Schule von seiner
Praxis. Die Brücke stellte letztlich der Computer her, die Universalmaschine,
die sowohl hier wie auch dort im Einsatz steht. Wenn Stefan Brügel
von Projekten spricht, weiss er aus eigener und langjähriger Erfahrung,
wovon er spricht.

Der Beruf ist in dieser raschen Zeit nicht mehr eine Sache fürs
Leben. Ich selber habe sechs Berufe ausgeübt: Elektroniker, Elektroingenieur,
Informatiker, Erwachsenenbildner, Schriftsteller, Journalist.
Kaum ein Mensch übt mehr ein Leben lang denselben Beruf aus und
wenn, dann hat derselbe seinen Inhalt radikal verändert. Denken
wir an einen Typografen, vor hundert Jahren und heute. Oder an
eine Sekretärin. Alles ist anders, die Werkzeuge, die Produkte,
der Arbeitsplatz, die Organisation und die Beziehungen.

Im Bildungswesen ist die Berufswelt dagegen statisch: Natürlich
treten in Zeiten des Lehrermangels viele in die Wirtschaft über,
selten jedoch kehren sie wieder zurück. Das ist ein grosser Verlust,
denn sie würden mit ihrer Erfahrung eine grosse Bereicherung bringen:
Der Journalist, die Empfangsdame bei Landis & Gyr, die Buchhändlerin,
der Grafiker, die Fernsehredaktorin, die Dramaturgin, die Softwarespezialistin.
Konsequent gedacht würde das auch heissen: Jeder Lehrende müsste
einen Teil seines Lebens an einem andern Arbeitsplatz verbringen,
nicht bloss in einem Praktikum, um eine echte Partnerschaft zwischen
Schule und Gesellschaft zu schaffen.

Könnten Lehrerinnen und Lehrer der Wirtschaft ebenfalls wertvolle
Erfahrungen anbieten? Ich denke schon. Frau Maissen, Empfangsdame
bei L&G sagte mir, sie habe aus dem Lehrberuf die Fähigkeit zur
Organisation und die Sprachen mitgebracht. Da Lernen immer mehr
Raum einnimmt in der Berufsarbeit, könnte ich mir vorstellen,
dass bei der Entwicklung von Lernprogrammen didaktische Erfahrungen
nützlich sein könnten. Ich habe eine Firma besucht, die kommerziell
und weltweit Software entwickelt, die dem CBT-Lernen in Datennetzen
dienen soll. 20 Softwarespezialisten arbeiteten daran, keiner
mit irgendwelcher didaktischer Ausbildung oder Erfahrung. Das
kann, würde ich behaupten, nur schief herauskommen.

Die Idee des Projekts habe ich aus meiner eigenen Industrieerfahrung
als Informatiker in die Erwachsenenbildung übernommen. Ich meine
nicht bloss «Projektunterricht», sondern das Durchführen wirklicher
Projekte in der Schule. Manchmal sage ich dem auch: «Lernen am
Produkt». Ein Produkt motiviert, ein Produkt befriedigt, ein Produkt
spricht für sich, macht als das Thema öffentlich. Jahrelang habe
ich an einer Erwachsenenbidungsschule das Projekt «Wolfbach Hauszeitung»
geleitet, daran waren verschedenste Partner beteiligt, Kurse,
Fachleute für Grafik, Bildverarbeitung, Computer.

Für Projekte braucht es nicht unbedingt Computer. Don Lorenzo
Milani, Gründer und von 1954 bis zu seinem Tod im Jahr 1967 Leiter
der legendären «Scuola di Barbiana» schrieb: «Auch das Schule
geben kann Strassen produzieren… Das Wunder wurde von den Jungen
von Barbiana vollbracht.» Die Schüler bauten in dem abgelegenen
Bergdorf bei Florenz nicht nur die Strasse, sondern auch die elektrische
Installation, die Wasserversorgung und ein Schwimmbecken. Und
sie schrieben gemeinsam ein Buch, das ein Weltbestseller geworden
ist: «Lettera a una professoressa». Die Schüler schrieben auch
Briefe an Schulen in aller Welt, hätte es damals schon Internet
gegeben, sie hätten es gewiss benutzt. Und jeder Gast, der nach
Barbiana kam, musste auch unterrichten.

Unsere Schüler haben es bequemer, Strassen bauen müssen sie nicht
mehr und haben auch nicht, wie Milani schreibt, 365 Tage zu 24
Stunden Schule im Jahr.
Sie haben Computer, und es war stets meine Auffassung, Computer
sind perfekte Projektmaschinen. Es gibt kein besseres Werkzeug
für Lernprojekte: Zeitungen, mathematische Spiele, Statistiken,
Wettervorhersagen, Grafiken, WWW-Home-Pages, Robotersteuerungen,
fast alles ist denkbar. Projekte sind, nebst der hohen Motivation,
auch eminent soziale Veranstaltungen. Denn auch das kann man von
der Wirtschaft lernen: Die grosse Einzelleistung ist nicht mehr
gefragt, sondern die Arbeit im Team, in der Projektgruppe. Das
Projekt fördert die soziale Kompetenz.

Partnerschaft heisst geben und nehmen: Warum nicht für anspruchsvolle
Projekte, welche die Schule selber nicht schafft, Leute suchen,
die einma «Urlaub von ihrem Beruf» machen wollen? Für Monate,
für Jahre. Oder sogar müssen. Ich denke an arbeitslose Fachleute,
von denen es ja zehntausende gibt. Warum nicht den arbeitslosen
Grafiker für das Layout der Schülerzeitung engagieren? In Partnerschaft
mit dem Arbeitsamt?

4. Umsetzung im Alltag
In der Wirtschaft bedeutet der Arbeitsalltag immer mehr auch Lernen,
oder zumindest Aufnahme und Verarbeitung von Information. 22%
der europäischen Bevölkerung befasst sich ständig mit Ausbildung,
schreibt LOG-IN, die deutsche Fachzeitschrift für Informatik und
Computer in der Schule.

Wenn aber Arbeit zu Lernen wird, wird auch Lernen zu Arbeit, das
heisst, sollte als eine Fom von Arbeit anerkannt werden, selbst
im Kindergarten, aber auch an Arbeitsplatz. Als Spiel auch, aber
nicht als Kinderspiel. Lernen bedeutet immer Anstrengung. Vom
«spielerischen Lernen», das oft im Zusammenhang mit Computern
zitiert wird, halte ich ehrlich gesagt nicht viel. Natürlich sollte
Lernen Spass machen, aktivieren, auch den Spieltrieb. Aber die
Meinung, am Computer mit dem CD-ROM geschehe Lernen ohne Mühe
ist ein Irrtum. Der Computer ist kein Nürnberger Trichter, auch
wenn man uns das anhand von Multimedia wieder einmal weismachen
will.

Lernen müsste sogar, das ist jetzt Utopie, abgegolten werden,
wie Arbeit. Ein Stück weit ist das ja der Fall: Wer länger lernt,
erwirbt sich Anspruch auf höheren Lohn. Die Idee der Bildungsgutscheine
in der Weiterbildung geht in diese Richtung.

Lernen muss, und das ist keine Utopie, sondern eine Notwendigkeit,
zumindest ein gleichen Stellenwert bekommen wie Arbeit. Doch wie
erreicht das die Schule, wie erreichen das weiterbildende Institutionen?
Nur, indem sie sich öffnen, transparent werden, ihre Angebote,
ihre Grenzen erklären, mit und ohne Computer. Wenn ich jetzt Schule
sage, meine ich nicht mehr das Bildungswesen als Ganzes oder die
Erziehungsdirektion, sondern jedes einzelne Schulhaus, jede Lehrerin,
jeden Lehrer, jede Klasse. Schule braucht mehr Öffentlichkeit
und um sie zu erreichen, kann sie den Computer nutzen.

Die Mittel sind vorhanden, fast in jedem Schulhaus, sie sind erschwinglich.
Zwischen Internet und dem handgesetzten «Surrli» einer ersten
Klasse ist alles möglich. Die neuen Informationstechnologien stehen
da, sie werden zu wenig kreativ genutzt: Der Computer, das Desktopprogramm,
das Faxmodem, der Video. Oft staune ich, was für Ressourcen in
Schulen herumstehen, nummeriert, registriert, eingeschlossen.

Schule sollte nicht mehr eine ungeliebte staatliche verordnete
Institution bleiben, sondern ein soziales Projekt werden, das
ausstrahlt, ins Quartier, in die Gemeinde, ins Land, in die Wirtschaft,
in die Welt. Partnerschaft statt Pflicht, das wäre ein Ziel.

Das Buch der Schüler von Barbiana, dem verlassensten Bergdorf,
das man sich vorstellen kann, ist in alle Weltsprachen übersetzt
worden, es hat Schule gemacht. Einen Computer hatten sie noch
nicht, aber eine Idee.