Computerkolumne

Poesie in HTML

Vor fünfzehn Jahren habe ich mich am Klagenfurter Wettlesen als
Literaturprogrammierer vorgestellt, der Scherz hat mir natürlich
keinen Preis eingebracht. Denn die Lage ist ja bekanntlich ernst,
wer sich über Literatur lustig macht, hat nichts zu lachen. Inzwischen
hat die Realität meine Fiktion auf dem Datenhighway überholt.
Wer in diesem Frühling nach Klagenfurt oder Solothurn pilgert,
mit einer Kurzgeschichte in der Mappe, der oder die sieht allenfalls
noch das rote Schlusslicht. Der ultimative Literaturwettbewerb
findet im Cyberspace statt. «Ausschreibung des 1. Internet-Literaturpreis»
rollt mir beim Surfen auf den Schirm. Es sind nicht Cyberfreaks,
die hier Mühe mit dem deutschen Genitiv Mühe bekunden, sondern
die ZEIT und IBM Deutschland, welche als Veranstalter zeichnen.
Zehntausend DM und zwei Notebooks sind zu gewinnen.
An die Tasten, Kolleginnen und Kollegen! Eure literarischen Höhenflüge
sollen «die Ausdrucksformen und die technischen Möglichkeiten,
wie sie Computernetze hervorgebracht haben, aufnehmen und kreativ
benutzen». Es muss sich aber nach wie vor um Literatur handeln,
wobei die Ästhetikskala nach oben offen ist, also «Spiel mit den
Grenzen zwischen Schrift, Datensatz, Bild und Graphik.» Video
und Multimedia allerdings bleiben «aussen vor».
Dass jedes neue Medium nach einer technologischen Explosion in
eine ästhetische Besinnung fällt, haben wir schon bei Radio und
Fernsehen beobachtet. Das Hörspiel ist gewiss die schönste Literatur,
welche die Nachrichtentechnik hervorgebracht hat. Jetzt ist also
das WorldWideWeb mit Hypertext an der Reihe, zu beweisen, dass
Internet nicht nur ein Sumpf voller Schrott und Porno ist, sondern
auch Tiefe hat, in der versteckte Schätze schlummern.
In der Jury sitzen einmal nicht Marcel Reich Ranicki und Adolf
Muschg, sondern unter andern Dieter E. Zimmer, der schon reichlich
über elektronisches Publizieren publiziert hat und Reinhard Baumgart,
Literaturprofessor und Autor eines Buches mit dem Titel «Addio
­ Abschied von der Literatur».
Wer sich jetzt vorstellt, er könne eine paar Gedichte aus der
Schublade ziehen, mit Kennwort versehen und in den nächsten Briefkasten
werfen, kennt die Netzwelt schlecht. Die Beiträge müssen via Datenleitung
in die Cyber-Arena schweben. (Dass der vierte Preis ein Internet-Account
ist, den man ja eigentlich schon haben muss, wenn man teilnehmen
will, ist ein kleines Versehen, das wir den Veranstaltern verzeihen,
wir wollen ja schliesslich den ersten.)
Bei der Einreichung der Arbeit öffnet sich erst das wahre Feld
der Literaturprogrammierung, denn die Beiträge müssen in korrektem
Format daherkommen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ASCII,
aber bitte die leidigen Umlaute codiert, ^a statt ä zum Beispiel.
Oder dann die Arbeit in HTML verfassen, mit ZIP oder Stuffit komprimieren
und ab die Post. Die nötige Software liefert das Netz. Die Dateien
müssen als Attachment eines E-mails eingereicht werden. Alles
unklar?
Weitere Informationen, nützliche Links, Adressen für Fragen und
Antworten und für die Einsendung finden sich unter http://www.zeit.de.
Noch ist Zeit, sich über die Handbücher zu beugen, Einsendeschluss
ist der 15. Mai.
Der erste Internet-Literaturwettbewerb ist global und multinational,
ausser dass die Texte deutsch sein müssen. Deren Länge wird selbstverständlich
nicht mehr wie vorgestern in Worten oder Anschlägen gemessen,
sondern in Kilobyte, 20 für Text, 40 für Bild und Grafik, HTML-Programmierer
dürfen noch 8 Kilobyte zusätzlich mit Code füllen. Wer jetzt noch
zweifelt, dass Literaturprogrammierer im Cyberspace über eine
solide informationstechnische Grundbildung verfügen müssen, kann
ja etwas einschicken. «Jeder» ist teilnahmeberechtigt, heisst
es in der Ausschreibung, ohne Rücksicht auf seine Nationalität
und seinen Aufenthaltsort. Letzte, bescheidene Frage: «Jede» auch?