Kletterkolumne

Der Watzmann im Web

Wenn der Berg ruft, schaltet der informationstechnisch ausgerüstete
Bergsteiger seinen Computer ein. Vorbei die Zeit, wo man sich
in der Bibliothek des Alpenvereins die notwendigen Informationen
über Route, Hütten und Ausrüstung mühsam zusammensuchen musste.
Modem anwerfen, ins World Wide Web einloggen, ein paar lockere
Klicks mit dem Zeigefinger auf die Maustaste und schon steht der
Internet-Climber auf dem Gipfel. Fiktiv natürlich, aber das macht
in einer Zeit verschwindender Realität einen kleinen Unterschied.

Der Watzmann war es, der mich lockte. Nach wenigen Minuten genoss
ich schon die Rundsicht. «Bayerns höchster Berg, 2714m», stand
unter dem Bild auf meinem Schirm. Ich gestehe, die Information
war mir neu, ich kannte den Watzmann nicht und befand mich gerade
in London. Ein Team vom Lehrstuhl für Verfahrenstechnik der Technischen
Universität München, so erfuhr ich, hatte einen Betriebsausflug
auf den Berg in Bild und Text dokumentiert und auf dem Internet
der Welt zur Anschauung preisgegeben: Herzlichen Dank! Ansonsten
förderte meine Watzmann-Recherche auf dem Internet nicht eben
viel Nützliches zutage. Eher nebensächlich für den Alpinisten
war die Beschreibung,, wie sich der Berg malerisch im Königssee
spiegelt. Brauchbarer für die Planung ein regionaler Busfahrplan
sowie eine «Map of Bavaria», von einem amerikanischen Reiseunternehmen
der Welt zur Einsicht freigegeben. Zum Stichwort «Watzmann Ostwand»
fand ich im Internet gerade einen einzigen Eintrag, ein Feuilleton
über eine Opernaufführung in Chicago, bei der die Felswand als
Bühnenbild gedient hatte.

Auf Wanderschaft im Datennebel

Soll man als Wanderer, Bergsteiger oder Sportkletter deshalb ganz
und gar aufs Internet verzichten, ist das weltweite Datennetz,
von dem heute alle Welt schwärmt, für unsern Freizeitsport wertlos?
Ich glaube nicht, es gibt ja nicht nur den Watzmann. Für eine
Kletterreise in den Westen der USA habe ich wertvolle Informationen,
Tips und Adressen im Netz gefunden: Routenvorschläge, Anfahrwege,
Historisches, Kontaktadressen. An einem heissen Tag in Lee Vining
am Fuss der Sierra Nevada suchten wir dann allerdings vergeblich
nach dem Kletterladen, den uns das Netz versprochen hatte. «Die
Informationen im Internet sind unzuverlässig, oft von Freaks in
der Freizeit zusammengebastelt», hatte mich ein Freund, Top-Kletterer
und Top-Informatiker gewarnt. Internet ist keine systematische
Datensammlung und der Inhalt unterliegt keinen Qualitätskontrollen
oder journalistischen Kriterien, es ist sozusagen ein weltweiter
Flohmarkt. Immer mehr wird das Netz auch zum Werbe- und Public
Relations-Kanal: Wie viele Unternehmen glauben auch Sportartiklehersteller,
Kletterhallen und Reiseunternehmer nicht mehr auf den Auftritt
im World Wide Web verzichten zu können. Trendige Grafik, welche
den Blick fängt, ist oft wichtiger als Information.

Wer sich trotzdem für eine Expedition ins Datengebirge ausrüsten will, braucht einen Personalcomputer, ein Modem für den Anschluss ans Telefonnetz und eine Art Bergführer, Internet-Provider genannt. Das ist eine Firma, die für mässigen Tarif den Zugang öffnet und die Diskette mit der Software liefert, die den Computer zur Navigationsmaschine macht, zum Beispiel «Netscape». Am besten reserviert man sich ein verregnetes Wochenende, wenn die Felsen nass sind, die Kletterhallen überfüllt und die Telefontarife tief. Denn während man «sich von HTML-Seite zu HTML-Seite hangelt», wie der kletternde Informatiker sagt, tickt der Telefonzähler munter. Zum Glück nur zum Tarif der Leitung bis zum Provider, selbst wenn man gerade in Australien in «Web Climbers Clubhouse» am Kaminfeuer sitzt oder im «Climbing Archive» in Schweden stöbert. HTML, die «Hypertext Markup Language», ist der Geheimcode jener, die selber Informationen ins Netz speisen, genauer gesagt, in jenen Teil des Internet, der sich World Wide Web oder kurz WWW nennt. In Hypertexten sind einzelne Schlüsselwörter markiert, zum Beispiel unterstrichen, hinter jedem Schlüsselwort ist weitere Information verborgen. Ein Klick mit der Maustaste auf einen solchen «Hyperlink» ruft eine neue Informationsseite auf den Bildschirm, das kann Text sein, ein Bild oder ein Videofilm, die Seite kann irgendwo auf der Welt in einem Computer gespeichert sein, der am Netz angeschlossen ist. Sie enthält wiederum Hyperlinks, und so «hangelt» man sich weiter, es ist wie Klettern auf einer Route, auf der man immer nur den nächsten Griff sieht. Letztlich ist alles mit jedem vernetzt, oft verirrt sich der Bergsteiger im Datennebel und merkt erst nach einer Weile, dass er stets nur im Kreis läuft. Doch der Weg, wir ahnen es, ist auch im Internet oft wichtiger als das Ziel.

Wer sucht, findet oft etwas anderes

Skeptiker behaupten, 95 Prozent des Internet-Inhalts sei reiner
Datenschrott und wahrscheinlich haben sie recht. Man rechnet,
dass heute rund 30 Millionen Dokumente auf weltweit 225’000 Computern
abrufbar sind, in dieser Uferlosigkeit bewegt sich der Datenwanderer
wie im dichtesten Schneetreiben. Er braucht deshalb Instrumente,
Kompass und Höhenmesser gleich, welche die Suche nach dem bisschen
Sinn im Meer des Unsinns erleichtern. «Alta Vista» heisst eine
der besten Suchmaschinen auf dem Netz, sie meldet sich mit dem
Bild eines Bergs auf dem Bilschirm, denn in die Höhe steigt der
Mensch gern, wenn er Überblick gewinnen will. Zum Thema «Watzmann»
fand «Alta Vista» fünfzig Dokumente – für den Bergsteiger leider
kaum Brauchbares.

Auf der Suche nach dem Watzmann bin ich dafür auf das deutschsprachige
Angebot, «Deutschland im Internet» gestossen, wo einige DAV-Sektionen ihre Programme und Kurse
vorstellen und sich brauchbare Informationen über Klettergebiete
und Kletterhallen finden, sowie ein Verzeichnis von Kletterservern
des Universitätssportclubs Leipzig. Die alte Erfahrung vom Flohmarkt
ist also auch auf dem Netz gültig: Man findet selten, was man
sucht, aber meist vieles, was man auch noch brauchen kann.

Vorbeigekommen bin ich an weltweiten Wetterkarten und lokalen
Wetterberichten, einer Home-Page Nepal für Trecker, der Bergunfallstatistik
Nordamerika, der WWW-Bergschuhinformation, dem Kletterführer durch
den Frankenjura, einer Fotoreportage von der «Nose» im Yosemite
Valley. Die Schweizer Kletterzeitschrift «Ravage» ist im Climbing
Archive noch immer als «first on the Web» präsent, habe ich festgestellt,
obwohl sie vor ein paar Monaten eingegangen ist. Das amerikanische
Bergsteigermagazin «Climbing Online» ist dagegen in aktuellen Auszügen zu lesen und bietet ein Verzeichnis
der Artikel bis zurück ins Jahr 1970 – kann ja eventuell auch
einmal nützlich sein. Ich setze jedenfalls eine «Bookmark» im
Programm, also errichte sozusagen einen Steinmann, damit ich die
Stelle wieder finde. Klar ist: Die Inhalte im Netz sind bei weitem
von USA-Themen dominiert, es ist jedenfalls vorderhand noch wesentlich
ergiebiger für Kalifornien als für Bayern.

Der richtige Einstieg führt zum Ziel

Das Informationsdickicht wuchert ungezähmt, Hunderttausende knüpfen
ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihre Meinung und ihre Fotos ins Netz.
Jede Minute, so schätzt man, kommt ein weiteres Dokment dazu.
Von Nutzen für den Wanderer im Datennetz ist es, die wichtigsten
«Home-Pages» zu kennen, sozusagen die Schutzhütten in der Wildnis,
wo die Pfade und Routen verzweigen. (Siehe Kasten.) In der WWW-Welt
ist es besonders schick, eine eigene «Hompe-Page» vorzuweisen,
eine private Hütte auf der Alm. Erst wer sie hat, ist ein zünftiger
«Web-Climber», stellt sich mit Foto und Angaben zur Person zur
Schau sowie der Kontaktadresse für elektronische Post und Hyperlinks
zu den eigenen Aktivitäten und Angeboten. Magnus Homann, Student
der Computerwissenschaften an der Universität von Göteborg und
Betreuer des «Climbing Archivs», ist gemäss seiner Home-Page «immer
auf der Suche nach ultimativen Klettererfahrungen». Sein Archiv
ist denn auch eine der brauchbarten Anlaufstellen für Führer,
Tips zu Technik und Training und Ausrüstung , für Lieder, Gedichte
und Dutzende von Geschichten und Reportagen – leider alles englisch.
Ich selber habe einige deutsche Klettertexte eingespeist.

Deutschsprachig ist auch ein Diskussionsforum zu Bergsteigerthemen,
Die Diskussionsforen sind ein weiteres Angebot des Internet, ebenfalls
mit der Sofware Netscape erreichbar. Im alpinen Forum werden Diskussionen
über Themen wie «Klettern und Vogelschutz», «Alterung von Seilen»
oder «Frau und Gefahr» geführt. Man kann aber auch eine Frage
ins Forum senden und bekommt eventuell Antwort von jemandem, der
es weiss, zum Beispiel nach dem Abstieg vom Piz Badile oder eben
nach dem Aufstieg durch die Watzmann-Ostwand. Ich habe es versucht
und tatsächlich erfahren, dass es dazu einen eigenen Kletterführer
gibt, dass die Routen beim 3. Grad anfangen und 10 Stunden dauern.
Der Gang in die Bibliothek bliebe mir also doch nicht erspart,
wollte ich den höchsten Bayern wirklich erklimmen.

Bevor ich für längere Zeit nach London zog, habe ich im englischsprachigen
Diskussionsforum die Adressen von Kletterhallen und Kontakte zu
«Locals» gefunden. Aufgespürt und ausgedruckt habe ich mir ein
sechssprachiges Wörterbuch mit Begriffen aus der Berg- und Kletterwelt,
man weiss ja nie, vielleicht rettet mir der Notruf einmal das
Leben: «Help! Hilfe! Au secours! Aiuto! Ayuada! Hjälp!» Wo die
Grenze verläuft zwischen Sinn und Unsinn der Information muss
jeder für sich selber entscheiden, das ist im Netz nicht anders
als am realen Berg.