Informationsgesellschaft

 Virtuelle Unternehmen werden real

Das Bauernhaus in Schiers im Prättigau hat Peter Winzeler eigenhändig
renoviert, auch der Sonnenkollektor auf dem Dach ist Handarbeit.
Die Kinder spielen in der Arvenstube, die Ehefrau geht einer Teilzeitbeschäftigung
im Unterland nach. Der Ingenieur, der in jungen Jahren als Skipper
das Drogenrehabilitationsschiff «Pirata» über die Weltmeere navigierte,
sitzt am Computer und programmiert. Eine ganz alltägliche Telearbeiteridylle
­ und noch etwas mehr. Winzeler ist Navigator der «vico Group»,
einer Kooperation von selbständigen Kleinunternehmen der Informatikbranche
in der Umgebung des Bündner Rheintals.

Vor zwei Jahren machte das einzige grosse Informatikunternehmen
in der Region Konkurs und hinterliess ein Vakuum, für grössere
Projekte fehlten vertrauenswürdige Ansprechpartner. Die informationstechnische
Kompetenz im Rheintal ist dank Ingenieurschulen in Buchs, Chur
und Vaduz ausgesprochen hoch, doch auf Klein- und Einmannunternehmen
verteilt, die hochspezialisiert, aber verstreut und vereinzelt
tätig sind. «Es klemmt an der Nahtstelle zwischen Mensch, Organisation
und Informatik», stellt Winzeler fest.

Regionale Kompetenzen bündeln

Die Situation lässt sich durchaus auf die ganze Schweiz übertragen,
wie eine Marktstudie von soft[net] zeigt, einer Initiative des
Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie: «In der Schweiz
sind Ressourcen und technologische Kompetenzen vorhanden, aber
auf eine Vielzahl von Klein- und Kleinstunternehmen verteilt,
die oft an die Grenze ihrer Kapazitäten und Kompetenzen gelangen.»
Winzeler diskutierte das Problem an der Herbstmesse 1996 in Chur
mit Fachkollegen und holte sich durch eine Ausbildung in Organisationsentwicklung
am Management Center Vorarlberg den Hintergrund, um «Virtual Consulting»,
kurz «vico», auf die Schiene zu setzen. Das Unternehmen, das unter
einem einheitlichen Logo auftritt, will die Kernkompetenzen der
Einzelfirmen bündeln und damit gegenüber Kunden stärker auftreten
können. Dabei denkt man auch an Auftraggeber aus dem «Unterland»,
wie hier der Rest der Welt heisst. Rund ein Dutzend Einmann- und
Kleinbetriebe sind in der «vico Group» vernetzt, darunter Softwareentwickler,
Internet-Provider und Consultants, Hardwarelieferanten und Schulungsfirmen.
Man verkehrt per E-mail und Telefon, Sitzungen finden jedoch noch
real statt.

Dank der Initiative konnte unter anderem ein Auftrag des kantonalen
Tiefbauamtes für eine zentrale Tunnelüberwachung hereingeholt
werden. Projektleiter Rico Frischknecht war nach Abschluss der
Informatik-Technikerschule am Institut für berufliche Weiterbildung
in Chur ein Jahr arbeitslos, bevor er sich mit einer Starthilfe
des Arbeitsamtes selbständig machte und zum Netzwerk stiess: «Der
Zusammenschluss bringt mir qualifizierte Arbeit. Als Einzelner
hat man doch bei grossen Ausschreibungen keine Chance. Jetzt kann
ich den Kanton beraten.»

«Eine virtuelles Unternehmen ist ein temporäres Netzwerk von unabhängigen
Firmen, zusammengeschlossen mit informationstechnischen Mitteln,
um Kompetenzen, Kosten und Markterfolg zu teilen.» So beginnt
eine wissenschaftliche Definition, die allerdings noch ein paar
Sätze länger ist, denn die Abgrenzung gegenüber andern Kooperationsformen
ist unscharf. Flache Hierarchie ist ein weiteres Merkmal sowie
ein einheitlicher Auftritt gegen aussen. Winzeler sieht im virtuellen
Unternehmen ein Modell der Zukunft, dessen Stärke es ist, «in
einer zunehmend komplexen und turbulenten Umwelt temporäre Marktchancen
auszunutzen». «vico» verfügt weder über ein Kapitalpolster noch
über ein Büro mit Sekretärin. «Das Unternehmen existiert nur in
den Projekten». Die Versammlung der Mitglieder bildet juristisch
eine einfache Gesellschaft. Diese Form enthält auch Konfliktstoff,
denn wie soll man im konkreten Fall auftreten: Unter dem Label
der virtuellen Organisation oder unter dem der eigenen Firma?
Welches Risiko gehen die einzelnen Partner und der Kunde ein?
Der Begriff «virtuell» im Briefkopf sieht zwar trendig aus, ist
aber problematisch, wenn es darum geht, bei Kunden das Vertrauen
zu schaffen, man habe es mit einem soliden Partner zu tun. «Auch
Grosse verschwinden plötzlich vom Markt», hält dem Winzeler entgegen.

Für den Abschluss eines Projekts sei es letztlich nicht entscheidend,
wie gut die Organisation die Aufgabe lösen kann, sondern ob der
Kunde glaubt, dass er die gewünschte Lösung bekommt samt Beratung,
Service und allem, was dazugehört, sagt Pascal Sieber, der an
der Universität Bern eine Dissertation über virtuelle Unternehmen
der Informatikbranche eingereicht hat, die demnächst als Buch
erscheint. «Die Wahrnehmung des Kunden ist wichtig.» Sieber hat
durch Umfragen festgestellt, dass temporäre projektbezogene Kooperationen
in der Branche üblich sind. Jedes der Informatikunternehmen, das
er untersucht hat, arbeitet bereits mit 10 bis 50 Partnern zusammen,
ist also zu einem guten Teil virtuell. «Einige fangen sich jetzt
auch an so zu nennen». Ein Beispiel ist UnicNet in Zürich, ein
Unternehmen, das erfolgreich Gesamtlösungen für Strategie, Marketing
und Kommunikation offener Benutzergruppen auf dem Internet entwickelt,
etwa ein weltweites Kompendium für juristische Fragen.

Nationale Kooperation fördern

«Die offene, einfach zu bedienende und kostengünstige Kommunikationsplattform
Internet hilft mit, soziale Nähe zwischen den räumlich verteilten
Einheiten aufzubauen», schreibt Sieber. Andererseits führe die
Nutzung von Internet dazu, dass die menschlichen Akteure im Unternehmen
ihren Handlungsspielraum erweiterten. Im Internet könnten traditionelle
Hierarchien leichter überwunden werden als mit herkömmlicher Groupware.
Das Netz scheint noch immer etwas von seinem ursprünglich demokratischen
Charakter bewahrt zu haben. Jedermann erlaubt sich, Bill Clinton
oder dem Direktor ein E-mail zu schicken. Virtuelle Unternehmen,
als Kooperation gleichberechtiger Partner verstanden, sind vielleicht
eine Art demokratischer Alternative zu den Monolithen der Branche
wie IBM, Microsoft oder SAP.

«Letztlich ist ein virtuelles Unternehmen aber nur konkurrenzfähig,
wenn es Leistungen anbietet, die ein konventionelles nicht kann»,
meint Sieber. Denn «das Risiko steigt mit der Zahl der Partner».
Am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern betreut
er VoTalk, eine Erfahrungsgruppe mit Mailingliste und einem Newsletter
zum Thema, an der sich tausend Teilnehmer aus aller Welt beteiligen,
ein Fünftel davon aus der Schweiz.

«Das modische Wort ‚virtuell‘ gebrauchen wir vorsichtig», sagt
Ruedi Messmer, dessen Winterthurer Büro für Sozialmarketing im
Auftrag von [soft]net eine Kooperationsbörse auf dem Internet
betreut. Ziel von [soft]net sei es, Firmen zur Zusammenarbeit
zu bringen. Die Börse führt Anbieter und Nachfrager im Softwaregeschäft
zusammen, ähnlich wie ein Partnerwahlinstitut. Für 300 Franken
pro Auftrag und Ausfüllen eines Kontaktformulars auf dem Netz
ist man dabei. Denn: «Kooperation entsteht nur, wenn ein Auftrag
da ist.» Pro Woche tröpfeln im Schnitt zwei Projekte herein vom
Typus «Softwarehaus sucht Programmierer für Projekt in C++» bis
«Innovativer Softwareentwickler sucht Firma zur Vermarktung einer
Finanzapplikation.»

Gute Erfahrungen mit der Softwarebörse hat Jacques Boeniger, Inhaber
des Ingenieurbüros bfa in Schwerzenbach gemacht, das für Grosskunden
im Bereich industrieller Automation tätig ist. Konkret kamen drei
grosse Projekte zustande. «Wir kannten die Kunden zwar, kamen
aber nie auf die Idee, dort vorzusprechen.» Für eine Firma in
seiner Grösse ­ bfa beschäftigt in der Schweiz und in Irland 16
Leute ­ sei es schwierig, wirkungsvolles Marketing zu betreiben.
Das Internet bietet ihm die Möglicheit, rasch an die richtigen
Leute zu kommen. Der Idee, sich in einem virtuellen Unternehmen
zu vernetzen, steht er eher skeptisch gegenüber. Er sieht Probleme,
wenn es um langfristige Betreuung der Kunden, um Verantwortung,
Finanzierung, Garantie und Haftung geht.

Die Marktstudie von soft[net] zeigt, dass 60 Prozent der rund
1300 Schweizer Softwareschmieden bereits Erfahrung in Kooperation
besitzen. «Bei Kooperation ist es wie in der Ehe. Auch wenn sie
scheitert, sind Partner mit Erfahrung eher bereit, es nochmals
zu versuchen», sagt Messmer. Die Zusammenarbeit kann scheitern,
wenn sie «Leute mit unterschiedlichen Zielen eingehen und diese
nicht offenlegen. Der eine sucht vielleicht einen Markt für sein
Produkt, der andere dringend einen Auftrag.» [soft]net bietet
deshalb auch Kurse und Beratung für Kooperationen an. Ziel: Die
«Fitness» der Softwareanbieter stärken und damit die Wettbewerbsfähigkeit
der Schweiz im globalen Markt.

Global stärker auftreten

«Wir wollen uns nicht mürbe machen lassen von der depressiven
Stimmung im Land», fanden drei Doktoranden des MultiMedia-Labors
der Universität Zürich an einer fröhlichen Sylvesterparty vor
zwei Jahren und stellten sich, verkleidet mit Masken und Narrenkappen,
zu einem Erinnerungsfoto: «Jetzt sind wir eine Firma!» Geschäftsführer
Philipp Ackermann schiebt das Bild über den Tisch und lächelt.
«Auch der Name Perspectix ist uns in jener Nacht eingefallen.»
Er knipst einen Bildschirm an und schon schwebt man hoch über
der Stadt Berlin, taucht dann in die Tiefe, wandert durch Strassen,
betritt ein Haus, dessen Türen sich wie mit Geisterhänden öffnen.
«CyberCity» heisst eines der Projekte, an dem die junge Firma
beteiligt ist, die sich als Teil eines vernetzten virtuellen Unternehmens
namens «Echtzeit» versteht, das reale Ableger in Zürich, Berlin,
Köln und San Francisco unterhält.

Gibt es in der virtuellen Stadt auch ein Sitzungszimmer für die
Geschäftstreffen? «So weit sind wir noch nicht», sagt Ackermann,
der Computerwissenschaft, Ökonomie und Sozialethik studiert und
mit einer Dissertation abgeschlossen hat. «Aber ich kann mir durchaus
vorstellen, dass man in Zukunft einen Avatar als elektronisches
Alter ego an virtuelle Sitzungen schickt.»

Den ersten erfolgreichen Auftritt hatte Perspectix an der CeBIT
’96, wo ihr Web-Browser PerWeb+ und ihr Multimedia-Autorensystem
PerEdit vom Magazin Byte mit dem Label «Best Multimedia Software»
ausgezeichnet wurden. «Das Echo in der Schweiz war jedoch eher
gering», bemerkt Ackermann. Dafür kam der Kontakt zum Echtzeit-Netzwerk
zustande. Als Spin-off Initiative des MultiMedia-Labors der Uni
Zürich konnte Perspectix auf einem soliden wissenschaftlichen
Fundament aufbauen. Dazu gehört vor allem MET++, eine in C++ programmierte
Modulbibliothek für Multimedia-Objekte, die als Basis für die
Softwarewerkzeuge und Anwendungen dient.

Vorderhand fährt man noch mit dem realen Nachtzug nach Berlin
und trifft sich mit realen Mitarbeitern in den realen Büros von
Echtzeit, einem Unternehmen, das 1995 vom Architekturprofessor
Edouard Bannwart gegründet worden ist und sich mit fortgeschrittenen
Informationstechnologien wie Virtual Reality, Hypermedia und dynamischer
Simulation befasst. Der Geschäftsverkehr findet konventionell
per E-mail, File-Transfer, Fax und Telefon statt. Virtuell und
dynamisch sind die projektbezogenen Organisationsstrukturen. Dominik
Eichelberg, neben Philipp Ackermann und Bernhard Wagner einer
der Gründer von Perspectix, programmiert gegenwärtig an einer
Anwendung für das deutsche Fersehen: Visualisierung von on-line
Daten, beispielsweise den Ergebnisse von Wahlen, Umfragen oder
Wettbewerben, an denen das Publikum via Internet teilnimmt. Projekte
wie dieses werden von einer der Teilfirmen im Echtzeit-Netz aquiriert.
Da jedoch die unterschiedlichsten Fachkompetenzen in Informatik,
Design, Business und Publishing gefordert sind, werden die entsprechenden
Spezialisten intern oder extern gesucht und über das Netz zu einem
Team zusammengekoppelt. «Beziehungsmanagement ist die Schlüsselkompetenz
einer virtuellen Firma», sagt Simon Grand, promovierter Ökonom,
der sich mit Organisations- und Geschäftsstrategien im virtuellen
Raum befasst. Heutige Probleme seien viel zu komplex, als dass
sie mit dem statischen Setting einer konventionellen Organisation
gelöst werden könnten. Perspectix will die eigene Erfahrung der
Kooperation im virtuellen Raum für andere Firmen nutzbar machen.
«Das Thema ist brennend für die Schweizer Wirtschaft. Wir sind
ein Land von kleinen und mittleren Unternehmen, die durch Vernetzung
ihr Potential gewaltig erweitern könnten.» Aber auch für die Grossen
sei das Thema wichtig, denn «heute muss man gross und klein gleichzeitig
sein.»

Dissertation:

Sieber P.: Virtuelle Unternehmen in der IT-Branche – Die Wechselwirkung
zwischen Internet-Nutzung, Strategie und Organisation. Erscheint
demnächst im Haupt-Verlag, Bern.

Internet:

VoTalk: www.virtual-organization.net

Softwarebörse: www.softnet.ch