Vierzig Jahre beim Limmat Verlag
Es war ein Zufall. An einem Bücherstand des Limmat Verlags in der Roten Fabrik fragte ich, ob der Verlag auch Kinderbücher mache. Ich hätte ein Manuskript in der Schublade. Schicke es doch, sagte einer. Ich schickte aber nicht das Manuskript für das Kinderbuch, sondern jenes meines ersten Romans mit dem Arbeitstitel «Nachtschicht». Eigentlich hatte ich schon einen Verlag, den Basler Z-Verlag, hatte auch schon ein Lektoratsgespräch gehabt. Kurz darauf rief jemand vom Limmat Verlag an. Wir machen das. Ich sagte dem Z-Verlag ab. Am 7. Dezember 1976 unterschrieb ich den ersten Vertrag mit Limmat. Es war mein drittes Romanmanuskript, das sich mit der Arbeitswelt in den Rechenzentren befasste. Das erste hatte ich überall herumgeschickt, Adolf Muschg hatte es gelesen, dem Suhrkamp-Verlag weitergegeben. Luchterhand fand es interessant. Auch Paul Kamer von Pro Helvetia. Und so weiter. Selbst beim Aufbau-Verlag in der DDR lag es, und während einem Besuch in Zürich lud mich der Cheflektor Roland Links zu einem Gespräch ein. Was wir im Hotel Trümpy verhandelten, weiss ich nicht mehr. Nur, dass es mir bei dem Gespräch «Klick» machte. Ich schubladisierte die ersten zwei Manuskripte und schrieb alles nochmals neu. Wie damals üblich von Hand, dann im Zweifingersystem abgetippt auf der «Adler» meines Vaters. Das Lektorat bei Limmat war ziemlich mühsam für mich. Ich sass einer Gruppe von Lektorinnen und Lektoren gegenüber, ganz im Sinne des Kollektivs, der damals herrschenden Kultur in der Genossenschaft. Der Titel gab zu reden, etwas mit «Computer» kam nicht in Frage. Das schreckt die Leute ab, niemand versteht das. Hiess es. Schliesslich einigten wir uns auf ein Zitat aus dem Text: «Jede Minute kostet 33 Franken». Sicher ein Glücksfall. Noch heute wird er mir gegenüber oft zitiert, wenn auch meistens falsch. Am 1. Mai 1977 erschien «Jede Minute» als erster literarischer Titel im Limmat Verlag – zwei Jahre nach der Gründung der Limmat Verlag Genossenschaft. Die Genossenschaft hatte einen Stand auf dem Bürkliplatz, wo die Maifeier stattfand. Ich las auf der Bühne aus dem Buch. Ein regnerischer Tag, meine Familie war dabei, ich war im Urlaub aus einem Gebirgs-WK im Wallis angereist. Es gab gute Besprechungen, unter anderem von Christoph Kuhn im Tages-Anzeiger. Eine Ehrengabe der Stadt Zürich, später einen Preis der Kulturstiftung Landis & Gyr, der mir und meiner Familie einen Jahresaufenthalt in Italien ermöglichte. Mein Arbeitgeber Siemens-Albis hatte mir ein Jahr Urlaub gewährt. Nach einem Fernsehbeitrag Anfang 1978 lief der Verkauf erst richtig an, es gab eine zweite Auflage. Theo Pinkus vermittelte eine Taschenbuchausgabe bei rororo unter dem Titel «Jede Minute kostet …» Die Franken musste man weglassen, da der Titel in deutschen Ohren sonst eine seltsame Bedeutung bekommen hätte. Das Buch war oft Pflichtstoff an Berufsschulen und Gymnasien. Eine Übersetzung ins Französische erschien in der CH-Reihe von Ex-Libris. Etwa ein Jahr später legte ich dem Verlag das Manuskript für «Mondmilchsteine» vor, den Roman meiner Gibswiler Jugend. Das Buch war im Verlag umstritten, nur mit knapper Mehrheit entschied das Kollektiv, damals noch an der Wildbachstrasse, die Herausgabe. Das Buch erschien 1979 und als Fortsetzungsroman im Tages-Anzeiger und verkaufte sich bestens. Mehrere Auflagen, bis es der Verlag absetzte. Wobei sich im Laufe der Jahre sicher noch einige hundert Exemplare verkauft hätten. Noch heute werde ich gelegentlich nach einem Restexemplar angefragt. Verschiedene Vorstösse von mir nach einer Neuauflage verliefen leider im Sand. 1980 gab der Verlag «Computer für 1001 Nacht» heraus. Das C-Wort im Titel war nun genehm, Lektorat wiederum im Kollektiv. Da alle Genossenschafter und Genossenschafterinnen ehrenamtlich arbeiteten, war das möglich. Wiederum ziemlich aufreibende Diskussionen. Der Roman ist eine Art Fortsetzung von «Jede Minute kostet 33 Franken» – wohl weniger atemlos, aber politisch sicher aktuell. Moderne Technologie für ein Drittweltland, Iran, das brutale Schah-Regime ect. Die damals noch zahlreichen Besprechungen waren unterschiedlich, eher schlecht, ein böser Verriss darunter von Christoph Kuhn im Tages-Anzeiger. Ein Rezensent nannte es dagegen eine schweizerische «Ambler-Story». Der Buchumschlag überaus hässlich schmutzig grün. Trotzdem, die Auflage verkaufte sich, es gab eine Lizenzausgabe bei Ex-Libris. Dann ging ich fremd. Warum, das kann ich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Als «Computer für 1001 Nacht» erschien, hatte ich bereits das nächste Manuskript geschrieben, einen Vertrag mit dem Benziger-Verlag geschlossen, noch bevor ich mit dem Schreiben begonnen hatte. Die Verlagsleiterin Renate Nagel hatte mich nach einem Porträt in der NZZ angegangen. «Cooperativa oder das bessere Leben» war als Jugendbuch gedacht und ich hatte die Absicht, bei Benziger nur Kinder- und Jugendbücher zu machen. Das Buch erschien auch wieder als Vorabdruck im Tagi, der Redaktor nannte es «ein kleines Meisterwerk». Es erschien auch als Taschenbuch bei rororo in einer Reihe für junge Erwachsene. Nun war ich also bei Benziger, umgarnt von der Verlagsleiterin. Und so erschien auch der nächste Roman, «Suche nach dem andern», in ihrem Programm. Ich war damals, Anfang der 1980er Jahre, tatsächlich auf der Suche, gab 1981 meine Teilzeitstelle als Ingenieur bei Siemens auf, machte mich selbständig. Renate Nagel setzte sich sehr für mich ein, ich wurde an zahlreiche Lesungen eingeladen, auch ins Ausland, an Literaturtage, z.B. Rauris, und an den Ingeborg-Bachmann Lesewettbewerb nach Klagenfurt. Auch Renate Nagel machte sich selbständig, gründete ihren eigenen Verlag Nagel&Kimche, und wollte mein nächstes Buch in ihr erstes Programm aufnehmen. Hätte ich zugesagt, so wäre meine weitere Laufbahn als Autor wohl total anders verlaufen. Ich hatte aber meine Beziehung zu Limmat nicht abgebrochen. An Lesungen oft aus den Limmat-Büchern vorgetragen, auch wenn Benziger den Termin organisiert hatte. «Du bist so autonom», sagte Renate einmal zu mir – und das wollte ich auch bleiben. Das Manuskript für «Lebensgefährlich verletzt» über den Unfalltod meiner Mutter hatte ich an drei Verlage gleichzeitig geschickt: Nagel&Kimche, Benziger, Limmat. Alle drei sagten zu. Ich entschied mich für Limmat, ich denke, aus Solidarität mit den alten «Genossen». Dieses Buch lektorierte ich auf eigenen Wunsch nicht mehr mit einer Gruppe, sondern mit Jürg Zimmerli. Vorabdruck im Tages-Anzeiger, dazu ein böser Verriss von Stefan Howald. Der dem Buch aber nicht schadete, glaube ich, noch heute sprechen mich Leute auf das Buch an, während die meisten andern vergessen sind. Seither bin ich dem Limmat Verlag für literarische Werke treu geblieben – und er mir. Während 40 Jahren habe ich 16 Bücher gemacht, 14 Romane, 2 Textsammlungen. Es gab Highlights und Abstürze. Zu den Highlights gehören die historischen Romane «Die Fabrikglocke» und «Kilchenstock». Das letztere mit zwei Auflagen vielleicht mein am besten verkauftes Limmat-Buch. «Londons letzter Gast» kam eher schlecht an, leider, denn noch immer betrachte ich es als mein visionärstes Werk: Cyberkrieg, islamistischer Terror, ein zerstörerischer Angriff auf eine Grossstadt – alles vor dem 11. September 2001! Nach dieser Enttäuschung sagte Christa zu mir: Schreib doch einfach, was dir Freude macht. Aus dieser Ermutigung entstand meine Bergkrimi-Trilogie, eine späte Fortsetzung des Bergromans «Die Wand der Sila». Die drei Romane waren recht erfolgreich, «Steinschlag» verfilmt, «Spurlos» für den Glauser-Krimipreis nominiert, «Finale» zwei Auflagen. Der historische Roman «Schrot und Eis» war dann eher wieder ein Absturz, negative Besprechungen, mässiger Verkauf. Ich glaube, der Titel war auch sehr schlecht gewählt nach langem Hin und Her. Allmählich, glaube ich, verlor der Verlag auch die Lust an der Zusammenarbeit. Ich hörte Unter der Hand so Bemerkungen wie: Dein Name klingt halt so provinziell. Du bist nicht mehr aktuell. So versandeten dann der Zürich-Krimi «Spitzeltango» und der historische Roman «Garibaldis Fuss». Schon lange gab es nur wenige Einladungen zu Lesungen, gar keine mehr zu Literaturtagen, auch keine Preise mehr. Als Autor hat man natürlich immer das Gefühl, der Verlag mache zu wenig für einen und für seine Bücher. Beim Limmat Verlag ist das sicher der Fall, wenn ich das mit andern Verlagen vergleiche, mit denen ich auch zusammengearbeitet habe, vor allem für Sach- oder Kinderbücher: Benziger, Zytglogge, Orell Füssli, Lenos, rotpunkt, AS. Ich verstehe auch, dass die Mitarbeitenden im Verlag überlastet sind, bescheiden verdienen, die Buchmargen schwinden, die Auflagen sinken und damit die Einkünfte. Währen der Achtzigerjahre kam es in der Genossenschaft zu einer Krise. Junge Genossenschafter wollten die Macht übernehmen, wir Autoren hatten dabei kein Stimmrecht. Also setzten wir uns zusammen, Niklaus Meienberg war dabei, Anne Cuneo und andere. Wir konnten durchsetzen, das die Macht bei den Gründern blieb, vor allem Jürg Zimmerli und Heiner Spiess. Die Genossenschaft wandelte sich in eine AG um, wir Autoren wurden mit ein paar Aktien «belohnt». So wurde ich später einmal für zwei oder drei Jahre sogar Verwaltungsrat in der Funktion des Protokollführers. Bis ich feststellte, dass die protokollierten Beschlüsse an den Sitzungen auf den Geschäftsablauf kaum Einfluss hatten. Also zog ich mich wieder zurück. 2015 feierte der Limmat Verlag sein 40-jähriges Bestehen. Der erste literarische Titel wurde in dem Zusammenhang nie erwähnt, weder in Zeitungsinterviews mit der Geschäftsleitung noch an einer kleinen Feier im Verlag. Obwohl ich dabei anwesend war und Autoren und Autorinnen gelobt wurden, die später den Verlag verlassen haben. Meine Erwartung, dass 40-jährige Verlagstreue doch zumindest erwähnt werden dürfte, wie auch immer, ist wohl nicht zeitgemäss. Verletzt verliess ich den Anlass Hals über Kopf. Und meine Verletzung vertiefte sich noch, als auch das 40-Jahr-Jubiläum meines ersten Buches totgeschwiegen wurde, obwohl ich mehrfach darauf hingewiesen hatte. Ich hatte sogar angeregt, das Buch könnte neu aufgelegt werden, ich würde mich an den Kosten beteiligen. Auf das Angebot bekam ich nichtmal eine Antwort. Sicher verdanke ich dem Limmat Verlag viel. Es war ein Glücksfall, dass ich hier das erste Buch herausgeben konnte. Schön auch, dass der Verlag die Titel viele Jahre lang an Lager und lieferbar hält. Die Honorare habe ich stets bekommen, wenn auch oft zu spät. Die meisten Bücher sind schön und sorgfältig gemacht. Manchmal frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich damals zu Nagel&Kimche gewechselt hätte. Doch ich weiss: solche Fragen sind müssig. Ich blicke nach vorn. Wohin die Reise geht, weiss ich nicht. Sicher ist nur, dass sie nicht mehr lang sein wird. Mein nächstes Buch «Menschen am Weg» erscheint diesen Herbst (2018) im Rotpunkt Verlag. Als ich das dem Limmat Verlag mitteile, schreibt Lektor und Mitglied der Verlagsleitung Erwin Künzli «Lieber Emil. Ja, das ist mir natürlich nicht entgangen, dass Du schon länger nicht mehr recht zufrieden bist. Ein Ausbruch aus der Routine ist vielleicht gut und bringt neuen Schwung. Viel Glück und Erfolg.» |
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