Rettung von der Klippe des Schweigens
Eine Reportage aus Finale. Quelle für meinen Roman «Finale»
Hinter dem bewaldeten Hügelzug, der das Tal gegen das Meer hin
abschloss, war das leise Hämmern von Rotoren zu hören. Der Sanitäter
hob seinen Kopf vom Verletzten, sein Begleiter, ein Feuerwehrmann
in oranger Jacke, trat auf den Felsvorsprung hinaus. «Er sucht
uns bei Feglino, verdammt.»
Das ferne Brummen erstarb, die Sonne sank, grau krochen die Schatten
die steilen Hänge herauf. Der Sanitäter beugte sich wieder über
den Mann, der im Weg lag, starr als wäre er schon tot, doch er
war wach und gab mit leiser Stimme Antwort. «Hier schmerzt es.
An der Schulter. Und im Kreuz.»
Ein paar deutsche Kletterer standen herum, das Seil hing noch
in der Wand. «Was hat er gesagt»? fragte mich eine junge Frau.
Sie trug Kletterschuhe mit glatten Sohlen und ein Leibchen. Angst
lag in ihren Augen.
Ich fragte den Sanitäter. Mehrmals hatte ich ihn schon gefragt,
immer wieder musste ich übersetzen. «Er glaubt, dass nur die linke
Schulter zerschmettert ist. Aber eine Rückenverletzung oder innere
Verletzungen kann er nicht ausschliessen.»
«Warum kommt der Hubschrauber nicht»?
«Keine Ahnung. Die Italiener haben keinen Funk dabei. Habt ihr
Lampen? Es wird bald dunkel.»
Die Frau schüttelte den Kopf. Sie kniete nieder, sprach leise
mit dem Verletzten, streichelte ihm den Kopf.
Es war Winter, ein stabiles Hoch lag im Süden. Mild und sonnig
die Tage, kalt die Nächte. Das Jahr hatte eben begonnen. In den
Felsen bei Finale Ligure kletterten in diesen Tagen hunderte von
Felsportlern aus dem Norden. Am Nachmittag hatten die Deutschen
an der Falesia del Silenzio, einem überhängenden gelben Felsen,
alle Routen besetzt. Wir hatten uns geärgert. Überall hingen ihre
Seile und Expresschlingen im Fels, junge Männer und Frauen im
hautengen Dress, in bunten Leibchen, mit Kopftuch oder Stirnband,
klebten wie Spinnen an der Wand, klammerten sich an die winzigen
Fingerlöcher, die das Meer vor Millionen Jahren in den Kalk gefressen
hatte. Durch den Staub am Fuss der Wand krochen Kinder, Seile,
Rucksäcke, Jacken und Decken lagen herum. Doch der Hauch von Flower
Power und Woodstock täuschte nicht darüber hinweg, dass in der
lockeren Gemeinschaft der Sportkletterer die strenge Hackordnung
einer Leistungsgesellschaft herrscht. Man sieht sogleich, wer
Routen mit hohem Schwierigkeitsgrad klettert und das schafft Unterschiede.
«Rotpunkt klettern» ist das Ziel, das heisst, die Felshaken nur
zur Sicherung, nicht zum Ausruhen oder als Griff benutzen.
Die deutschen Frekaks waren trainiert, sie kletterten gut. Der
Unfall war am späten Nachmittag passiert, am «Tempio del vento»,
einem Felsen direkt über dem Weg. Ein Missverständnis. Der Kletterer
hatte den Fixpunkt am Ende der Route erreicht, wollte sich am
Seil hinuntergleiten lassen, gebremst von seinem Kollegen auf
dem Weg. Jener glaubte, er richte sich zum Abseilen ein und liess
das Seil los. Aus zehn Metern Höhe war der junge Mann auf den
steinigen Weg gestürzt.
Unvermittelt schlug das Dröhnen des Helikopters ins Tal. Der Sanitäter
eilte auf den Felsvorsprung, ruderte mit beiden Armen, der Feuerwehrmann
winkte mit seiner Jacke. Die Maschine stand auf unserer Höhe still,
so dass wir die Aufschrift «Vigili del fuoco» lesen konnten. Der
Lärm rollte über die Felsen, die kleinwüchsigen Pinien am Hang
schwankten im Wind des Rotors. Hinter den Fenstern bewegten sich
Gestalten. Der Helikopter stand eine Weile, dann drehte er ab
und verschwand.
«Was tun sie? Warum setzen sie die Seilwinde nicht ein? Warum
landen sie nicht auf dem Vorsprung?»
Ich übersetzte die Fragen, der Sanitäter zuckte die Achseln, der
Feuerwehrmann fluchte. Dann wurde es still, sehr still. Die gegenüberliegende
Talseite war nun schon schwarz, die Pinien auf dem Grat zeichneten
ein feines Muster in den violetten Himmel. Ein leichter Wind strich
über den Abhang. Tief unten im Tal wimmerte eine Ambulanz die
Stasse gegen Calvisio hinauf. Das Blaulicht blinkte wie ein Leuchtfisch
im schwarzen Wasser.
«Sie haben sicher etwas vergessen», sagte der Sanitäter. «Der
Hubschrauber wird zurückkommen. Von Hand bringen wir den Verletzten
nicht ins Tal.»
Die Kletterer standen herum, stumm und düster, sie froren in den
dünnen Hosen und Leibchen. Ihre Jacken hatten sie über den Verletzten
gebreitet. Niemand sprach mehr mit ihm, er lag auf dem Weg wie
ein zusammengerolltes Zelt.
«Wie geht es dir?» fragte ich, weil mir nichts anderes einfiel.
«Liegst du gut? Hast du Schmerzen?»
Sacht nickte er. Ich fragte den Sanitäter, ob er ihm ein Schmerzmittel
geben könnte.
«Ich habe keine Medikamente», sagte er. «Im Spital wird er bekommen.»
Er hatte nur einen Koffer mitgebracht, mit Sauerstofflaschen und
einer Atemmaske.
«Wohin bringen sie ihn?»
«Ins Ospedale Santa Corona in Pietra Ligure. Wenn der Helikopter
endlich kommen würde.»
«Was tun wir, wenn er nicht mehr kommt?»
«Er muss kommen.»
Es war jetzt beinahe Nacht. Ein Deutscher sagte zu mir: «Die müssen
endlich etwas unternehmen. Sag das dem Mann.»
«Er kann auch nichts tun. Er meint, der Helikopter werde gleich
wieder kommen.»
«Nicht einmal Funk hat er. Das ist doch ein Skandal. Unsere Bergwacht
hätte ihn schon längst geborgen.»
«Hier gibt es keine Bergwacht», sagte ich. «Wir sind nicht in
den Alpen.»
Sportklettern hat sich in den letzten Jahren rasch verbreitet,
gefragt sind nicht mehr die Alpen, sondern leicht zugängliche
Felsen. Die Routen sind immer schwerer, immer kürzer geworden.
Klettern ist Spitzensport, ohne Training, moderne Kletterschuhe
und Magnesia an den Fingern geht gar nichts mehr. Vor allem in
Deutschland haben die 50000 Sportkletterer immer mehr Probleme
mit dem Naturschutz, es gibt Kletterverbote. Im Winter strömen
die Freaks aus ganz Europa ans Mittelmeer. Im Süden ist es warm,
hier gibt es keine Grünen, die sich um Brutplätze und Flechten
kümmern. Die Kletterfelsen bei Finale Ligure waren über Weihnacht
und Neujahr so belagert, dass man kaum noch Italiener traf. Sie
hatten ihre Routen den Fremden überlassen.
Das Tal war schwarz, der Himmel noch hell, als sich der Helikopter
von der andern Talseite näherte. Er zog hoch über uns eine Schleife,
blieb dann direkt über der Felswand stehen. Dürre Blätter, Piniennadeln
und Äste regneten herab, wir duckten uns, Staub wehte mir in die
Augen. Leicht schwankend stand die Maschine an der Wand, dann
kippte sie weg, schaltete Scheinwerfer ein, blieb wieder stehen
und beleuchtete den Hang.
«Was ist?» fragte ich den Sanitäter.
Er zeigte in die Höhe. Zwei Feuerwehrleute in Helm und voller
Ausrüstung seilten sich umständlich über Gebüsch und Felsstufen
ab. Der Sanitäter rief etwas hinauf, die Feuerwehrleute brüllten
zurück. Ich verstand den ligurischen Dialekt nicht. Der Helikopter
hämmerte in unsere Ohren, Panikstimmung machte sich breit.
«Was ist los? Was tun sie? Frag doch endlich. Was sagen die dort
oben?»
«Die Seilwinde des Helikopters ist kaputt», erklärte der Sanitäter
schliesslich. «Deshalb hat er nur die zwei Mann aussteigen lassen.»
Ein Feueroffizier mit schneidigem Schnauz erreichte als erster
den Weg. Er blendete uns mit seiner Stirnlampe.
«Es ist unmöglich, den Verletzten hinunterzutragen», sagte der
Sanitäter. «Um die Ecke endet der Weg in einer senkrechten Wand
mit Fixseilen.»
«Wir tragen ihn hinunter, koste es was es wolle», gab der Offizier
schroff zurück. «Es gibt keine andere Möglichkeit.» Ohne sich
um den Verletzten zu kümmern, packte er ein Seil aus, knotete
es an einen Felshaken. «Wir richten eine Seilbahn ein, wenn es
sein muss. He, ihr Alpinisten, helft mir.»
Ich übersetzte, doch die Deutschen protestierten. «Der Mann ist
verrückt. Er hat doch die Felswand gar nicht gesehen. Schau einmal
sein Schuhwerk. Damit kommt er nicht weit.»
Der Offizier verschwand um eine Kante, wir standen in der Nacht
und warteten. Wieder schrillte im Tal eine Ambulanz. «Centro di
Rianimazione», murmelte der Sanitäter, der sich in einen dunklen
Winkel verzogen hatte.
«Das nützt nicht viel. Dort unten», sagte ich.
Allmählich belebte sich die Nacht, immer mehr Leute trafen ein,
Feuerwehrleute, deutsche Sportkletterer, die ihre Familien ins
Tal gebracht hatten. Vorschläge prasselten von allen Seiten auf
mich ein. «Wir hängen uns mit den Klettergürteln ins Seil, tragen
die Bahre auf unseren Armen hinüber. Übersetz das bitte.»
Ich übersetzte so gut ich konnte. Ein Dutzend Deutsche, ein Dutzend
Italiener, ein paar Schweizer und Österreicher drängten sich schliesslich
auf dem schmalen Felsband. Das neue Europa hat sich versammelt,
dachte ich. Hier liegt ein verletzter Europäer auf einem schwer
zugänglichen Fels und schon herrscht wieder Babylon, schon versteht
keiner mehr den andern.
Der Helikopter löschte die Scheinwerfer, drehte ab und verschwand.
Endlich verstand man wieder ein Wort, hörte Rufe aus der Tiefe
herauf heraufdringen und die Kommandos des Offiziers, der unbeirrt
an seiner Seilbrücke baute. Jemand brachte eine zangenartigen
Bahre. Wir schoben sie von beiden Seiten unter den Verletzten,
der leise stöhnte, konnten ihn hochheben ohne seine Rücken zu
bewegen, betteten ihn auf Jacken. Er war bleich, fror und litt
schreckliche Schmerzen.
Dann war die Seilbrücke fertig, doch noch fehlte der zweite Teil
der Bahre. Ein Feuerwehrmann, der sie herauftragen sollte, hatte
sich verirrt. Man schickte Leute nach ihm aus, es war schon tiefe
Nacht, als die Schale der Bahre eintraf. Inzwischen knatterte
ein Benzingenerator und grosse Scheinwerfer beleuchteten die Felswand,
an der entlang man man nun langsam, ans Seil gehängt, die Bahre
gleiten liess. Einmal blieb sie stecken, der vordere Teil senkte
sich gegen den Abgrund. Träger klammerten sich in Trauben an die
Seile, stützten, schrien und gestikulierten. Der deutsche Kletterer,
der mit einem Seil sicherte, zog den Bremsknoten fest. Langsam
setzte sich die Bahre wieder in Bewegung.
Auf der andern Seite der Felswand standen zwei Carabinieri auf
einem Sporn, sie waren mit Funkgeräten ausgerüstet.
Einer sprach mich an. «Sind Sie der Übersetzer? Ich muss die Personalien
des Verunfallten und seiner Begleiter aufnehmen.»
Die Feuerwehrleute kochten vor Anstrengung. Sie setzten die Bahre
ab. «Wenn ihr morgen klettert, schiesse ich euch mit Schrot herunter»
drohte einer. «Jede Woche rücken wir einmal aus wegen den Kletterern.
Letzhin hat es am Monte Corno einen Toten gegeben.» Dann hoben
sie die Bahre wieder an, jetzt hatten sie die Sache im Griff.
Bäume, die den Weg versperrten, hackten sie kurzerhand mit ihren
Beilen weg. Die Deutschen durften sichern und die Seile einsammeln.
«Seil frei», rief der Offizier. Und lachte: «Bis wir unten sind,
spreche ich auch deutsch.»
Ein flackernder Tatzelwurm kroch den steilen, von Felsstufen durchsetzen
Hang hinab ins Tal. Staub wirbelte auf, zog wie Rauchschleier
durch die Lichtkegel der Lampen. Manchmal rollte ein Stein in
die Tiefe, gefolgt von Rufen und Geschrei.
Ein Kletterfreak zupfte mich am Arm. «Ich bin Arzt. Sag den Leuten,
sie sollen anhalten. Der Verletzte steht unter Schock, man muss
vorsichtig mit ihm umgehen. Haben sie keine Medikamente?»
Ich suchte den Offizier. «Es ist ein Arzt hier», sagte ich. «Lassen
Sie anhalten.»
«Unser Arzt wird gleich eintreffen.»
Funksprüche wurden gewechselt. Der Arzt sei unterwegs, hiess es.
Dann fiel der Generator aus, wir standen in der Nacht, mitten
im Hang, im aufgewirbelten Staub, ich klammerte mich an ein Seil,
bis jemand mit einer Lampe vorbeikam.
Der Arzt sei nun doch im Tal geblieben, teilte mir ein Carabiniere
mit. Man liess den Deutschen mit dem Verletzten sprechen. Auf
Wunsch des Carabiniere musste er ihn nach dem Alter fragen.
«Fünfundzwanzig? Sieht aber jünger aus», meinte ein Träger.
«Braucht er Medikamente?» fragte der Offizier. «Wir bestellen
sie per Funk. Wir haben alles unten in der Ambulanz.»
«Es geht», sagte der deutsche Arzt. «Macht weiter. Im Augenblick
geht es.»
Der Weg wurde flach, Neugierige kamen uns entgegen, traten zur
Seite, liessen den Zug vorbei. Blitzlicht flammte auf. Die Presse
war vor Ort, mehrere Feuerwehrfahrzeuge, zwei Ambulanzen. Der
Arzt stand bereit, in feinen Lederschuhen und grüner Operationsschürze,
mehrere Pfleger in Weiss, Polizei, viele Zuschauer. Die Tür der
Ambulanz stand offen. Die Träger hoben die Bahre an, die junge
Frau aus der Gruppe des Verunglückten, fragte mich: «Wohin bringen
sie ihn? Was soll ich tun?»
«Steig ein, fahr mit», sagte ich.
Sie stieg hinauf, schlotternd vor Aufregung und Kälte, noch immer
trug sie den Klettergurt, daran baumelten Expressschlingen und
das Magnesiasäcklein. Die Pfleger schlossen die Tür. Sirenen,
Blaulicht, Zigaretten glommen auf in der Nacht. Eine Kolonne von
Fahrzeugen rollte an, fuhr die Strasse hinab gegen das Meer. Nacht
und Stille fiel über das Tal, über die Felsen, über die Falesia
del Silenzio, die Klippe des Schweigens.
«Drammatico salvataggio di un alpinista a Calvisio» verkündete
am andern Morgen ein Plakat am Zeitungkiosk. Der Berichterstatter
der «Stampa» hob die grossen Verdienste der Feuerwehr, der Polizei,
der Sanität und der freiwilligen Helfer hervor. Die Bell 412 der
Feuerwehr von Genua habe mit schwierigen Manövern die Rettung
koordiniert. Der junge Kletterer sei schwer verletzt, aber ausser
Lebensgefahr.