Computerkolumne

Asterix und der Umlaut

«Die Römer haben uns versohlt!» kräht Asterix, als er einem Freund
in Helvetien auf seinem PC einen Brief schreibt. Denn sowohl die
Gallier wie auch wir Deutschsprachigen haben das Alphabet bei
den Römern entlehnt, obwohl es die Laute unserer Sprachen nur
unvollständig abbildet. Verzweifelt sucht Asterix auf den Tasten
nach den ä, ö, ü, welche nördlich der Alpen so gemütlich klingen.
Doch die Römer haben ihr Imperium ohne Umlaute gebaut. Gut zweitausend
Jahre leben wir nun mit dieser Erbschaft, der Computer hat uns
die Last noch erschwert. Im Mittelalter behalfen sich die schreibenden
Mönche mit einem e, das sie auf das a, o oder u setzten, um die
fehlenden Laute aufs Pergament zu bringen. Weil die Antreiber
schon damals hinter den armen Skriptoren die Peitsche schwangen,
verkümmerten die e allmählich zu zwei Punkten, schnell waren sie
hingetüpfelt. Aus Gründen der Rationalisierung magerten auch die
kapitalen Lettern zu Kleinbuchstaben ab. Soll bitte niemand mehr
von der gemütlichen alten Zeit sprechen.
Über den Limes ins Angelsächsische stiessen die Umlaute jedoch
nicht vor ­ leider muss man feststellen. Denn als Remington in
den USA die ersten Schreibmaschinen nach Europa verschiffte, besassen
sie weder für grosse noch für kleine Umlaute eine Taste. Die kleinen
wurden später noch zugefügt, ebenfalls Akzente fürs Französische
und andere Sprachen. Für die grossen Umlaute kehrte die Geschäftswelt
ohne Murren zur mittelalterlichen Schreibweise mit dem beigestellten
e zurück. Ue statt Ü tippen heute noch viele Computerbenutzer
aus reiner Gewohnheit oder weil sie die richtige Tastenkombination
nicht kennen.
Als die Schreibmaschine zum Fernschreiber mutierte, liessen die
Schöpfer des American Standard Code of Information Interchange
ASCII, der für 7kanalige Lochstreifen konzipiert war, die Umlaute
leise unter den Tisch fallen. Dass sich ASCII als de facto Standard
bei den kommenden Generationen der Personalcomputer durchsetzen
würde, ahnte noch niemand. Auch das Reich der Fernmeldetechnik
wurde ohne Umlaute errichtet.
Im Zeitalter der globalen Vernetzung leiden wir an den Folgen
der historischen Irrwege, denn in den elektronischen Briefe, die
wir bekommen, steht öfters statt ein ü irgend ein anderes Zeichen,
beispielsweise Å, statt ein ö ein î, statt ein ä ein Ñ. Es geschieht,
wenn einer mit einem IBM-PC schreibt und der Empfänger die Botschaft
mit dem Macintosh entschlüsselt. Manchmal ist?s auch ein v statt
ein ö oder ein ” statt ein ä. Sieht h”sslich aus, aber lesen kann
man einen Liebesbrief trotzdem. Dennoch lautet die erste Frage
an einen deutschsprachigen E-mail Empfänger stets: «Wie kommen
meine Umlaute denn bei Ihnen an?»
Natürlich geht es nicht bloss um die ä,ö,ü, das wäre ja reiner
Germano-Zentrismus. Hunderte von Schriftsprachen kennen tausende
von Zeichen und Akzente oder vollständig eigene Schriftsysteme.
Und alle wollen auf den Computer. ASCII hat für die Zukunft wenig
Raum gelassen: 128 Zeichen sind genormt, die Umlaute und nationalen
Sonderzeichen tummeln auf weiteren 128 Plätzen. Platz 128 heisst
hier Ç, dort Ä. Auf die Dauer kann das ja kein Zustand sein.
Ein internationales Konsortium, an dem Firmen wie Apple, IBM,
Microsoft und DEC beteiligt sind, bemüht sich um einen Weltstandard,
der sämtliche Zeichen aller geschriebenen Sprachen umfassen soll,
von Arabisch über Hebräisch und Kyrillisch bis Thai. Gegenwärtig
sind in diesem Unicode bereits 34 168 Zeichen standardisiert.
Die 7. internationale Unicode-Konferenz im September in San Jose
ist unter anderem der Implementation des Unicode in die gängigen
Betriebssysteme gewidmet. Irgendwann in goldener Zukunft werden
uns also die Umlaute nicht mehr Ñrgern und der clevere Gallier
Asterix wird dank Unicode endlich seinen Frieden mit den Rîmern
finden. Hoffentlich dauert es nicht nochmals zweitausend Jahre.