Einen Traum leben
Maturarede, Berufsschule Uster, 27.6.2003
Liebe Maturand/innen
Ich nehme an, dass sich für Sie mit diesem Tag, mit diesem Abschluss,
ein Traum erfüllt. Vielleicht war es ein grosser, vielleicht auch
nur ein kleiner. Jedenfalls haben Sie einen Abschnitt ihrer Ausbildung
und ihres Lebens abgeschossen und sind bereit für Neues. Für neue
Schritte, für neue Träume.
Dazu möchte ich Ihnen zuallererst herzlich gratulieren.
Ich selber habe auch hier in Uster meine Berufslehre abgeschlossen
und bin von hier aus aufgebrochen zu neuen Ufern. Das war vor
genau vierzig Jahren. Und deshalb bin ich auch gerne hierher zurückgekehrt
in dieses Uster, das eine wichtige Station in meinem Leben war.
Viele meiner Träume haben hier begonnen, während der sechs Jahre,
die ich als Laufbub, Lehrling und Elektroniker in den Fabrikhallen
und Labors der Zellweger AG verbrachte. Einige Träume konnte ich
im Lauf der Jahre verwirklichen: Schreiben und Bergsteigen, meinen
grossen Leidenschaften. Anderes ist Traum geblieben.
«Träume sind Schäume», reimt der Volksmund und spricht mit leisem
Spott vom Träumer, der Luftschlösser baut, statt wie der Realist
in die Hände zu spucken und zuzupacken. Nach meiner Erfahrung
braucht es jedoch beides im Leben: Träume und Visionen. Und den
Versuch, sie zu verwirklichen. «Träume und Traktanden» heisst
der Titel eines Buches mit Reden unseres Bundesrates Moritz Leuenberger,
der sich nicht nur an die Traktanden des politischen Alltags klammert,
sondern gelegentlich auch träumt. «Ich träume davon, dass Politik
Kultur ist, dass ebenso viele Politiker an Lesungen, Theatern
und Konzerten anzutreffen wären wie an Sportveranstaltungen»,
sagt er in einer seiner Reden.
Doch auch Sportler pflegen ihre Visionen. Man müsse nicht nur
das Leben träumen, sondern auch einen Traum leben, sagte Ernesto
Bertarelli, nachdem er mit der Alinghi und einem internationalen
Team in diesem Frühling den Americas Cup für die Schweiz geholt
hat. In fast jedem Interview, das er gibt, erzählt er, wie der
Sieg in der rennommiertesten Segelregatta der Welt schon ein Bubentraum
war.
Ein ehemaliger Schüler aus Uster sei im Team dabei gewesen, habe
ich gehört, und auch für ihn hat sich wohl, wie für seinen Chef,
ein Traum erfüllt.
Träumen, und das können wir von den erfolgreichen Herren Bertarelli
und Leuenberger lernen, Träumen ist eine Kraft, die uns im Leben
zu Zielen führen kann, wenn wir sie nur anpacken, wenn wir sie
nur zu leben versuchen. Träumen kann also ein Erfolgsrezept sein.
Denn was ist der Traum? (Ich meine jetzt, den Tagtraum, nicht
den unbewussten Traum der Nacht.)
Der Traum ist eine Vision der Zukunft. Wir entwickeln Vorstellungen,
mögliche Szenarien des Kommenden, wir stellen uns vor, wie wir
sie meistern könnten und was es dazu braucht. Der Traum ist ein
Test, ein Modellversuch im Labor sozusagen, wohin uns unser Weg
in Zukunft führen könnte.
Der Traum steht am Beginn eines Weges, auf den er uns leitet.
Er macht den Aufbruch zu neuen Ufern erst möglich.
Natürlich hatte es Ernesto Bertarelli ein bisschen einfacher als
wir alle, als Sohn einer sehr reichen Familie und heute einer
der reichsten Männer der Schweiz. Aber immerhin: Er hat doch mehr
für unser Selbstbewusstsein getan als andere Reiche in diesem
Land. Und er hat, so scheint mir, das Träumen wieder salonfähig
gemacht. Träumen können wir schliesslich alle, Träume kosten nichts.
«Ich will mit meinen Träumen auf Reisen gehen», lautet die Headline
eines Inserates der Firma Siemens, das ich letzthin in der NZZ
las. Träumen scheint also im Trend, selbst in der Werbung.
«Trau dich, geh raus in die Welt und verwirkliche deine Träume»,
singt René Baumann aus Kölliken im Aargau, besser bekannt als
DJ Bobo.
Das erinnert mich, wie ich als Schüler einmal einen Film über
Kanada sah, der mich so beeindruckte, dass ich davon träumte,
einmal dorthin auszuwandern. Ich stellte mir alles ganz genau
vor, die Reise, wie ich dann als Holzfäller in den Wäldern hart
arbeiten, Geld verdienen und dann eine schöne Frau heiraten würde.
In jener Zeit lebte ich ziemlich arm, doch der Traum von Kanada
gab mir Kraft, er zeigte mir einen Weg hinaus aus dem Fabrikdorf
hinter dem Bachtel, wo ich aufgewachsen bin.
Nach Kanada bin ich allerdings nie gekommen und geheiratet habe
ich nicht in Montreal, sondern in Schwamendingen. Trotzdem habe
ich nicht das Gefühl, ich hätte mein Ziel verfehlt, mein Traum
von Kanada sei Schaum geblieben. Ich habe in andern Ländern gelebt,
bin andere Wege gegangen, aber immer haben mich Tagträume begleitet.
Mal bin ich durch die Eiger-Nordwand geklettert, dann wieder habe
ich mir ein eigene Softwarefirma aufgebaut oder ich bin als Korbflechter
mit einem Esel durch Italien gewandert. Die Träume sind nie ganz
wahr geworden aber stets haben sie mir Ideen, Impulse und Inhalte
für meine Lebensgestaltung geliefert.
Von einem Mann habe ich gelesen, der überhaupt nur im Kopf reist,
in Länder, die es gar nicht gibt, die er sich selber erfindet.
Palsernin heissen die, oder Insel Ägüsöä. Er malt und zeichnet
bunte Landkarten von unbekannten Welten, Städten und Planeten.
Ein Spinner? Nein, ein grosser Künstler, ein Visionär mit einer
gewaltigen Vorstellungskraft.
Auch Albert Einstein ist nie auf einem Lichtstrahl durchs Weltall
geritten, wie er sich einmal vorstellte, aber dieses Traumbild
hat ihm geholfen, die Relativitätstheorie zu entwickeln, die schliesslich
unsere Welt verändert hat wie kaum eine andere wissenschaftliche
Theorie zuvor.
Träume, Visionen sind also eine kreative Kraft, die uns neue Welten
erschliessen kann. Träume weisen uns Wege, die vielleicht noch
nie jemand gegangen ist.
Träume sind aber noch mehr.
«I have a dream …» Diesen Satz wiederholte ein Mann in seinen
Reden immer wieder. Und er schilderte seinen Traum so: «I have
a dream. I have a dream that all men are created equal. … I
have a dream that my four little children will one day live in
a nation where they will not be juged by the colour of the skin
but by the content of their character. I have a dream … »
Ich zitiere hier aus der Rede von Martin Luther King, die er als
Führer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung am 28. August 1963
in Washington D.C. hielt, vor 250000 Demonstranten. Der Traum,
dass alle Menschen gleichwertig und gleichberechtigt seien, gleiche
Chancen hätten, unabhängig von ihrer Geburt, ihrer Hautfarbe,
ihrer Nation. Das ist nun nicht ein individueller Traum vom Glück
oder der Traum vom Sieg in einem sportlichen Wettbewerb. Es ist
einer der ganz grossen Träume der Menschen, den man heute und
immer wieder träumen kann und muss. «I have a dream that on day
… sons of former slaves and sons of former slaveowners will
be able to sit down together at the table of brotherhood.»
Und heute müsste man politisch korrekt noch beifügen: «together
with the daugthers of slaves and former slaveowners at the table
of sisterhood.»
Martin Luther King lebte seinen Traum nicht nur, er starb auch
für seinen Traum. Erschossen am 4. April 1968 von einem Attentäter.
Einiges von dem, was er vor vierzig Jahren träumte, ist heute
verwirklicht. Von einer globalen Gerechtigkeit sind wir allerdings
noch weit entfernt.
«Vielleicht ist das Ziel fast unerreichbar. Vielleicht ist es
nur ein Traum, doch wenn sich niemand für diesen einsetzt, wird
er niemals wahr.» Das sagte nicht Martin Luther King, Bürgerrechler
und Friedensnobelpreisträger, sondern ein junger Demonstrant für
globale Gerechtigkeit aus Zürich.
Träume, so sehen Sie an diesen Beispielen, sind nicht nur eine
individuelle und kreative Kraft. Sie sind auch eine gesellschaftliche
Macht, die die Welt verändern und vielleicht so hoffen wir
verbessern kann. So wie das unter andern Martin Luther King, Mahathma
Gahndi oder Nelson Mandela gelungen ist. Oder wie es gegenwärtig
die Führerin der Demokratiebewegung in Burma, Aung San Sun Kyi
versucht.
Der Traum ist jedenfalls die Voraussetzung zur Tat. Zur Erfindung.
Zum eigenen Unternehmen. Zum Platz auf dem Podest im sportlichen
Wettbewerb. Zum Aufbruch in neue Welten. Zu Gerechtigkeit und
zum Glück.
Doch die Zeiten, wie Sie selber wissen, sind nicht die besten.
Konflikte, Kriege, Terrorismus, Rezession, Arbeitslosigkeit, Hunger,
Krankheiten, neu aufflammender Rassismus, gewalttätiger Nationalismus
und organisierte Kriminalität peinigen die Welt. Der Traum vom
Fliegen ist zum Alptraum geworden, die so genannte New Economy
ist abgestürzt. Politiker und Wirtschaftsführer, also die grossen
Realisten unserer Gesellschaft, scheinen irgendwie ratlos.
Und viele, vor allem Leute in meinem Alter und darüber, träumen
nur noch von Gestern, von der guten Alten Zeit, wo, wie sie behaupten,
alles besser und schöner gewesen sei. Wie auch immer: Die Zeit
kennt nur eine Richtung, der Traum vom Vergangenen hat keine Zukunft.
Wohin geht also die Reise? Kaum jemand wagt noch eine Progose.
Es fehlen die grossen gesellschaftlichen Visionen, der gemeinsame
Traum, was morgen anders und besser sein könnte.
Aber das kann sich ja ändern. Vielleicht haben Sie einen Traum?
Ich hoffe es.
Liebe Maturand/innen
Für Sie hat sich mit diesem Tag ein Traum erfüllt. Sei er klein
oder gross: Träumen Sie weiter! Und leben Sie ihre Träume.
Ich wünsche Ihnen viel Glück für Ihre Zukunft.
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