Susanna und die siebenhunderttausend Zwerge
An einem Samstagmorgen durfte Susanna ihren Vater zur Arbeit begleiten.
Sie fuhren mit dem Auto in die Tiefgarage des grossen Bürohauses.
Mit einem Lift sausten sie in die Höhe und betraten einen weiten
Raum. Es war ganz still. Kein Mensch war zu sehen, nur grosse
rote Schränke, die in langen Reihen nebeneinanderstanden. An einigen
leuchteten und blinkten Lämpchen in allen Farben. Andere sahen
aus wie Tonbandgeräte mit riesigen Spulen. Susanna war es seltsam
zumute, als sie an der Hand des Vaters zwischen den Schränken
durch den Raum ging. «Das ist ein grosser Computer», erklärte
er. Bei einem niedrigen Schrank mit einem Glasfenster blieb er
stehen. Ein leises Rauschen drang aus den Schränken. Susanna horchte.
Dann wurde sie von einem lauten Knattern erschreckt. Hinter der
Glasscheibe begann ein Apparat Buchstaben und Zahlen zu drucken.
Eine Seite nach der andern wurde rasend schnell gefüllt, dann
spuckte sie die Maschine auf einen Stapel.
«Da siehst du, wie schnell unser Computer ist», sagte der Vater.
«Herr Meier hat ihm ein paar komplizierte Rechnungen aufgegeben.
Nun druckt er die Ergebnisse. So blitzschnell rechnen und denken
kann er wie etwa siebenhunderttausend Leute zusammen.» Er dämpfte
seine Stimme, als verrate er ein Geheimnis. «Man muss nur seine
Sprache verstehen. Dann kann man ihm schwierige Aufgaben stellen.»
Susanna kam alles vor wie in einem Märchen. Sie stellte sich vor,
wie in den roten Schränken siebenhunderttausend Zwerge sitzen
mussten, einer neben dem andern, wie Hühner auf Stangen. Wie die
da drin rechneten und arbeiteten und in ihrer Sprache miteinander
flüsterten, dass es für die Menschen wie feines leises Rauschen
klang. Ganz versunken folgte sie ihrem Vater.
In der Mitte des Raums sass ein Mann in einem Bürostuhl. Um ihn
herum standen viele Schränke mit blinkenden Lämpchen. Das Rauschen
war ganz deutlich zu hören. Der Mann schaute auf einen Bildschirm,
auf dem eigenartige Zeichen und Buchstaben aufleuchteten und wieder
verschwanden.
«Guten Morgen, Herr Meier», sagte der Vater.
Herr Meier zeigte auf ein Zeichen. «Sehen Sie, da ist der Fehler.»
Dann begannen die Männer seltsame Dinge miteinander zu reden.
Susanna verstand kein Wort. Das ist jetzt wohl die Zwergensprache,
dachte sie. Wenn ich einmal gross bin, werde ich die auch lernen,
damit ich den Zwergen Befehle geben kann. Wenn ich in die Schule
gehe vielleicht . . .
In einer Ecke des Raums durfte sie sich mit einem Bündel Computerpapier
an ein Tischchen setzen. Gleich begann sie Zwerge zu zeichnen,
bis das Blatt voll war. Grosse Köpfe bekamen sie, da sie ja so
viel denken mussten. Und immer wieder horchte sie zum nächsten
Schrank hin, ob sie nicht in dem Rauschen hie und da ein Wörtchen
verstehen konnte. Plötzlich vernahm sie ein neues Geräusch, das
hinter den Schränken hervordrang. Wie ein Motor klang es, und
auch Stimmen glaubte sie zu hören. Aufgeregt eilte sie zum Vater.
«Ich habe etwas gehört», rief sie. «Vielleicht sind ein paar von
den siebenhunderttausend Zwergen abgehauen.»
Der Vater hantierte gerade an einem der grossen Tonbandgeräte.
Er war verärgert, dass ihn Susanna bei der Arbeit störte. Aber
schliesslich kam er nachsehen.
Hinter einer Reihe von Schränken schob eine Frau einen grossen
Staubsauger hin und her. «Ach, das ist ja nur die Putzfrau», sagte
der Vater und wollte wieder an seine Arbeit zurück. Aber Susanna
kannte die Frau. Es war die Mutter von Mario, der mit ihr in den
Kindergarten ging. Sie erschrak, als sie den Vater sah, und wollte
ihm etwas erklären. Aber der Vater verstand kein Italienisch.
Schliesslich kam Mario selber zum Vorschein. Der Schlaumeier hatte
sich hinter einem Computerschrank versteckt. «Sie müssen vielmals
entschuldigen», sagte er, nachdem seine Mutter auf ihn eingeredet
hatte. «Ich darf eigentlich nicht hereinkommen. Aber weil wir
Ferien haben im Kindergarten, musste Mama mich mitnehmen.»
Der Vater lachte nur. «Das macht doch nichts. Susanna ist ja auch
da. Jetzt könnt ihr miteinander spielen. Ihr dürft uns nur nicht
bei der Arbeit stören.»
Susanna zeigte Mario die Zeichnung mit den Zwergen. Stolz fragte
sie: «Weisst du, was das ist?»
«Klar», nickte er, «Zwerge.»
Sie zog seinen Kopf heran und flüsterte ihm ins Ohr: «Ich sag
dir ein Geheimnis. In den Schränken da hat es viele, viele Zwerge.
Siebenhunderttausend! Sie können rechnen und sogar reden.»
Mario schüttelte den Kopf: «Zwerge gibt es nur in Italien in den
Bergen. Und nur meine Nonna kann mit ihnen reden.»
Susanna wurde wütend. Sie schrie Mario an: «Mein Papa kann mit
den Zwergen da drin reden. Und wenn ich gross bin, lerne ich es
auch. Dann können sie für mich Schulaufgaben machen.»
Mario streckte ihr die Zunge heraus: «Bäääh, du spinnst. Herr
Meier hat mir einmal gezeigt, was in den Schränken drin ist.»
Er machte geheimnisvolle Augen. «Der kann sie nämlich aufmachen.
Er hat einen Schlüssel.»
«Was ist denn drin?» wollte Susanna wissen.
«Ach, nur Drähte und Stecker und so Zeugs», sagte Mario mit einem
wichtigen Gesicht. Dann nahm er Susannas Zeichnung und kritzelte
die Zwerge durch. «Dein Pur Italienisch. Wenn ich einmal gross bin,
gehe ich nach Italien in die Berge und rede dort mit ihnen.»
Das war zuviel für Susanna. Heulend rannte sie zum Vater. Der
schaute gerade mit Herrn Meier in einen Schrank hinein, dessen
Tür offenstand.
«Was ist denn jetzt schon wieder los?», fragte er ungeduldig.
Susanna klammerte sich an seine Hosenbeine und hörte auf zu heulen.
Mit einem Auge blinzelte sie in den offenen Computerschrank hinein.
apa kann gar nicht mit den Zwergen reden.
Zwerge können nämlich nHerr Meier hantierte in einem Gewirr von Leitungen und Drähten.
Endlich getraute sie sich zu fragen, ob es denn wirklich keine
Zwerge habe da drin.
«Zwerge?» Der Vater lachte. «Was du nur für eine Phantasie hast,
Susanna. Schau selber hinein, ob du welche siehst.»
Sie trat näher. Aber keines der winzigen Männchen mit den grossen
Köpfen wollte sich zeigen. «Und das Rauschen?», fragte sie.
«Das kommt von den Ventilatoren», erklärte der Vater. «So ein
Computer braucht viel Strom. Ohne Ventilatoren würde er so heiss
wie ein Backofen.»
Nun kroch Herr Meier aus dem Schrank heraus. Er drückte Susanna
zwei winzige schwarze Knöpfchen mit dünnen Drahtbeinen in die
Hand. «Da hast du zwei von deinen Zwergen», sagte er lachend.
Zum Vater meinte er: «Die zwei Transistoren habe ich ausgewechselt.
Sie sind wohl etwas heiss geworden. Nun läuft der Computer wieder.»
Als sie im Auto sassen, fragte Susanna den Vater: «Du, Papa, warum
kannst du eigentlich nicht Italienisch?»
Er wurde etwas verlegen und sagte dann: «Ach, weisst du, das brauche
ich im Geschäft doch nicht. Ich muss so viele andere Dinge im
Kopf haben.»
«Wenn ich gross bin, lerne ich Italienisch», sagte Susanna, und
dabei schaute sie auf die beiden schwarzen Männchen in ihrer Hand.
«Dann kann ich einmal mit den richtigen Zwergen reden.»
Aus: Susanna und die siebenhunderttausend Zwerge. Sauerländer
Verlag, Aarau 1978 (vergriffen).