«Software» hiess einst Müll
Seit wann gibt es eigentlich Software? Das Wort, meine ich. Charles Babbage, Urvater des Computers, kannte
es noch nicht. Als «sets of cards» beschrieb er die Software seiner
«Analytical Engine» in den 1840er Jahren. Hätte er damals ein
solches Paket gelochter Kartonkärtchen in den Müll geschmissen,
so hätte es der Mann, der den Abfall nach Brauchbarem durchwühlte,
eventuell der Kategorie «soft-ware» zugeordnet. Der Oxford English
Dictionary weist diesen Begriff erstmals 1850 in der Sprache von
Abfallsammlern nach, die ihr Gut nach «hard-ware» und «soft-ware»
sortierten. Soft-ware war weiche Ware, die verrottete. Babbage
produzierte allerdings keine Wegwerfsoftware, denn seine Programme
existierten nur in seinem Kopf und auf dem Papier.
«Rechenpläne» nannte der deutsche Computerpionier Konrad Zuse in den 1940er
Jahren seine in Filmstreifen gelochten Programme, die unter anderem
die Flügel von ferngelenkten Bomben berechneten. Auch General
Dwight D. Eisenhower kann nicht als Schöpfer des Begriffs gelten,
obwohl ihm eine Anekdote den Ausruf unterschiebt: «There will
be no software in this mans army!» Ein Mathematiker der RAND
Corporation habe das im Jahr 1947 vom Hörensagen erfahren, schreibt
der Computer-Historiker Paul E. Ceruzzi in seinem Buch «A History
of Modern Computing». Wahrscheinlich meinte Ike jedoch nicht den
ENIAC, dessen Entwicklung die US-Army Ende des 2. Weltkriegs unterstützte,
um Geschossflugbahnen zu berechnen. Die Software des ersten elektronischen
Computers bestand noch aus Steckkabeln und Schaltern, war also
eigentlich Hardware.
Fred R. Shapiro, Bibliothekar an der Yale Law School, hat sich mit moderner Textsuch-Software
auf die Suche nach dem ersten Auftauchen des Begriffs «Software»
in der Literatur gemacht und ist in der Januarausgabe 1958 des
«American Mathematical Monthly» fündig geworden. Dort gibt John
W. Tukey, Statistikprofessor in Princeton, in einer Definition
dem Wort der Abfallsammler seine aktuellen Bedeutung, in Abgrenzung
zur «Hardware», dem altbekannten Wort für Eisenwaren und Kriegsgerät.
Tukey gilt auch als Schöpfer des Wortes «Bit». Die Unterscheidung
von Hard- und Software hat sich als so brauchbar erwiesen, dass
daraus im Lauf der Geschichte unterschiedliche Industrien und
Berufe entstanden sind. Allerdings musste um 1970 IBM durch Antitrust-Prozesse
zum «unbundling» gezwungen werden, also dazu Hard- und Software
getrennt zu fakturieren, damit sich eigenständige Märkte entwickeln
konnten.
Die deutschen Sprachhüter wehrten sich anfangs standhaft gegen die Neologismen aus dem
Englischen, die wie Trojanische Pferde mit der importierten Hard-
und Software die Sprache der Dichter und Denker zu verunstalten
drohten. Auch die Industrie der Bundesrepublik, die in den 1960er
Jahren dank kräftiger Subventionen der Regierung noch von einer
eigenständigen «Rechnerindustrie» träumte, fürchtete das Vordringen
der angelsächsischen Computerterminologie wie der Teufel das Vaterunser.
In jener Zeit schrieb ich selber bei Siemens Programme für Prozessrechner
in einer Programmiersprache mit dem edlen Namen PROSA. Insgeheim
sprach man zwar schon von Software, im schriftlichen Verkehr war
jedoch die Bezeichnung «immaterielle Ware» politisch korrekt,
im Gegensatz zur «materiellen Ware». Begriffe, die gewiss nicht
von Abfallmännern stammten, sondern aus feineren Kreisen, und
deshalb ziemlich unhandlich waren.
Der Duden anerkannte in der 2. Auflage des Fremdwörterbuchs von 1966 «Software»
immerhin als Fremdwort. Und in der 17. Auflage des Rechtschreibduden
von 1973 erhielt, gemäss Auskunft der Duden-Sprachberatung, das
Wort «Software» schliesslich auch die Weihe der deutschen Sprachpfleger.
Inzwischen fragt man sich bloss, ob die Begriffe wirklich noch Sinn machen. Heutzutage
ist Software ziemlich langlebig, samt den eingebauten Software-Bugs.
Manchmal ist es billiger, in einem System die Hardware auszuwechseln,
als einen Fehler in der Software zu beheben. Software ist also
oft härter als Hardware. |
Konrad Zuse |