Militär am Berg

Die Rückeroberung der Alpengipfel

Offiziere! Unteroffiziere! Soldaten! (Dienstleistende Damen mitgemeint.)
Der Berg ruft! Wir alle, die wir im Tale bleiben, wünschen euch
für den 31. August strahlendes Wetter, klare Aussicht und frischen
Gipfeltrunk. Es muss ein Zeichen gesetzt werden. Alle Viertausender
in Schweizer Hand!

Wir erinnern uns. Als die höchsten Gipfel der Alpen erobert wurden,
war die Schweiz noch jung und arm, Bergbauern und Gemsjäger buckelten
die Rucksäcke der Lords des Londoner Alpine Club über die steilen
Felsgrate hinauf, pickelten Tritte in den Firn, liessen den Herren
den Vortritt auf die Spitze. Das Führergeld brauchten die Einheimischen
nötiger als den Gipfelsieg. Doch seit seit der rüpelhafte Engländer
Edward Whymper als erster auf dem Matterhorn stand, sind 130 Jahre
vergangen. Es ändert sich die Zeit.

Dass vor zwei Jahren ein Detachement der britischen Armee versucht
hat, unsere Viertausender nochmals zu besetzen, trifft die Ehre
der Gebirgstruppe, jedenfalls hat das die Schweizerische Depeschenagentur
verbreitet. Trotz Sparmassnahmen schnüren deshalb die Gebirgsspezialisten
der Armee 95 ihre Rucksäcke und ergreifen die Eispickel, um die
48 höchsten Gipfel in einem Frontalangriff an einem Tag niederzuringen.
Presse und Fernsehen brausen im Helikopter mit, denn auch wer
Beine und Bauch nicht mehr heben mag, hat heutzutage Anrecht auf
das Erlebnis life im Lehnstuhl, bald sind ja auch Wahlen. Der
Bundesrat ist, wenn nicht gar auf dem Gipfel, so gewiss beim feierlichen
Fendant darnach dabei. Endlich wieder einmal ein positiver Auftritt.
Die Armee-Halbierungsinitiative ist gebodigt, man darf den Kopf
wieder aus dem Unterstand heben. Damit das Stimmvolk nicht etwa
auf den Gedanken kommt, es werde Steuergeld in den Schnee gesetzt,
wird die Gebirgsübung von Sponsoren bezahlt. Warum nicht, wenn
sich das Konzept bewährt, die ganze Armee mit Werbegeld finanzieren?

Die Besteigung aller Viertausender durch die Truppe ist als PR-Strategie
ohnehin tauglicher denn als militärische. Obwohl wir wissen, schon
Hannibal musste die Alpen überqueren, samt Tross und Elefanten.
Und General Suworow, im Felde ungeschlagen, verlor seine letzte
Schlacht am Panixerpass. Seit Morgarten und dem Réduit haben wir
gelernt: Wer die Höhe beherrscht, hat taktischen Vorteil. Vom
Hartmannsweilerkopf über Monte Cassino bis zum Berg Igman sind
die Gipfel der Ort, wo nach dem Angriff die Fahne flattern muss.

Wenn Militär auf Berge steigt, ist das Unternehmen jedenfalls
von tiefer Symbolik getragen. Sieg über den Berg steht für den
Sieg über den Feind. «Das Matterhorn war ein hartnäckiger Feind»,
schrieb schon Whymper. Auf dem Gipfel rollte er Steine gegen seine
menschlichen Widersacher am italienischen Grat hinab, die im Auftrag
des italienischen Königshofs das Horn bestürmten. Oben stehen,
das war schon immer Ehrensache, oft auch im Dienste der Nation.
Das Podest bei den olympischen Spielen ist ja eigentlich nur ein
verkümmerter Berg.

Wenn Gipfel im Morgenrot erstrahlen, pocht das vaterländische
Herz in unserer Brust und drängt hinauf. Nationale Bewegungen
haben das längst erkannt. Dem zweiten Weltkrieg ging ein unerbittlicher
Kampf um die grossen Nordwände und Schicksalsberge im Himalaya
voraus. Die Bezwinger der Eigernordwand durften am Parteitag der
Nationalsozialisten neben Adolf Hitler auf den Balkon treten.
Deutsche Gebirgsjäger bestiegen im Zweiten Weltkrieg den Elbrus
im Kaukasus, die höchste Erhebung Europas, um den Sieg im Feld
auch am Berg zu erhärten. Als Maurice Herzog, später französischer
Sportminister, 1950 den ersten Achttausender bezwang, schrieb
der Führer Lionel Terray: «Diese symbolische Eroberung zum Ruhm
unseres Landes … ist nicht vergeblich gewesen. Dank ihrer Leistung
war es unserer so sehr in Verruf geratenen Nation möglich geworden,
der Welt das schönste Beispiel ihrer unsterblichen Tugend zu geben.»

Nun sind die 48 Viertausender der Schweiz weder die Eigernordwand
noch die Annapurna. Es sind Gipfel, die an Schönwettertagen hunderte
von Bergsteigern mit etwas Schnauf und guter Ausrüstung erreichen.
Ob damit der Beweis erbracht ist, «dass Armee 95 auf Anhieb zu
Höchstleistungen fähig ist», wie der Kommandant der Zentralen
Gebirgskampfschulen, Sergio Romaneschi, verlauten liess, darf
beim heutigen Stand der alpinen Technik bezweifelt werden. Da
kommt die Gebirgstruppe hundert Jahre zu spät. Keinem einzigen
Wehrmann und keiner Wehrfrau vergönnen wir die Aussicht und ­
wer weiss ­ gar den Gipfelkuss. Doch das Fürchten lehren unsere
Gebirgskämpfer niemanden, wenn sie auf Normalrouten aufs Finsteraarhorn
oder den Alphubel steigen.

Zum Glück nicht, kann man ja auch ausrufen. Zum Glück haben wir
eine Armee, die sich ein Tourenlager leisten kann, während mit
dem Feldstecher vom Piz Bernina aus im Südosten schon fast der
Rauch brennender Städte zu sehen ist. Soll etwa das die Botschaft
sein? Statt Dienst bei den Blauhelmen zu leisten, die verzweifelt
und verloren in der Welt Frieden zu stiften versuchen, erobern
wir in Frieden unsere eigenen blauen Berge zurück. Kroatien und
Bosnien überlassen wir den Engländern und dem Rest der Welt.