Sieben Rehe
Es war Winter und wir besuchten die erste Klasse, als wir beschlossen, auf die Oberegg zu steigen. Es war unsere erste gemeinsame Tour. Hansruedi und ich haben später unzählige Berge bestiegen, Felswände erklettert, im Sommer und im Winter, wir wurden wilde Bergsteiger. Die Oberegg jedoch, der Hügel im Osten von Gibswil, war weiss Gott kein bemerkenswerter Gipfel, doch es war unser erster. Das heisst, nicht der Gipfel mit der Schweizerfahne war unser Ziel, sondern ein Wochenendhäuschen, das man vom Dorf aus gut sehen konnte. Aus irgend einem Grund, den ich heute nicht mehr erinnere, hatte es unsere Fantasie angeregt und wir beschlossen, hinaufzusteigen, mitten im Winter. Vielleicht war es ja offen und irgend etwas war da zu entdecken. Wir wateten also im Schnee die Hänge hinauf, sanken immer tiefer ein, Hansruedi, der grösser war als ich und stärker, spurte voran. So ist es dann immer geblieben, meist ging er voran, wenn es schwierig oder gefährlich wurde, und ich folgte. Während ich oft die Ideen lieferte, die Ziele ausheckte. Ich nehme an, auch an jenem Mittwochnachmittag war ich der Anstifter für unsern Ausflug, in den wir selbstverständlich unsere Eltern nicht einweihten. Es war ja auch eine andere Zeit, wir Kinder wuchsen ziemlich selbständig auf, da unsere Eltern tagsüber in der Fabrik oder auf dem Hof arbeiteten, wir streiften durch Wälder und Schluchten, ohne dass jemand Angst gehabt hätte, wir könnten bedroht oder entführt werden.
Hansruedi wohnte auf der andern Seite des Tals am Almann, im obersten kleinen Bauernhaus, dem «Gais», er kam zu Fuss zur Schule, eine Stunde Weg. Über Mittag verpflegte er sich im der Wirtschaft im Dorf mit so genannter «Schülersuppe» und einem Stück Brot. Der Gais gehörte zu einem Gutsbetrieb, den einige Familien aus dem Bernbiet bearbeiteten, mit denen wir kaum Kontakt hatten. So lernten wir uns erst am ersten Schultag kennen, wir sassen im Kreis, drei Mädchen, drei Buben, und mussten sagen, wie uns die Mutter rufe. «Hansruedi hii chuu», sagte der Fremde vom Berg, ich höre seine Stimme noch genau, doch wir verstanden kein Wort der Emmenthaler Mundart. Ob wir lachten oder sonstwie reagierten, weiss ich nicht mehr, ich weiss überhaupt nichts mehr vom ersten Schultag, als die Art, wie er diesen Satz aussprach. Bald wurden wir Freunde und im ersten Winter brachen wir auf zu unserer Tour auf die Oberegg.
Das letzte Stück führte durch überaus steilen Wald, doch auch das schreckte uns nicht, wir wühlten uns förmlich durch den hüfttiefen Schnee, zogen uns an Baustämmen und Wurzeln in die Höhe und erreichten schliesslich das Wochenendhaus, das uns so magisch angezogen hatte. Ein hässlicher Bau, stellten wir fest, der eher Baracke glich als einem märchenhaften Hexenhaus. Kein Mensch zeigte sich, die Tür war verschlossen, die Fenster verriegelt, wir froren, standen mit den Händen in den Hosensäcken herum und wussten plötzlich nicht mehr, was uns eigentlich da hinauf getrieben hatte. Wir hatten wohl einfach einen Anlass gesucht, gemeinsam etwas zu unternehmen, ein Abenteuer zu bestehen, und es war uns nichts besseres eingefallen. So wie wir später durch Felswände auf Gipfel kletterten, die man auch auf einem bequemen Wanderweg hätte erreichen können. Unser Ziel war das Unterwegssein, der Vorstoss ins Unbekannte, nicht das Ankommen. Und so stiegen wir bald wieder ab, rutschten auf dem Hosenboden durch den steilen Wald.
Es begann schon zu dämmern. Wir hörten ein Geräusch, blieben stehen und, schauten uns um. Ein Reh war aus dem Wald getreten, sah zu uns herüber, liess sich jedoch nicht beirren, sondern stakte mit seinen langen Beinen dem Waldrand entlang durch den tiefen Schnee. Ein zweites folgte, ein drittes. Sechs Rehe zogen ganz nah an uns vorüber, leise und in tiefstem Frieden, und dann folgte noch ein kleineres, etwas ungelenk und mit grösserem Abstand. Dieses Bild hat sich in meiner Erinnerung eingeprägt wie kaum ein anderes aus meiner Jugend, so deutlich und klar, als sei es enthalte es eine Botschaft, die ich jedoch auch heute, nach über einem halben Jahrhundert, noch nicht entschlüsseln kann.
Wäre ich ein Wandermönch wie Basho, der im 17 Jahrhundert durch die Berge Japans wanderte, dann würde ich die Begegnung mit den sieben Rehen in einem Haiku-Gedicht fassen, und dabei würde sich vielleicht in einem Blitz der Erkenntnis ihre Bedeutung enthüllen.
Ein Winterabend
Sieben Rehe ziehn vorbei
der Berg steht schweigend
Die Zahl Sieben hat im Haiku eine besondere Bedeutung, die mittlere der drei Zeilen soll sieben Silben zählen, die beiden andern fünf. Wahrscheinlich überhöhe ich die Bedeutung meiner Erinnerung nun über alle Massen, wie man gerne Gefahr läuft, dem Erinnerten eine Bedeutung zuzuschreiben, die es im wirklichen Leben gar nie hatte. Vielleicht waren es ja nur sechs Rehe gewesen, doch erst die Zahl sieben macht das Bild vollständig und geheimnisvoll.
Wir schauten den Rehen nach, bis sie verschwunden waren, rannten und rutschten weiter zu Tal, kamen ins Dorf, in dem schon die Lichter angegangen war. Ein leichter kalter Nebel schlich um die Häuser. Wir trennten uns, Hansruedi hatte noch eine Stunde Weg vor sich. Am andern Morgen früh war wieder Schule.
© Emil Zopfi |
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