Berg&Klettern

Der Rebell aus dem Fextal

Während einer Herbstwoche mit Tango und Wandern im Fextal erinnern wir uns an den legendären Christian Klucker, einen der bedeutendsten Bergführer aus der Pionierzeit des Alpinismus in der Schweiz.

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«Am 29. September sah ich die blauen Seen meines Engadin wieder und öffnete am Abend die Tür in meinen Bau. Das Fextal trug die gelbroten Farben des Herbstes, und in den Höhen rüstete der Winter sein weisses Kleid.» Wie der Bergführer Christian Klucker bei seiner Rückkehr aus Kanada von einer Expedition mit Edward Whymper im Herbst 1901, so erleben wir das Fextal in diesen Tagen. Die melancholische Klarheit der Herbstfarben – die Lärchen noch fast grün – Neuschnee auf den Gipfeln von Piz Fora und Piz Tremoggia im Talabschluss.
Auf einem Höhenweg wandernd sehen wir tief unter uns in der Ebene von Fex Platta Kluckers «Bau». Ich kenne das kleine Steinhaus mit Anbau, mit Scraffitti verziert, an dessen Tür die geschmiedeten Initialen CK zu lesen sind. Drinnen noch Kluckers Werkstatt, Hobelbank und Werkzeug, die Stube getäfert, alte Stabellen, ein Korbstuhl, in den Kammern Bettgestelle aus Holz, so als hätte er erst gestern und nicht im Dezember 1928 Jahren sein Haus verlassen, ohne Mantel im tiefsten Winter, um in Sils Maria eine Weihnachtsfeier von Schülern zu besuchen. Schwer sein Atem an jenem Tag, im Hotel Waldhaus ruhte er kurz, dann schritt er weiter hinab ins Dorf, doch nach einer Tasse Tee in einem Restaurant holte ihn der Tod ein, der ihn auf dreitausend Bergtouren verschont hatte. Herzversagen.
Im Friedhof der kleinen Kirche von Fex Crasta stehen wir vor einem Granitstein, der an einen der hervorragendsten Schweizer Bergführer erinnert. Das in Stein gemeisselte Geburtsjahr 1852 ist zwar falsch, er kam 1853 zur Welt, aber das wird ihn wenig mehr kümmern. Obwohl er es zeitlebens mit Zahlen sehr genau nahm. Oft musste er seine «Herren» und Auftraggeber zurechtweisen, wenn sie eine falsche Höhenangabe, übertriebene Marschzeit oder Neigung eines Eishangs publizierten. Das falsche Geburtsjahr ist also fast eine Ironie auf einen, der stets auf Korrektheit achtete. Auch am Berg: Nie in seinem Leben habe er einen Mauerhaken oder Abseilring benutzt, das betont er mehrmals in seinen Schriften. Klucker gilt heute als ein früher Vertreter des Freikletterns «by fair means». Im Juli 1882 kletterte er in drei Stunden zwei Drittel der noch unbegangenen Badile-Nordkante hinauf, solo und in zerrissenen Socken, und dann auch wieder hinunter – das soll ihm mal einer nachmachen.
Ein deutsches Ehepaar tritt aus der Kapelle, «Klucker, ah, der grosse Bergführer!» Die Leute wissen einiges über ihn. Das «tuusigs Männli» aus dem Fextal ist eine Legende, auch heute noch.
Eine durchaus tragische Figur aber auch, dieser Klucker. Erschliesser der Bergellerberge, genialer Kletterer und virtuoser Eisgeher – nur mit Pickel Stufen schlagend, Hunderte oft durch die extrem steilen Couloirs der Sciora oder die Nordostwand des Lyskamm in der Monte Rosa Gruppe. Ago di Sciora, Pizzi Gemelli, Sciora di Fuori, Punta Rasica, Piz Trubinasca, um nur einige seiner vielen Erstbesteigungen zu nennen, nebst unzähligen neuen Aufstiegen, Jochübergängen, Winterbesteigungen.
Trotzig behauptete er sich gegen seine Herren, gegen den Alkoholiker und Matterhornpionier Whymper. Oder den ehrgeizigen Baron Anton von Rydzewsky, ein «Mehlsack» im Fels. Während zehn Jahren erschloss Klucker einen guten Teil der Bergeller Berge mit dem Russen, den er so charakterisiert: «Das Allerschlimmste bei diesem Manne waren seine stark entwickelte Nervosität und seine schrankenlose Ränkesucht. Der Umgang mit ihm war, wenn obige Faktoren sich einstellten, ein äußerst unangenehmer.» Trotzdem liess er sich während zehn Sommern von dem Baron engagieren, weil er sonst niemanden fand, der sich für die Bergeller Granit- und Eisrouten und Gipfel interessierte und dafür einen Führer engagiert hätte.
Andere bewunderten und verehrten Klucker. Allen voran der deutsche Chemiker Theodor Curtius, der Klucker zu Ehren die Fornohütte stiftete. John Percy Farrar, Präsident des renommierten Londoner Alpine Club nannte Klucker einen «Pionier und Edelmann» und schrieb «es hat keinen besseren Bergsteiger gegeben». Roberto Osio, Präsident des Club Alpino Italiano, nannte ihn «Grande Guida della Bregaglia».
Von all diesen Freund- und Feindschaften erzählt Kluckers Autobiografie «Erinnerungen eines Bergführers», die unvollendet blieb und erst nach seinem Tod von einem Freund ergänzt und herausgegeben wurde. Ein Stück Alpingeschichte «von unten», einmal nicht vom «Herrn», sondern vom Führer geschrieben, eine spannende, humorvolle, akribische, ironische, manchmal wütende, melancholische und tragische Geschichte. Ein Dokument der Wende im Verhältnis zwischen Bergführer und Gast.
Gut möglich, dass Christian Klucker nicht nur am Berg, sondern auch in der Philosophie seine Spuren hinterlassen hat. Der Philosoph Friedrich Nietzsche verbrachte Anfang der 1880er Jahre einige Sommer in Sils Maria. Klucker stand noch am Anfang seiner grossen Laufbahn als Führer, arbeitete zeitweise in einem Hotel in Sils Maria. Ein Nietzsche-Biograf hält es für wahrscheinlich, dass sich der tüchtige Wanderer Nietzsche und der dreissigjährige Bergführer Klucker begegnet sind – und dass Klucker Vorbild für die Figur des Bergsteigers Zarathustra in Nietzsches Werk «Also sprach Zarathustra», das so beginnt: «Als Zarathustra dreissig Jahre alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde.»
Einsam, das war der Junggeselle Klucker, vor allem als ihn eine Hautkrankheit jahrelang von seinen geliebten Bergen fernhielt. Das «Kluckerhaus» bei Fex Platta bewahrt sein Andenken, dank einer verständnisvollen Besitzerfamilie, die es aus seinem Nachlass erworben und fast im Originalzustand belassen hat und sorgfältig pflegt. Selbst den kleinen Postschalter halten die Besitzer in Ehren, denn Klucker betreute auch die Postagentur im Tal. In seiner Abwesenheit vertrat ihn eine Frau aus der Nachbarschaft und – es ist ein offenes Geheimnis – gebar dem Junggesellen, der lebenslang einem «Thuner Anneli» aus dem Militärdienst nachtrauerte, – einen Sohn. Tüchtig wie der Vater soll er gewesen sein, zeitweise Gemeindepräsident von Sils.
So schwingen in der Landschaft des Fextal Geschichten, Erinnerungen an Schicksale, an glückliche und melancholische Tage in den Bergen. Wer kann sie lesen in den Häusern, den Wiesen und Wäldern? Wen interessieren sie noch? Wohl kaum unsere Tangofreunde, mit denen wir tanzen im ehrwürdigen Hotel Fex, das zu Kluckers Zeiten in St. Moritz Bad abgebaut, Balken für Balken ins Tal geschafft und an schönster Stelle wieder errichtet worden ist. In seiner Autobiografie verliert er kein Wort darüber – vielleicht gefiel ihm das grosse Hotel nicht, mitten in seinem Tal. Dort, wo er als Bub beim Viehühten auf jeden Felsblock kletterte. Obwohl er vielleicht auch gerne getanzt hätte, der stattliche Mann, der stets gut gekleidet war, selbst auf Klettertouren in Jacke und Schlips.
Wir tanzen, und manchmal meinen wir, die Welt stehe still und die Gipfel rund um uns wiegten sich im Takt der Musik.

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