Siemens 300: Prozessrechnerprosa
PROSA war unsere Sprache, Poesie die Umgebung: Fauchende Gasflammen
unter turmhohen Destilierkolonnen, zirpendes Erdöl in Leitungsnetzen,
gespenstisches Flackern von Abgasfackeln, Rauch aus hohen Schloten:
die Poesie der Erdölraffinerie in der Nacht der oberrheinischen
Tiefebene. Manchmal ein dumpfer Knall, Flammen, Sirenen, dann
wieder Stille. Poesie der modernen Welt. In diesem System von
Röhren, Ventilen, Kesseln, Tanks und Gasöfen sollte der Computer
Messdaten erfassen, überwachen, protokollieren und beim Überschreiten
der Grenzwerte alarmieren. Unsere Sprache war PROSA, was ganz
prosaisch «Programmieren mit Symbolischen Adressen» bedeutete,
ein garstiger Assembler für den mausgrauen Schrank mit dem Schild
«Siemens 304», den Prozessrechner. Das Wort «Computer» war verpönt
in jener Zeit ende der Sechziger, auch wenn der Rechner alles
andere als rechnete. Ob man Assembler sagen durfte, weiss ich
nicht mehr, ich las nur letzthin «Die maschinenorientierte Sprache
PROSA findet heute kaum noch Anwendung». Der häufigste Befehl
ist mir jedoch unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt: TEP, das
hiess «Transfer ein plus», und was das bedeutet, ist ja wohl sonnenklar,
oder? Das Pendant war TAS, «Transfer aus». Die Handbücher glänzten
durch geniale Unverständlichkeit, trotz streng eingedeutschtem
Vokabular.
Unsere Abteilung, rund hundert Ingenieure, Programmierer und Techniker,
verfügte über drei Computer, pardon, Rechner. Schnell waren die
Zentraleinheiten, ECL-Logik, das Rechenwerk zu 24 Bit, ebenso
der Akkumulator. Ein bisschen gemütlicher, im Microsekundenbereich,
die Magnetkernspeicher. Grösse: ein paar tausend Worte. Auf Trommel-
oder Plattenspeicher wurde aus Kostengründen häufig verzichtet.
Das System 300 orientierte sich an der kommerziellen 3000er Linie
von Siemens, 3 Byte verschmolzen zum «Wort» von 24 Bit. Dieses
war aufgeteilt in 8 Bit Befehlscode und 16 Bit Adresse, TEP beispielsweise
holte ein Wort aus dem Speicher in den Akkumulator. Die Taschenausgabe
301 füllte einen raumhohen Schaltschrank, der Mammutrechner 306
mehrere davon. Bei der Arbeit fühlte man sich eher in einem Telegrafenamt
als in einem Rechenzentrum: Lochstreifenleser, Lochstreifenstanzer
und Fernschreiber hatte Siemens aus der Telegrafentechnik in die
Computerwelt herübergerettet und damit Neuentwicklungen eingespart,
Bildschirme waren unbekannt. Dafür konnte der Fernschreiber seine
Meldungen auch mal mit rotem Farbband rattern und bei Alarmen
ein Klingelzeichen geben. Text wurde im alten «Fünfercode» (5
Bit pro Zeichen) der Telegrafie gespeichert.
Man soll jetzt nicht denken, wir hätten die PROSA-Programmtexte
direkt auf Lochstreifen geknipst. Wir programmierten weitgehend
im Kopf, zeichneten Flussdiagramme mit Schablone, schrieben den
Code in sauberen Druckbuchstaben in Programmformulare, Null immer
durchgestrichen zur Unterscheidung von O, schickten die Formulare
in die Locherei zu den flinken Locherinnen, bekamen nach ein paar
Tagen die gestanzten Karten, lieferten sie in die Programmübersetzung,
erhielten nach einem oder zwei Tagen eine gedruckte Liste, meist
voller Fehlermeldungen, und einen Lochstreifen mit dem Maschinencode.
So ging alles seinen geordneten Lauf. Korrigieren, fehlerhafte
Karten ersetzen, nochmals übersetzen, dann Rechenzeit buchen auf
einem Testrechner wie bitte? Eine Stunde am Sonntag morgen zwischen
drei und vier Uhr? Hart war das Leben.
Mein Programm wuchs schliesslich auf 2400 Lochkarten an. Heutige
Informatiker würden mein gewichtigstes PROSA-Werk als Spaghetticode
bezeichnen, doch es funktionierte und beim Feldtest in der Raffinerie
gab es keine Explosion. Das Herz flatterte mir trotzdem, wenn
ich in der Messwarte unter den zischenden Destillierkolonnen mein
Programm testete auf dem Computer, der direkt mit dem hochexplosiven
Prozess in Verbindung stand.
Vielleicht habe ich jetzt ein allzu negatives Bild von der guten
alten Siemens 300 entworfen. Die Maschine war weit verbreitet
als Prozessrechner in der Verfahrenstechnik, in der Haustechnik,
in Kraftwerken, Hochregallagern, Rangierbahnhöfen, als Verkehrsleitrechner,
zum Beispiel auch in der Stadt Zürich. Die 300 war, einmal programmiert,
sehr schnell, da kein Software-Wasserkopf die eigentliche Aufgabe,
die Prozesssteuerung, behinderte. Man konnte sie nebst PROSA auch
in Algol und Fortran programmieren und weil der Programmierprozess
so langfädig und schwerfällig war, gab es auszeichnete Testsoftware.
Programmieren hiess denken, das Testen brachte nur den letzte
Schliff.
Noch heute sind einige der Uraltrechner des Systems 300 in Betrieb,
als zuverlässige Arbeitspferde in Kraftwerken, Lagern und Rangierbahnhöfen.
«Eine stabile Welt», sagt Peter Jud, Chef der zuständigen Wartungsabteilung
von Siemens-Albis in der Schweiz. Auch er erinnert sich noch an
PROSA, an TEP und TAS. Die Prozessrechnerfamilie 300 entwickelte
sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren weiter mit 16-Bit-Modellen;
heute setzt Siemens für die Prozessleitung festprogrammierte Steuerungen
und im Hintergrund gängige DOS- und Unix-Maschinen ein.
Meine stärkste Erinnerung ans System 300 bleiben jedoch die Einführungskurse
bei Siemens Karlsruhe durch Joachim Otto, der auch ein Lehrbuch
für PROSA verfasst hat. Begeisternd, kompetent, didaktisch perfekt.
Er war ein Star, ein Künstler unter Technikern. Bevor wir auf
Raffinerien, Kraftwerke und Verkehrsanlagen losgelassen wurden,
programmierten wir in Gruppen ein Prozessrechner-Programmsystem
nach der Spielart «Otto» des projektorientierten Unterrichts.
Die Details von PROSA und der Hardware der Siemens 300 habe ich
längst vergessen, doch das Kursprojekt hat mich in meiner eigenen
Lehrtätigkeit immer wieder angeregt. Auch wenn die Technik hoffnungslos
veraltet ist, Joachim Ottos PROSA-Didaktik ist noch immer aktuell.
Emil Zopfi