Pestalozzi virtuell
Good News aus Kalifornien: Dass dort eine «Cyber High School»
online gegangen ist, ist selbst der hiesigen Computerpresse eine
Nachricht wert. «Alles wird über Internet abgewickelt: Lektionen,
Prüfungen und Gespräche. Die Studiengebühren betragen 4200 Dollar».
Nachdem trendbewusste Manager längst vom virtuellen Unternehmen
schwärmen, welches ohne realen Geschäftssitz mit minimaler Investition
zum schnellen Erfolg führt, soll die telematische Vernetzung endlich
auch im pädagogischen Sektor Schule machen. «The University ist
real, the campus ist virtual!» verkündet die Walden University
in Minneapolis in einem Inserat in «Wired», dem Szenenblatt der
Cybernauten. Ebenso süffig preist «The New School» in New York
ihr Programm an: «Schalte deinen Computer ein, und du bekommst
eine ganze Universität.» An der benachbarten Dalton School liefern
die Studenten ihre Diplomarbeiten bereits als Web-Pages auf dem
Internet ab. Wer sich jetzt noch in den überfüllten Hörsaal quetscht,
ist selber schuld. Pestalozzi kommt 250 Jahre nach seiner Geburt
via Telefondose ins Haus.
Schon Seymour Papert, Schüler des Schweizer Pädagogen Jean Piaget
und Schöpfer der LOGO-Lernphilosophie, hatte an der Schwelle des PC-Zeitalters prophezeit: Die traditionelle
Schule, die mit grossem Aufwand und hohen Kosten bloss bescheidenene
Lernerfolge erzielt, hat keine Zukunft mehr. Und hatte vorgerechnet,
dass vorerst durch eine Erhöhung der Klassenbestände um einen
oder zwei Schüler eine angemessene Ausstattung mit Computern finanziert
werden könnte. Später würden die Bildungskosten sogar sinken,
dank effizienterem Lernen am Bildschirm. Mittlerweile kommt in
den USA auf jeden dritten Menschen ein Personal Computer, mehr
als in jedem andern Land der Welt, Millionen potentieller Universitäten
stehen also in Büros, Wohnungen und Klassenzimmern herum. Doch
von einer Bildungseuphorie kann keine Rede sein, von den frohen
Botschaften der Computerpresse abgesehen. Zufälligerweise weilte
ich zu Beginn des Schuljahres in Kalifornien, dem Eldorado der
Siliziumtechnologie, und las einen bitteren Kommentar zum Zustand
der öffentlichen Schulen im Staat. Die durchschnittliche Klassengrösse
ist mit 30 Schülern die grösste der USA, die wichtigste Forderung
der Lehrerschaft sind kleinere Klassen. Bei den Bildungsausgaben
steht Kalifornien im 40. Rang der 50 Bundesstaaten, von einer
zeitgemässen Ausstattung mit Computern kann bei der prekären Finanzlage
gar keine Rede sein. Die Pädagogen wären bereits mit zeitgemässen
Lesebüchern zufrieden. Denn in der sprachlichen Kompetenz liegen
gemäss Tests die Kids im konservativen Sonnenstaat landesweit
im letzten Rang. Wobei auch bessere Bücher den 160 000 Kindern
nichts nützen, welche aus Angst vor Gewalt und Kriminalität den
Schulweg gar nicht mehr unter die Füsse nehmen. Dass gerade diese
sich dann zuhause auf den Datenhighway schalten und am Bildschirm
den versäumten Unterricht nacharbeiten, ist nicht anzunehmen.
Auf dem virtuellen Campus surfen wohl eher jene, die sich an teuren
Privatschulen bereits eine solide Bildungsbasis erworben und den
neuesten PC im eigenen Studio stehen haben.
Dass sich Computer zum Erwerben und Trainieren von Wissen eignen,
ist unbestritten. Doch wenn sich gleichzeitig die Schule als soziale
Veranstaltung verabschiedet, können die Folgen nur verheerend
sein. Während sich ein Teil der Gesellschaft weltweit vernetzt,
zerfallen die realen Beziehungen, bei deren Entwicklung die Schule
eine wichtige Rolle spielt.
«Die Unterschiede in der kognitiven Leistungsfähigkeit verschiedener
Bevölkerungsschichten werden mittels Informationstechnik ausgeglichen»,
hatte der deutsche Pädagoge Klaus Haefner den Personalcomputer
als Instrument zur Lösung der «Neuen Bildungskrise» gepriesen.
Im computerdichtesten Teil der Welt ist dieser Wunsch vorderhand
noch virtuell geblieben.