Computermuseum

DEC PDP-8: Der erste Minicomputer

Die Revolution berührte mich im Sommer des Jahres 1968. Sie rollte
eines Morgens in Gestalt eines schwarzen Schranks ins Labor, an
der Front des geheimnisvollen Geräts sassen zwölf Schalter in
einer Reihe, darüber ebensoviele Lämpchen, und es folgte, vom
Hausabwart geschoben, ein Fernschreiber. Die Flowerpower-Girls
am Fluss trugen in jenem Sommer Mini, und ebenso nannte sich der
Computer. Unser Professor hatte den PDP-8i auf einer Reise in
den USA bestellt, weil dort, wie er erklärte, solche Maschinen
schon im Dutzend in der Forschung eingesetzt würden. Das kleine
i stand für das neuste Modell, das mit integrierten Bausteinen
bestückt war.
Schublade auf, ein Augenschein zeigte ein wildes Drahtgeflecht
statt anständiger Kabelbäume. Als erstes beschaffte ich Wire-Wrap-Werkzeug.
Von Elektronik verstand ich einiges, von Computern nichts. Unterstützung
war weithin keine in Sicht. Die nächste Niederlassung von Digital
Equipment Corporation befand sich in Paris, das Stammhaus in Maynard,
Massachusetts. Kenneth H. Olsen hatte DEC 1957 in einer alten
Baumwollspinnerei als Ersatzteil-Versandhaus gegründet. Einmal
besuchte uns ein nervöser und kettenrauchender Vertreter und hielt
einen Vortrag, der jedoch mehr verwirrte als klärte.
Die Revolution bestand, wenn ich zurückblicke, nicht nur in den
minimalen Dimensionen des Computers ­ er war mit heutigen Massstäben
gemessen riesig ­ sondern in der Autonomie, die der Hersteller
uns Anwendern gewährte ­ gewähren mussten, denn DEC verfügte über
keinerlei Service. Eine Reihe von handlichen Büchern beschrieben
Konzept und Funktion, Hardware und Software bis zum letzten Draht.
Basteln war nicht nur erlaubt, sondern erwünscht, das heisst zwingend,
denn des Professors Pläne waren visionär: Wissenschaftliche Experimente
vollautomatisch steuern, die anfallenden Messdaten erfassen und
auch noch auswerten. Der magische Begriff hiess: «Direct Digital
Control».
Die Herausforderung war gross, die Maschine mini und weniger leistungsfähig
als ein heutiger Taschenrechner. Im Frühling 1965 hatte sie DEC
auf den Markt gebracht. «PDP-8 setzte das Konzept Minicomputer
durch», erinnert sich der amerikanische Journalist Tracy Kidder.
«Das Gerät schlug ein und brachte DEC das erste grosse Geld».
Ich steuerte auch etwa 5000 Dollar Auftragsvolumen bei. Für diesen
Betrag bestellte ich per Briefpost in Paris Interface-Platinen
und baute damit einen computergesteuerten Antrieb für Schrittmotoren.
Bis sich deren Achsen präzis und per Programm gesteuert links
oder rechts drehten, dauerte es eine Weile. Denn eine einziger
Programmtest beanspruchte etwa einen halben Tag.
Das «Urladeprogramm» musste von Hand mit Schaltern eingetastet
werden, das waren einige Befehle zu zwölf Bit. Soviel umfasste
das «Wort» der Maschine. Dann las man auf dem Fernschreiber einen
Lochstreifen mit dem binären Ladeprogramm ein, anschliessend den
Programmeditor. Das Geknatter des Lochstreifenlesers mit 30 Zeichen
pro Sekunde erfüllte das Labor von früh bis spät und störte das
Denken. Der Kaffeekonsum stieg rapid. Dann: Quellencode stanzen,
Assembler einlesen, Quellencode zum Übersetzen dreimal durchlaufen
lassen, Liste drucken, Programm stanzen, einlesen, starten…
Programmieren war Hand- und Kopfarbeit zugleich. Fehler konnte
man sich nicht leisten, denn das hiess wieder einen halben Tag
manipulieren, rattern und knattern. Die Erfahrung, dass man nach
dem Kauf des Computers erst merkt, dass das Wichtigste fehlt,
machten wir damals schon. Ein zehnmal schnellerer Lochstreifenleser
erleichterte die Arbeit wesentlich.
Programmiert wurde in Assembler, der Arbeitsspeicher umfasste
gigantische 4096 Wort à 12 Bit und das Rechenwerk war mit einem
Akkumulator von 12 Bit plus einem Überlaufbit, dem «Link», ausgestattet.
Didaktisch hervorragend: Die Zweierkomplement-Arithmetik floss
mir in Fleisch und Blut. Der bemerkenswerteste Befehl hiess CIA,
«Complement and increment the accumulator» und diente der Subtraktion.
Die Assoziation zu einer umstrittenen Institution sorgte immer
wieder für Witze.
Die Einfachheit und Transparenz der PDP-8 ist mir in bester Erinnerung
geblieben. Noch war vieles sichtbar, was heute integriert, versteckt
in Hardware und Software daherkommt. «Eine nette kleine Maschine
­ einfach, doch sie konnte viel», erinnert sich Ted Hoff, der
in jener Zeit bei Intel integriete Schaltungen entwarf und eine
PDP-8 neben seinem Schreibtisch hatte. Sie brachte ihn auf die
Idee, einen vollständigen Computer auf einem einzigen Chip unterzubringen.
So wurde die PDP-8 zur Urmutter aller Microprozessoren.
Jahre später hatte ich nochmals Gelegenheit, eine PDP-8 zu programmieren.
Mit Befriedigung stellte ich fest, dass ich alle Befehle noch
im Kopf hatte. Und wahrscheinlich könnte ich den Assembler auch
heute noch, nach einem Vierteljahrhundert. Leise Wehmut befällt
mich, wenn ich an die alten Maschinen und Techniken denke: Sie
waren ein Stück Arbeit, ein Stück Erfahrung, ein Stück Leben an
der Spitze einer technischen Revolution, die heute nur noch fürs
Museum gut ist.

Emil Zopfi