Ohne Worte
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das geflügelte Wort hat
Konjunktur. Medienpädagogen, WEB-Designer und Verkäufer grafischer
Software schütteln es gern aus dem Ärmel, um die Bilderflut und
Spracharmut unserer Tage zu rechtfertigen. Und wer immer Geld
verdient, indem er Daten speichert, verarbeitet oder transportiert,
dem ist der Satz Honig in den Ohren, denn ein Bild braucht ganz
sicher mehr Speicherplatz als tausend Worte, selbst wenn es überhaupt
nichts sagt.
Ich wage also, den Finger zu heben und Bedenken anzumelden, denn
meinem ehrbaren Handwerk als Wort-Arbeiter droht von solchem Gemeinplatz
Gefahr. Was sagt denn ein Bild überhaupt? Grundsätzlich rein gar
nichts. Wäre die Aussage wahr, so könnte man die 30’000 Wörter
des Romans «Der alte Mann und das Meer» von Ernest Hemingway durch
dreissig Bilder ersetzen und würde damit noch mehr sagen als das
Buch lesen überflüssig. Das ist zwar das, was sich alle Bildschirmfreaks
wünschen, die lieber Java als Deutsch schreiben: Nur noch Farbe
und Form und Flimmer, ein paar Wörter dazu in konsequenter Gross-
oder Kleinschreibung, aber bitte doch keinen Satz, denn da hätte
man ja schon wieder das Problem mit den Kommas und so. Siehe Internet,
wo das geflügelte Wort denn auch häufig auftaucht: tausend Mal
ortet es eine Suchmaschine im Datenmeer.
Denkt man jedoch ein bisschen nach, so kommt man zum Schluss,
dass sich der Satz selber widerlegt. Heisst es nicht, das Medium
sei die Botschaft? Wozu braucht denn der unbekannte Autor nicht
ein Bild, um seine Aussage zu machen, sondern sage und schreibe
sieben Wörter? Dabei müsste doch ein Schnipsel eines Bildes genügen,
wenn ja wenn ein Bild allein überhaupt etwas sagen würde, wie
viele Bildschirm-Gestalter meinen, die gern mit dem Scanner und
ungern mit dem Duden arbeiten. Zugegeben, das Bild eines Meisters,
etwa Van Goghs Sonnenblumen, kann beim Betrachten Stimmungen und
Gefühle auslösen, die weder mit tausend Worten noch überhaupt
mit Sprache auszudrücken sind. Aber Internet-Grafik? Auf dem Schirm
kann ein Bild Aufmerksamkeit wecken, den Blick fesseln, für die
Botschaft interessieren, sie unterstützen und vertiefen. Die Information
selber trägt jedoch allemal das Wort. Es müssen ja nicht immer
gleich tausend sein. Ich habe es hier mit 370 Wörtern versucht,
und ich hoffe, Sie sind im Bild, was ich Ihnen sagen wollte.
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