Informationsgesellschaft

Spiel mit Sprache und Software

Literatur auf dem Netz ist nicht Netzliteratur. Das World Wide
Web ist zur literarischen Baustelle für Autorinnen und Autoren
geworden, die mit neuen Formen die Möglichkeiten der elektronischen
Technik ausreizen. Die Lust am Spiel mit Sprache und Software
ist dabei meist wichtiger als der Inhalt. Das Medium selbst ist
die Botschaft..

Kein Medium bleibt von Literatur verschont. Das ist fast ein Naturgesetz.
Kaum war der Buchdruck zur Verbreitung der heiligen Schrift erfunden,
da wurden auch schon Geschichten, Dramen und Flugschriften gedruckt.
Als das Radio die ersten Nachrichten sendete, meldete sich sogleich
das Hörspiel zu Wort. Und bereits haben die 160 Buchstaben, die
auf einem Handy-Display Platz finden, Anlass für einen literarischen
Wettbewerb gegeben. Einsendeschluss war der 1. April 2001 und
doch kein Scherz. Selbst Betonwände, die ja nun weiss Gott nicht
als literarische Informationsträger errichtet wurden, bieten Raum
für grossflächigen Ausdruck poetischer und gestalterischer Kunst,
hingehaucht mit der Spraydose. Gedichte finden sich nicht nur
auf Plakaten in der Londoner U-Bahn, sondern auch auf Klosettüren
und in Gipfelbüchern. Oder im Poesietelefon. Nichts ist lebendiger
als Literatur und nichts ist toter als der 68-er Slogan: «Literatur
ist tot.» Für Bücher stehen die Menschen heutzutage Schlange und
im Stau. Während die Internet-Buchhandlungen Schuldenberge anhäufen,
generieren die Buchkonzerne Milliardengewinne und die Vorschüsse
für Bestsellerautoren sind siebenstellig geworden. Doch Ökonomie
und Kultur waren schon immer zwei Paar Schuh. Für Netzliteratur,
wie sie sich heute nennt, greift niemand in die Tasche. Die Kunst
auf dem Netz lebt noch fast unbeflekt vom Kommerz und fühlt sich
auch so. Als brotlose reine Muse sozusagen, doch für den Pizzakurier
reicht’s allemal.

Print oder Pixel, das ist die Frage

«Was früher in der Schublade landete, stellen die Autoren heute
Netz», schnödete einmal ein Redaktor. Literatur auf dem Netz hat
den Geruch des Eigenverlags, da darf man die Nase rümpfen. Auch
wenn bekannte Autoren ihre Karriere mit dem selbst gedruckten
Bändchen begonnen haben. In Zukunft ist der erste Schritt in die
Öffentlichkeit die eigene Website. Doch Netzliteratur ist nicht
Literatur auf dem Netz. Die Unterschiede sind da haarfein. Literatur
auf dem Netz ist gespeicherter Text, der auch gedruckt zu geniessen
wäre. Er ist lediglich übers World Wide Web öffentlich gemacht,
vielleicht noch mit bunten Farben hinterlegt und ein paar Links
garniert. Wer Texte ins Netz stellt, ist jedoch noch lange kein
Netzautor. Denn die wahre und reine Netzliteratur ist nicht druckbar,
sie ist so flüchtig wie die Pixel auf dem Schirm. Meist eher ein
Angebot, als ein fertiges Produkt. Ein Angebot an die «Leser/innen»,
sich beim Surfen durch eine Struktur von verlinkten Wörtern, Textbausteinen,
Bildern und Klängen die Geschichte selbst zu bauen. Etwa im Grammatron des amerikanischen Szenengurus Mark Amerika, einer esotherisch
angehauchten «Erzähllandschaft» aus 1100 Textelementen, 2000 Links,
Bildern, 40 Minuten Soundtrack mit Inhalten zur Kabbala, zu Cyberspace
und virtuellem Sex. «Spirituality in the electronic age», schwelgte
die New York Times.

Oft ist Netzliteratur eine Aufforderung zum Mitschreiben, schliesslich
ist jeder Mensch ein Künstler. Das kann anregend und unterhaltend
sein, wie etwa der «Assoziations-Blaster» von Alvar Freude und Dragan Espenschied, zu dem der Leser erst
Zutritt erhält, wenn er einen eigenen Text beisteuert, der sofort
automatisch verlinkt wird. Diese Links sind gleichsam der Schlüssel
zum hypertextuellen Sesam, das sich mit jedem Zutritt automatisch
erweitert. «Der neue Autor wird vom allwissenden Erzähler zum
Reiseleiter in künstlichen interaktiven Umgebungen, der die Navigation
durch thematische Räume anleitet und Orientierung bietet während
des Aufenthalts in einem Tableau von Erlebnismöglichkeiten», schreibt
Wolfgang Neuhaus in einem Essay in Telepolis, dem «Magazin der Netzkultur».

Die Seele klebt am Papier

Mitschreibprojekte sind «in», und die mitschreibenden Netzautorinnen und -autoren, die Textbausteine liefern, sind auch die hauptsächlichen Leserinnen und Leser, wie die Schweizer Netzautorin Regula Erni bekennt. Das Netz ist die virtuelle Ergänzung der kreativen Schreibwerkstätten, die gegenwärtig im deutschen Sprachraum boomen. Der «Webring» ist eine solche Netzgemeinschaft, die ihre Arbeiten verlinkt,
«kollaborative Schreibprojekte» in Gang setzt und sich gelegentlich
sogar im «Real-space» trifft. Animation zum Mitschreiben, unbekümmertes
Experimentieren mit Sprache und Formen, Diskutieren der Texte
per Chat oder Mail sind wichtiger als die Suche nach Leserinnen
und Lesern.
«Wer liest denn schon am Schirm?» Die häufig gestellte Frage belastet
den wahren Netzautor wenig. Die originelle Idee, die Form ist
wichtiger als der Inhalt. Die Welt verändern mit Literatur, wie
es die politischen Schreibwerkstätten der Sechziger- und Siebzigerjahre
versuchten, ist kein Thema mehr. Revolution ist die Technik.
Da steigen natürlich die Kritiker auf die Barrikaden. Radikaler
Hypertext sei wohl eine Verlockung für solche, die nicht schreiben
können, «eine Art progressiver Literatur zu machen, ohne etwas
schreiben zu müssen», wettert etwa Dieter Zimmer im Buch «Die
Bibliothek der Zukunft».

Noch ist alles im Fluss, ausser dem Geld, das auf dem Netz nicht
so recht fliessen will. Auch Stephen King, der mit dem Fortsetzungsroman «The Plant» Kasse zu machen versuchte,
ist wieder zum Papier zurückgekehrt. Das elektronische Buch, mit
dem man sich Literatur aus dem Netz tanken könnte wie Benzin von
der Zapfsäule, kommt auch nicht vom Fleck. Die Menschen kleben
am Papier, schliesslich sind auch die Visionen vom papierlosen
Büro in den Papierfluten ertrunken. Netzautoren preisen inzwischen
auf ihren Webseiten ihre Bändchen zum Verkauf an, meist im Print-on-demand
Verfahren gedruckt, und treten gegen Honorar an Lesungen auf.
Wobei man von einer «Hyperlesung» selbstverständlich eine Performance
erwartet, mit Bild- und Soundeffekten und auf jeden Fall irgendwie
multimedial und interaktiv und überraschend. Denn es wäre ja lächerlich,
«Cyberfiction» hinter dem Lesepültchen und dem Blumenstrauss vorzutragen.
Man darf auf die nächsten Solothurner Literaturtage gespannt sein,
wo erstmals Netzautoren ihre Hypertexte präsentieren.

Literatur ab Lochkarte

Doch so neu ist ja alles gar nicht. Messe und Gottesdienst waren
schon seit jeher multimediale Veranstaltungen und die Bibel ohnehin
der erste grosse Hypertext. Lesen war noch nie ein linearer Prozess,
Leser sind schon immer in Sprüngen von hinten nach vorn und umgekehrt
durch Textkörper «gesurft», haben im Kopf die Wörter mit Assoziationen
«verlinkt» und sich so ihre individuelle «Geschichte» konstruiert.
Und noch weniger linear vollzog sich das Schreiben: aus Zettelkästen,
einem Wust von Notizen, Skizzen, Tagebüchern, aus kopiertem und
x-fach umgeschriebenen Material, mit Schere und Leim zusammengeklebt,
so sind die Werke der Literatur entstanden.

Literatur war auch schon immer digital: Text baut sich aus einem
Satz von rund 70 diskreten Zeichen (Digit = Ziffer). Neu an der
Technik ist jedoch die Qualität des Automatischen: Der Computer
kann Text speichern, verschieben, verändern, verschicken. Um diese
automatischen Prozesse zu steuern, dient wieder Text, gebaut aus
dem gleichen Satz von Zeichen: der Software. Netzautoren sind
also mit zwei Sprachen befasst: jener des Menschen und jener der
Maschine.
Der Computerwissenschaftler und Autor Joseph Weizenbaum zog in
seinem 1976 erschienen Buch «Die Macht der Computer und die Ohnmacht
der Vernunft» den Vergleich: «Programmieren ist ein Test auf das
Verstehen. In dieser Hinsicht gleicht es dem Bücherschreiben».
Schon George Orwell prophezeite im Roman 1984 eine automatische
«Romanschreibmaschine».

Literarische Experimente mit Computern gab es längst bevor die
Textverarbeitung die Schreibmaschine aus den Büros verdrängte.
In den Sechzigerjahren generierten so genannte Computerkünstler
auf Datenverarbeitungsanlagen Gedichte. Berühmt wurde Rul Gunzenhäusers
1963 publiziertes «Weihnachtsgedicht», das sich in nichts von
moderner Lyrik unterscheidet. 1969 fand in der Queen Elizabeth
Hall in London die Uraufführung einer multimedialen Produktion
von Alan Sutcliffe statt, zu der das Publikum 256 auf dem Computer
generierte Gedichte rezitierte.
Netzautoren stehen also in einer langen Tradition von Künstlern,
die mit Technik und Sprache experimentieren. Das Netz hat jedoch
die technischen Möglichkeiten gewaltig erweitert , die Prozesse
automatisiert und die Entwicklung beschleunigt. «Auf dem Internet
bildet sich ein neuer Typus Schriftsteller heraus, den nicht nur
Literatur interessiert, sondern auch Computersprachen wie Java
und HTML», schrieb ein Kommentator zum ersten deutschen Internet-Literaturwettbewerb,
den 1996 IBM und die Hamburger «Zeit» ausschrieben.

Schriftsteller oder Programmierer?

Goethe diktierte oder schrieb mit dem Federkiel, John Steinbeck
spitzte Bleistifte, Ernest Hemingway war einer der ersten, der
direkt in die Schreibmaschine tippte. Der Netzautor dagegen bedient
eine überaus komplexe Maschinerie, er installiert, updatet, programmiert
und testet, daneben chattet, mailt und designt er und kennt Photoshop
so gut wie GoLive. Statt in der Bar beim Whisky wie Hemingway
oder auf Bergwanderung wie Goethe sitzt er vor dem Bildschirm
und plagt sich mit Software. Und so wird, fast naturgemäss, das
Medium zur Botschaft ­ wo soll denn eine andere herkommen als
aus dem Medium selbst?

Virtuelle Literatur, die nicht zwischen Buchdeckel passt, keinen
Verlag braucht und keinen Umsatz macht, stellt die Autorenverbände
und Literaturförderung vor ein Problem. Bisher galt als Schriftsteller,
wer einen Verlagsvertrag und ein gedrucktes Werk vorweisen konnte.
Man habe das Qualitätsurteil für die Aufnahme in den Verband an
die Verleger delegiert, stellt Peter A. Schmid fest, Geschäftsführer
des Schweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverbandes.
Der Markt und nicht die Kunst entscheidet letztlich, wer als Schriftsteller
gilt und wer nicht. Da Literatur auf dem Netz jedoch (noch) kein
Markt ist, sei eine Diskussion um die neuen ästhetischen Formen
dringend. Noch gebe es keine Kriterien für die Aufnahme von Netzautoren
in den Verband. Allerdings: «Es hat sich bisher auch noch keiner
darum bemüht.»