Die Welt im Netz gefangen
Vierzig Millionen Menschen am Internet. Das Netz der Netze wächst
und wächst. Wer nicht dabei ist, verpasst den Schritt in die Zukunft
der Informationsgesellschaft. Wobei von «Schritt» keine Rede mehr
sein kann, auf der Datenautobahn, dem Superhighway, wird Vollgas
gegeben. Solches las ich und fühlte mich ausgeschlossen, zurückgelassen.
Ich besitze zwar Computer und Modem, benutze sie seit Jahren für
die Abfrage von Datenbanken. Mit elektronischer Post habe ich
experimentiert, sie zu umständlich befunden, der Fax löste das
Problem der raschen Informationsübermittlung von Punkt zu Punkt
perfekt und einfach. Internet, wozu?
Die Welt fällt aus den Fugen. Konflikte, Krieg, Terror und Gewalt
wohin das für mich Fernsehauge blickt, wenn ich abends erschöpft
im Schaukelstuhl vor dem Bildschirm sitze und mich in Sicherheit
wiege. Information überrieselt mich von früh bis spät: Die Zeitung,
das Telefon, Fax und Datenbank, Radio allüberall und Fernsehen.
Noch ein Medium? Nein danke. Ich bin ohnehin schon verirrt und
verloren in «Sandstürmen der Information», wie der Historiker
und Romancier Theodore Roszak die aktuelle Informationsüberflutung
nennt. Es gibt gewiss ein Zuwenig an Information, es gibt aber
auch ein Zuviel, das den Blick trübt und die Empfindungen abstumpft.
Fällt die Welt wirklich aus den Fugen, wie ich tagtäglich erfahre,
wenn ich in die Medien tauche? Fröhlich ist ja nur noch der Wetterbericht,
selbst wenn es blitzt und donnert.
Das Geheimnis der Adresse
Trotzdem fühlte ich mich draussen vor der Tür. Da öffnete sich
eine Welt, ein Cyberspace, an dem Millionen von Menschen mitbastelten,
rund um den Erball, in dem sich Millionen begegneten, die in dieser
fiktiven Landschaft «surften», wie das Reisen im Datenraum metaphorisch
benannt wird. Doch Surfen stiess mich ab, es versprach weder Tiefe
noch neue Einsicht. Andere Luftwörter schwebten ebenso flockig
im Raum: «Interaktiv», was heisst das schon? Alles und nichts.
«Kommunikation total und global.» Werbesprache. Zudem hätte ich
mir Software beschaffen, kompliziert installieren, mich bei einem
Internet-Provider anmelden müssen, was Geld kostet. Die Hürde
schien hoch, obwohl in einer Fernsehsendung ein Journalist sagte:
«Das ist so einfach, selbst meine Grossmutter könnte das.» Es
gibt offensichtlich eine stillschweigende Vereinbarung über Dinge,
die man einfach haben und können muss, um dazuzugehören. Einst
war es das Auto, dann der Fernseher, schliesslich der Personalcomputer
und nun also der Internet-Anschluss.
Das Geheimnis der Informatik war schon immer die richtige Adresse.
Ich füllte einen Coupon aus, zwei Tage später brachte der Postbote
eine Diskette im Kuvert, ich schob sie ins Laufwerk meines Computers,
klickte zweimal und Sesam öffnete sich. Der Zugang zur neuen Welt
war tatsächlich überwältigend einfach, das war die erste Überraschung.
Ich bin kein Surfer, sondern ein Climber, nach wenigen Minuten
hatte ich bereits das «Climbing Archive» entdeckt. Irgendwo in
Schweden auf irgend einem Computer sammelt ein Student Informationen
für Bergsteiger aus aller Welt: Routenführer, Erlebnisberichte,
Reportagen, Kletterzeitschriften, Tips und Tricks und Adressen
und und… Und dann lachte mir plötzlich mein eigenes Gesicht
entgegen, im Hintergrund das Dorf, in dem ich wohne. Ein Text
von mir, in einer Bergsteigerzeitschrift veröffentlicht, hatte
den Weg in die Tiefen des Cyberspace gefunden, ich war also bereits
drin, bevor ich überhaupt Zugang hatte. Mein reales Dorf war im
globalen Dorf gespeichert, ein fast gespenstisches Wiedersehen.
Fiktion der neuen Nähe
Meine Anwesenheit im Netz wurde bemerkt, wider Erwarten. Bald
lagen Briefe im elektronischen Kasten, etwa in der Art: «Schön,
Dich hier anzutreffen. Ich habe vor Jahren ein Buch von Dir gelesen,
etwas über Computer und einen Typen, der Grappa säuft. Wie war
doch schon der Titel?» Natürlich musste ich antworten, auch wenn
der Telefonzähler tickte und tickte. Ehrlich gesagt, ich fühlte
mich plötzlich angenommen und aufgehoben, entdeckte Adressen von
Menschen, denen ich irgendwann irgendwo schon begegnet war, schrieb
ein paar Zeilen, fragte, lobte, verteilte Blumen. Auch hinter
der guten Adresse des Internet-Providers entdeckte ich alte Bekannte.
Die Hürde, ein Mailing zu verschicken, erwies sich tiefer als
jene, einen Brief zum gelben Kasten zu tragen. Der Datenraum bekam
ein Gesicht: Namen, Adressen, Menschen. Meine Adresse heisst:
ezopfi@access.ch.
Natürlich mache ich mir keine Illusionen. Als ich vor Jahren mit
elektronischer Post experimentierte, «Duzis» war mit allen auf
dem Netz, habe ich erfahren, dass es fast unmöglich ist, aus der
elektronischen eine reale Begegnung zu machen. Die Nähe am Bildschirm
wurde plötzlich zu unüberwindbarer Ferne, wenn man gemeinsam einen
Kaffee trinken wollte: Die geografische Distanz stand dazwischen,
der Terminkalender, die Hektik der modernen Welt. Die neue Nähe
ist letztlich eine Fiktion. Deshalb bleibe ich heute in der Regel
auch im elektronischen Brief beim «Sie», ich will nicht Nähe vortäuschen,
wo keine ist. Auch wenn die sogenannte «Nettiquette», der Kodex
der Umgangsformen auf dem Internet, das «Sie» nicht kennt. Meist
wird ja ohnehin englisch kommuniziert, also you.
Deshalb schrieb ich «Dear Mr. Clinton», nicht «Hi Bill», als ich
den Präsidenten der Vereinigten Staaten anschrieb. Die Adresse
hatte ich aus der Zeitung: president@whitehouse.gov. Die Gelegenheit,
als ohnmächtiger Bürger eines winzigen Landes dem Leader der mächtigsten
Nation eine Frage zu stellen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Wenn er antwortet, dachte ich, ist Internet wirklich ein Meilenstein
in der Entwicklung der Weltgesellschaft. «Glauben Sie», fragte
ich, «dass Internet hilft, den Menschen mehr Demokratie und Freiheit
zu bringen, und zwar weltweit und umfassend und nicht bloss den
Reichen, die sich einen PC einen Telefonanschluss und ein Modem
leisten können? Kann das Netz eine Welt zusammenhalten, die zerfällt?»
Die Antwort kam postwendend mit elektronischer Geschwindigkeit,
doch nicht von Bill Clinton persönlich, sondern vom Automaten.
Der Präsident, hiess es in dem freundlichen Schreiben, habe seit
Juni 1993 über 470 000 Briefe von Leuten aus den USA und dem Rest
der Welt erhalten. Er könne nun wirklich nicht alle selber lesen.
Mein Kopf musste das akzeptieren. Eine leise Enttäuschung jedoch
blieb. Das Netz, das angeblich Menschen zusammenbringt, hatte
mir nichts als einen Standardbrief als Antwort serviert. Auch
das Weisse Haus wird also unter den Sandstürmen der Information
begraben.
Das Netz genügt sich selbst
Ich bewege mich im World Wide Web, einem System, das nicht nur
die Computer, sondern auch die einzelnen Dokumente miteinander
verknüpft, «Hypertext» heisst das Prinzip. Ist im Dokument ein
Wort markiert, so legt ein Klick auf dieses Wort eine Verbindung
zu einem weiteren Dokument, das irgendwo auf der Welt in einem
der 4 Millionen angeschlossenen Computer liegen kann. Hinter einem
Namen kann ganzes Lebenswerk verborgen sein. So entdeckte ich
den Kindergarten von Sarah Hull in Austin, Texas. Weil meine Frau
Redaktorin der Fachzeitschrift «kindergarten» ist, tippten wir
in einem Suchsystem das Stichwort ein, und siehe da, Dinosaurier
fletschten uns ihre Zähne entgegen. Sarah Hull veröffentlicht
die Zeichnungen ihrer Schüler im Web, ein netter Austausch von
Mailings war das Resultat. Vielleicht bringt das Internet doch
eher die einfachen Leute zusammen, als dass es einen Draht legt
zwischen Unten und Oben.
Ich erinnere mich, wie ich in einer Buchhandlung vor einem langen
Gestell stand, das beladen war mit Dutzenden von Büchern zum Thema
Internet, Anleitungen, Adressverzeichnissen, Handbücher, im Umschlag
die Diskette oder das CD-ROM mit Software. Ich blätterte, konnte
mich nicht orientieren, verliess das Geschäft. Stand wieder draussen
vor der Tür. Seit meinem Einstieg habe ich keine Zeile mehr gelesen,
die nicht aus dem Netz selber stammt, alle Erklärungen, Ratschläge,
Handbücher, alle Software und Hilfsprogramme und Tricks habe ich
von irgendwo übers Netz geladen, erfragt, gedruckt, gelesen. Die
neue Welt erklärt sich selbst. Sie genügt sich auch selbst. Sie
stellt alle Werkzeuge, alle Informationen für den Umgang mit dem
Netz zur Verfügung, irgendwo. Wer suchet, der findet. Das Netz
ist sich auch vorwiegend selber Thema: Wie machst Du, wo findet
man, wie schreiben Sie die Umlaute? Das ist faszinierend und beängstigend
zugleich. Ein globales Spiel, letztlich abgekoppelt von der Wirklichkeit.
Home-Page, die neue Heimat
Ohne Lärm geht allerdings nichts, auch im Internet nicht. Das
narzistische «Ich» stellt sich mit einer sogenannten «Home-Page»
dar, schafft damit Zugang zur Person, zu ihren Werken oder zum
privaten Unternehmen. Die eigene Home-Page ist das, was auf der
Visitenkarte stehen muss, nebst der Mailingadresse und oh wie
steinalt Fax, Telefon und Natelnummer. und, vor zwei Jahren
der letzte Heuler, der X-400-Adresse. So schnell dreht der Sandsturm
seine Richtung. Klar, dass ich sofort mit der Gestaltung einer
Home-Page beginnen musste. HTML heisst der Code, Hypertext-Markup-Language.
Viel Brimborium um eine simple Sache, wie sich herausgestellt
hat. BASIC, der Einstieg in die PC-Welt vor einem Dutzend Jahren,
war bedeutend komplizierter. Zuerst kopierte ich einfach die Seite
eines andern, fügte meinen Namen dazu. Dann arbeitete ich mich
allmählich vor, bald schon erwachte ich in der Nacht, aufgepeitscht
durch das Wissen, dass die Telefontaxe und die Belastung des Netzes
niedrig, der Eintritt also zum geringsten Preis zu haben sei.
Von meiner Home-Page installierte ich eine direkte Verbindung
zu dem Artikel in Schweden mit meinem Bild. Ich begann Texte elektronisch
zu publizieren, auch dieser Text ist längst auf dem Netz, schauen
Sie nach: http://www.access.ch/whoiswho//ezopfi.html heisst meine
Home-Page. Die Welt ist einem einzigen Computerspeicher geworden,
den ich benutze wie früher den PC. Tausende, vielleicht Millionen
Programmierer, Schreibende, Gestalter stricken am globalen Hyperspace,
binden ihre Texte, Bilder, Filme, ihre Botschaften, Gedanken und
ihren Nonsens zusammen, bauen mit am weltumspannenden Netz. Wird
es zusammenhalten? Wird es reissen? Prophet mag heute niemand
mehr sein.
Emil Zopfi