Veröffentlicht in der NZZ und in meinem Buch «Dichter am Berg»
Namenlose Nostalgie
Der junge Kletterer klebt an der überhängenden Kante, mit Seil
und Haken und Strickleitern, ein Holzkeil baumelt am Gürtel, ein
Grubenhelm schützt seinen Kopf, die Geröllhalde mit dem Zickzackweg
in der Tiefe ist schneebedeckt. Es ist kalt, Februar 1962. Das
Bild friert ein in meinem Kopf und ich taste mich um die Kante,
finde Griffe, klippe nagelneue Bohrhaken, habe das Gefühl, der
Fels bebe leicht unter meinem Griff, vielleicht der ganze Berg,
vielleicht zittere ich selber vor Aufregung. So ist das also,
wenn man wiederkehrt, fast vierzig Jahre später.
«Namenlose Südwand» im Bockmattli, eine sogenannte «Plaisir-Route»,
sechster Grad, eingebohrt, eingerichtet und ausgerüstet, bequem
für ein kletterndes Ehepaar in den Fünfzigern. Doch die Gedanken
wandern zurück, es war einmal. Der sechste Grad, das äusserst
Menschenmögliche, zu steigern nur noch durch aussergewöhnliche
Bedingungen, zum Beispiel Winter. Es war also im Februar 1962,
als sich vier Burschen mit Pickelhämmern bewehrt über eisgepanzerte
Bockmattlischrofen hochhackten bis in die Felshöhle, aus welcher
der Quergang um die Kante ansetzt, die Schlüsselstelle, wo sie
Fixseile befestigten für den Angriff am andern Morgen: Erste Winterbesteigung!
Ein Jahr zuvor hatten Toni Hiebeler, Toni Kinshofer und zwei Gefährten
die Eiger Nordwand im Winter gemeistert und damit der Kletterjugend
neue Wege gezeigt. Bockmattli im Winter, ich eiferte den Vorbildern
nach, kletternd und schreibend.
Und während ich durch den gelben, so erdig nach Bockmattli duftenden
und leicht bröckligen Fels der Sonne entgegentänzle Stand auf
der Rampe, Christa nachkommen! rollt im Kopf eine nostalgische
Kette von Assoziationen ab. Das letzte Telefongespräch mit Toni
Hiebeler, kurz bevor er mit einem Helikopter abstürzte in den
Julischen Alpen, die Grantitkante am Battert bei Baden Baden,
an der Toni Kinshofer sein Leben liess, und natürlich Heini Ryffel,
der die Seilschaft hinter uns führt in jenem Winter, zwei Jahre
später tot, abgestürzt mit Juli Hensler, dem Erstbegeher der namenlosen
Wand, gestorben auch sein Begleiter, Christian Hauser, Doyen der
Bockmattlikletterer, Herzschlag auf einer Rettungsaktion. Herrgott,
ist es der Herbst, das melancholische Gelb der Wälder, die Totenstille
der Alp ohne Vieh, der abgründige Spiegel des Wägitalersees in
der Tiefe, was mich in plötzliche Trauer stürzt.
Dankbar klippe ich den dicken «Muniring» am Stand und denke an
all die verwehten Freunde und ihr Leben und ihre vergessenen Abenteuer.
Manchmal steckt irgendwo noch ein verrosteter und verbogener alter
Haken in einem Riss, welchen die Routensanierer vergessen haben.
«Schrott» nennt man heute, was uns Halt und Griff verschaffte,
als Rotpunkt noch nicht erfunden war. Schrott und Erinnerung,
die Wand ein Museum, eine Gedenkstätte. «Die alten Haken noch»,
klingt es in meinem Kopf, es klingt wie das Lied von den alten
Strassen, das mein Vater im Männerchor sang, wenn ein Freund gestorben
war. Ach ja, die alten Zeiten, man wünscht sie sich nicht wieder
und möchte sie doch nicht missen. Wahrscheinlich verfällt jeder
ältere Bergsteiger dieser Sehnsucht nach der heroischen Jugend,
in der man von jeder Tour wie neugeboren ins Tal zurückkehrte,
glücklich dass man überlebt hatte. Klettern hatte etwas Morbides.
Jede Kletterbiografie erzählt diese Heldengeschichten von Stürzen,
ausbrechenden Haken, zerschmetterten Gliedern, erfrorenen Zehen
und vom ersten Opfer, bei dessen Rettung man Hand anlegte.
Doch nun bewegen wir ja im Plaisir-Bereich, klippen den Stand,
legen Hand an den Fels und freuen uns, dass uns die überhängende
Verschneidung, durch die sich die jungen Helden mit Trittleitern
kämpften, eigentlich gar nicht so schwer fällt, denn man hat trainiert
in der Halle und im Klettergarten, wo die Griffe viel kleiner
sind und die Überhänge wuchtiger, hat Muskeln aufgebaut, mit Stretching
Beweglichkeit erreicht, hat die Ernährung optimiert und die Psyche
gehärtet. Das Morbide ist der Sachlichkeit gewichen, aus den Helden
sind Sportler geworden. Und so turnen wir beschwingt durch die
gelben Risse zum Ausstieg, wo ich einst im Alleingang scheiterte,
in bröckligem, staubig duftenden Kalk, wo wir im Winter unseren
zwei Freunden und Konkurrenten davonkletterten zum Graskopf, dem
Ende der Route, zum Abstieg durch einen glasig vereisten Schlund,
ein blendender Spiegel im Glanz der Nachmittagssonne. Wir waren
längst im Tal, tranken Kaffee in der Wirtschaft am See, die Muskikbox
dröhnte und wir hofften, die zwei Freunde würden den Abstieg noch
schaffen vor der Dämmerung, der Nacht, der grossen Kälte.
Und wie ich da in dieser namenlosen Wand klettere, in diesen steilen
und griffigen Rissen, nach so unendlich langer Zeit, ist alles
wieder gegenwärtig, selbst diese kleine namenlose Schuld, die
irgendwo in der Seele zwickt, ein Sandkorn vom grossen Berg aller
Schuld, der sich in einem Leben anhäuft. Wir hätten warten sollen,
damals, die Freunde nicht im Stich lassen. Wir hätten uns entschuldigen
sollen, später, doch wir fanden keine Worte. Wir hätten, wir hätten,
wir waren jung. Und Heini Ryffel schon zwei Jahre später tot,
abgestürzt am Ostturm im Bockmattli, unserer gemeinsamen Heimat.
Ein Stand brach aus, Muniringe gab es nicht, keine Bohrhaken,
Klettern war alles andere als Plaisir.
Soll man bedauern, dass sich die Zeit geändert hat, das Material,
die Motivation, das Ziel? Sicher nicht jetzt, wo ich den letzten
Ring klippe, der am Gipfelfelsen glitzert Stand, Christa nachkommen!
wo der Blick über die weissen Spitzen der Bockmattlitürme hinweg
ins dunstige Land fällt. Wo der Wind mein Gesicht liebkost. Und
dann der Kuss. Wo das Leben zu einem einzigen Augenblick schrumpft.
Hier und Jetzt. Das Glück und die Wehmut, es könnte doch auch
das letzte Mal gewesen sein. Beides ist da. Jeder Gipfel ein Abschied.
Stell dir vor, kleiner Junge an der Kante, mit deinen Holzkeilen
und Steigleitern und Haken und dem Kletterhammer im Hosensack,
stell dir vor, nach vierzig Jahren wirst du diese Stelle und diese
Wand nochmals klettern, in einem ganz andern Stil, als ganz anderer
Mensch, in einem warmen Herbst. Einem andern Leben fast. Plaisir!
Leichtfüssig steigen wir ab über den Weg, in Turnschuhen zickzack
ins Tal. Beugen den Nacken und schauen zurück in die sonnenflammende
namenlose Wand, die Höhle, die Rampe, die Risse. Einst waren alle
Berge namenlos und irgendwann werden sie es wieder sein. Und dazwischen
glimmt ein Funke von Bewusstseins auf. Die Geschichte, unser Leben,
der Augenblick, der verweilen soll, weil er so schön ist. Und
uns doch stets entgleitet. |
|