Strassenkinder des Superhighway
Wir sehen, hören, riechen, tasten und schreien, wenn wir zur Welt
kommen, später lernen wir sprechen und singen. Der Mensch ist
von Natur ein multimediales Wesen, die Kultur lehrt ihn auch noch
lesen und schreiben. Multimedia allerdings, wie der Markt den
Begriff versteht, hat mit Natur wenig zu tun. Computer, CD-ROM-Scheiben
und Daten-Highway wurden nicht vom lieben Gott erschaffen, sie
sind Technik, und Technik steht stets im Konflikt mit der Natur.
Multimediale Technik greift nicht in die Umwelt ein mit Strassen,
Kraftwerken, Hochspannungs- und Telefonleitungen, Multimedia greift
nach den Sinnen des Menschen selbst, will ihm neues Sehen, Hören,
Lesen und Kommunizieren beibringen. Multimedia ist die Metapher
für den kommenden Supermarkt auf dem Bildschirm in der Wohnstube,
die Verschmelzung von Telefon, Fernsehen und Computer. Innerhalb
von 10 Jahren soll Multimedia zum drittgrössten Sektor im Weltmarkt
wachsen.
Ich lege die Silberscheibe ins Laufwerk meines Computers, drücke
auf den Knopf und schon befinde ich mich auf dem Weg, den «tropischen
Regenwald interaktiv zu entdecken». Ein «Klick» mit der Maustaste
führt mich auf einen schmalen Pfad zwischen Wurzeln, Blättern
und hängenden Lianen; «es hat hier viele grosse Bäume» erklärt
mir eine Bildunterschrift. Die Sprache hält nicht Schritt mit
den Bildern. Vögel zwitschern, Fliegen summen, im Dickicht kreischen
Kapuzineraffen. Ich lese: «es ist dunkel und riecht modrig». Mein
Computer verströmt allerdings keinen Duft, die dampfende Feuchtigkeit
des Regenwaldes bringt mich nicht ins Schwitzen und der Weg macht
mich nicht müde. Noch ist die Fiktion unvollkommen.
Technik steht immer am Anfang, ich weiss. Technik versprach zu
jeder Zeit mehr für die Zukunft, als sie in der Gegenwart einlösen
konnte. So ist auch Multimedia vorderhand eine neue Verpackung
für die Informationsflut von gestern. Die grossen Speicher machen?s
möglich. Eine CD-ROM-Scheibe fasst 650 Millionen Buchstaben, das
entspricht dem Umfang einer netten Hausbibliothek von fünfhundert
Bänden oder siebzig Minuten komprimierten Videofilm. Noch ist
aus dieser neuen Quantität keine neue Qualität gewachsen. Den
Gang durch den Regenwald könnte mir ein Buch ebenso vermitteln.
In den neuen Speichermedien verpacken die Verleger mangels neuer
Inhalte vor allem die alte Welt: das Telefonbuch, Lexika, Nachschlagewerke,
Lehrbücher, Stadtführer, Zeitungsjahrgänge, Bildarchive, Museen,
Märchen, Comics, Klassiker aus Musik, Literatur, Kunst, die Bibel.
Die «Digitalisierung des kulturellen Erbes», wie der französische
Kulturminister Jacques Toubon diesen Vorgang nannte, schreitet
voran, dank Scannern für Bild und Text. Für den Preis von zwei
Büchern erhalte ich die Datenmenge von fünfhundert. Die neuen
Speicher bringen mir das Wissen der Welt fast schwerelos ins Wohnzimmer.
Statt auf beschwerlichem Fussmarsch entdecke ich den tropischen
Regenwald bequem auf einer Datenreise im weichen Fauteuil.
Doch auf unseren Datenreisen würden wir uns, so prophezeite der
amerikanische Historiker und Romancier Theodore Roszak, in den
«Sandstürmen der Information» verirren, denn immer mehr Information
im Speicher heisst nicht, immer klareren Blick behalten. Statt
sehend macht uns der Datensandsturm blind. «Wir stellen jetzt
Wissen als Massenproduktion her. Die Ideen werden den Daten untergeordnet.»
Das Herumirren in den unendlichen Bildergeschichten stumpft die
Sinne ab und erstickt die eigene Kreativität. Roszak: «Die Datenflut
… ist eine Strategie der sozialen Kontrolle… Sie gehört zu
den wichtigsten Methoden moderner Regierungen und Interessengruppen,
Angelegenheiten zu ihrem eigenen Vorteil zu verschleiern.» So
bin ich zwar multimedial durch den Regenwald gestreift, habe 1000
Bilder und 60 Videosequenzen betrachtet und 40 Geräusche haben
mich berieselt, doch Ideen habe ich keine eigenen entwickelt,
sinnlich habe ich wenig erfahren, ich bin nicht wachgerüttelt,
den Regenwald zu retten, ja selbst die Geografie ist mir schleierhaft
geblieben. Wo liegt eigentlich Marenco, das Dorf mit den Palmblatthütten,
wo mein Spaziergang begann? Ist es fiktiv oder real? Ich weiss
es nicht.
Der Datensandsturm verwischt die Grenzen zwischen Realität und
Fiktion. Ein Verleger von CD-ROM Scheiben sagt: «Der Mensch will
erleben.» Die reale Welt setzt uns immer engere Grenzen, immer
weniger Erlebnisräume stehen uns offen, wo immer wir hinreisen,
es waren schon hunderttausend andere da. In der simulierten Welt
dagegen können wir ins Unbekannte vorstossen, erleben, entscheiden,
handeln. Die Maustaste verleiht uns die Macht, die uns im Leben
fehlt. Wir können als Bürgermeister von SimCity allen Katastrophen
trotzen, von der einsamen Insel Myst durch das Lösen von hundert
Rätseln den Weg zurück in die wahrhafte Welt finden. Oder als
einsamer Macho die knackigsten Girls nach dem eigenen Mausklick
tanzen lassen.
Die positive Vision sieht den multimedialen Menschen als Entdecker,
der selbstbestimmt durch den unendlichen Datenraum navigiert.
In diesem Hypermedium soll jeder Nutzer und jede Nutzerin einen
eigenen Kurs steuern. Den vorgebahnten Weg, den linearen Text,
den Film mit Anfang und Ende, den vorgeplanten Lehrpfad gibt es
nicht mehr. Jeder und jede navigiert auf einem individuellen Pfad,
gemäss eigenen Interessen und Bedürfnissen, und zwar interaktiv,
um ein weiteres Schlüsselwort der Multimediasprache zu gebrauchen.
Die Vorstufe ist das Zappen von einem Fernsehkanal zum andern,
und wie Hypertext ist schon die moderne Zeitung gestaltet, die
kein Mensch mehr linear von A bis Z liest.
Multimedia verspricht die Leichtigkeit des Seins: Infotainment
und Edutainment bunt gemischt mit globaler und totaler Kommunikation.
Der multimediale Mensch wird immer überall sein. Eine Videokamera
auf seinem Bildschirm trägt sein Gesicht und seine Stimme on-line
in die Welt, gleichzeitig findet die Welt auf seinem Schirm statt.
Videokonferenzen, Teleshopping, Video-on-demand, interaktives
Fernsehen, Computer-based-Training im virtuellen Klassenzimmer,
Bildschirmtelefon werden uns über die globale Datenstrasse, den
Superhighway, auf Glasfasernetzen frei Haus und live geliefert.
Off-line-Multimedia, die CD-ROM mit der gespeicherten Vergangenheit
und den simulierten Wirklichkeiten, ist bloss eine Übergangserscheinung.
Videokameras werden den Superhighway rund um die Welt und rund
um die Uhr mit Bildern und Geschichten speisen, die das Leben
gerade schreibt, wir werden uns einschalten, wo es uns beliebt,
in die Eigernordwand, an den Palmenstrand oder in die Satellitenkapsel.
Astronauten, Tiefseetaucher, Bergsteiger, Soldaten werden eine
Videokamera auf dem Helm tragen. Der multimediale Mensch wird
dabei sein, bei allen Kriegen, Katastrophen, Expeditionen und
Fürstenhochzeiten der Welt, überall und jederzeit. Internet heisst
der Vorläufer des Superhighways, auf dem Datennetz stehen sich
bereits 35 Millionen Menschen gegenseitig auf den Tasten.
Und irgendwann werden wir auch physisch eintreten in den globalen
Cyberspace. Datenhelm überstülpen, Datenhandschuh und Datenanzug
überstreifen. Stereoskopisch zaubern uns Fernsehaugen die virtuelle
Realität in die Augen, verwandeln uns in Cybernauten. Wir heben
ab, streifen durch den den Supermarkt von Cyber-City. Jedes Produkt,
auf das wir mit dem Finger tippen wird per Post in unsere reale
Mailbox geliefert, just in time. Liegt irgendwo ein Buch, können
wir es aufschlagen und lesen. Ein Gemälde an der Wand ist die
Pforte zur Renaissance oder zur Steinzeit. Wir werden durch Wände
gehen und im All schweben. Im virtuellen Raum treffen wir andere
Cybernauten, telepräsent wie wir, unterhalten uns mit ihnen, verlieben
uns gar. Der Datenanzug liefert ein Tasterlebnis, wenn wir die
Angebeteten berühren. Die virtuelle Welt ist so schön, dass Natur
nur stören würde.
Ich schalte meinen Computer aus, trete ins Freie, spaziere durch
ein reales Dorf in einem abgelegenen Tal. Bleibe vor einem alten
Reihenhaus mit rissiger Fassade stehen. Vor jedem der verwarlosten
Fenster ist eine Parabolantenne montiert. Hier wohnen fremde Menschen,
der Satellit verbindet sie mit der Heimat, die sie verloren haben,
mit ihrer Sprache und Kultur, multimedial, aber noch eindimensional.
Der globale Datenhighway ist noch nicht verkabelt, hier warten
seine künftigen Nutzer. Denn der multimediale Mensch ist heimatlos,
ein Strassenkind auf dem Superhighway. Die reale Welt ist eng
geworden, Multimedia dagegen verspricht das Spiel ohne Grenzen,
verspricht, die Fesseln des Individuums, der Gesellschaft und
der Zeit zu sprengen. Die Fiktion wird die Realität überholen,
irgendwann in ferner Zukunft. Noch stehen wir am Anfang, wie immer.
Emil Zopfi