Informationsgesellschaft

Multimediales Lernen: «Asterix ist tot»

Für den Aufenthalt im fremden Land habe ich mir ein Multimedia-Lernprogramm
für die Sprache eingepackt, Asterix und Obelix, bunt bebildert
und mit Text, Theorie und den quäkenden Stimmen der Gallier und
der Römer ausgestattet. Lernen soll ja bekanntlich Spass machen.
Ich habe das Programm nie gestartet. Aber die CD-ROM hat mir doch
das Gefühl gegeben, für alle Fälle etwas in der Tasche zu haben,
ich kann ja nicht die Verkäuferin im Supermarkt nach den richtigen
Zeitformen fragen. Zeit würde ich in der Fremde genügend haben,
dachte ich, nicht wie zuhause, wo sich die Bücher stapeln und
die Plastikschachteln mit den CD-ROM, von denen jede hundert Bücher
speichern kann.

Die Tafel ist multimedia und interaktiv

Eigentlich ist es schrecklich, was uns das Leben in der modernen
Welt abverlangt, denke ich manchmal. Wir lernen einen Beruf, studieren
vielleicht jahrelang, wir quälen uns mit zwei oder drei Fremdsprachen,
wir hängen die Diplome und Zertifikate im Dutzend an die Wand.
Und dann stellen wir eines Tages fest: Es hört ja nie auf. Einen
Tag pro Woche, habe ich gelesen, lernt der Mensch. Zwei, drei
oder viermal im Leben wechselt er den Beruf, sei es aus freien
Stücken oder aus schierer Notwendigkeit. Lernen, lernen, lernen.
Zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer besuchen jedes Jahr
mindestens einen Kurs. Kein Wunder, greifen wir nach jedem Strohhalm,
der verspricht, dass wir mit seiner Hilfe den Stoff leichter einschlürfen,
die Handgriffe schneller trainieren, die Wörter lustvoller büffeln
und die Aussprache effizienter üben können. Jede neue Maschine,
die der Mensch erfindet, und jedes neue Medium, das die Welt überschwemmt,
prüfen wir daraufhin, ob damit nicht das mühsame und zeitraubende
Lernen irgendwie erleichtert oder beschleunigt werden könnte.

Die Schiefertafel, habe ich in einem alten Buch gelesen, war im
letzten Jahrhundert eine pädagogische Revolution, vielleicht bisher
sogar die wichtigste. Denn die Tafel ist noch heute das verbreitetste
und ökonomischste Lernmedium, und sie ist ganz und gar multimedia,
geeignet für Bild, Text und Grafik, weiss auf schwarz oder gar
farbig. Den Sound liefert die Lehrerin oder der Lehrer und manchmal
auch den bewegten Slapstick. Der Speicherplatz der Schiefertafel
ist erst noch unbegrenzt, dank Schwamm. Wenn man einmal zusammenzählen
würde, was täglich weltweit auf Tafeln gekreidet wird, würden
die 650 Megabyte einer CD-ROM zu einem lächerlichen Datenhäuflein
schrumpfen. Und dann kommt noch etwas Wesentliches dazu: Die Tafel
ist ein interaktives Medium. Schreibt jemand was drauf, so sehen
es alle Anwesenden gleichzeitig und können mit Schwamm oder Kreide
ändern, verbessern, ergänzen.

Asterix ist ein schlechter Lehrer

Nur etwas fehlt der Schiefertafel: Sie ist nicht automatisch.
Wobei das vielleicht ein Vorteil ist, die Lernforscher haben ja
soviel ich weiss herausgefunden, dass man am besten lernt, wenn
man selber tut. Also wenn ich einen Satz selber hinschreibe, haftet
er mir wahrscheinlich besser im Hirn, als wenn ihn mir der Computer
auf den Bildschirm projiziert und ihn mir der programmierte Asterix
vorgackert. Trotzdem: Den Computer habe ich einmal als «automatische
Schiefertafel» bezeichnet, weil er ein Werkzeug ist, mit dem wir
Text, Grafik, Bild entwickeln können wie auf einer Tafel, aber
eben noch mehr. Ein Computer kann dynamisch umgehen mit den Objekten,
also speichern, rechnen, vergleichen. Er kann die Bilder bewegen
und verändern, also einen Sachverhalt nicht nur darstellen, sondern
auch Vorgänge simulieren. Er kann auch mit Klängen umgehen. Bei
meinem Sprachlernprogramm könnte ich ein Mikrofon einstecken und
meine Stimme vom Computer aufzeichnen lassen. In der nächsten
Version sagt mir dann vielleicht Asterix sogar, was ich falsch
ausspreche.
Der Gedanke liegt nicht fern, dass man die lehrenden Menschen
ganz und gar durch den Computer ersetzen könnte, wenn der ganze
Lernprozess automatisch funktioniert, multimedial und sogar interaktiv.
Asterix erkärt mir die fremde Sprache, er korrigiert meine Fehler,
wozu muss ich denn einen Menschen dazu missbrauchen?
Ich habe Asterix trotzdem nicht eingeschaltet, sondern mein erstes
Sprachproblem einem Kellner im Restaurant vorgelegt, er hat es
mir erklärt. Lernprogramme kranken meistens daran, dass sie trotz
der bunten Bilder und der lustigen Szenen und der originellen
Stimmen nie genau auf mein aktuelles Problem eingehen, und wenn
ich ein Problem habe, dann ist das Programm wiederum nicht gerade
eingeschaltet. Natürlich träumen wir schon lange von der Maschine,
die so clever gebaut ist, dass sie jederzeit genau das liefert,
was ich gerade brauche, um lernend einen Schritt weiterzukommen.
Nach der Erfindung des Tonbandes schien das Sprachlabor diese
Maschine zu sein und nach der Verbreitung des Personal Computers
feierten technikgläublige Pädagogen das «Neue Lernen». Und irgendwann
soll uns ein persönlicher digitaler Assistent auf Schritt und
Tritt begleiten, informieren und instruieren.

Menschen und Werkzeuge, statt Lernmaschinen

Doch jede Lernsoftware scheitert, auch wenn sie technisch und
didaktisch machbar wäre, letztlich am Preis. Eine CD-ROM, in die
nicht einfach eine alte Geschichte wie Asterix abgefüllt ist,
sondern die wirklich didaktisch durchdacht ist, die individuelles
Lernen ermöglicht, die interaktiv ist und theoretisch fundiert
und niemals langweilig, ist schlicht unbezahlbar. Schon die Entwicklung
einer «gewöhnlichen» CD-ROM, zum Beispiel eines «interaktiven
Buches» oder eines Nachschlagewerks, kostet hunderttausende von
Franken. Ein brauchbares Lernprogramm, vermute ich, mindestens
zehnmal mehr. Dass es für viele Lerngegenstände machbar wäre,
bezweifle ich nicht, doch die Frage, wer das bezahlen soll, hat
noch niemand beantwortet. Kürzlich war ich in Kalifornien, dem
computerdichtesten Staat der Welt. Ein Hauptproblem der öffentlichen
Schulen sind dort gute Lehrmittel, also gedruckte, nicht multimediale.
Das heisst nicht, dass uns die neue Technik das Lernen nicht erleichtern
kann. Wir können den Computer als Schreib- und Rechenmaschine
brauchen, wir können Wörterbücher und Lexika ab CD-ROM nutzen,
wir können Internet als Kommunikationsmedium einsetzen und mit
Menschen in andern Sprachen oder mit andern Schulen Briefe austauschen.
Mit lebenden Menschen, wohlverstanden, nicht mit dem toten Asterix
auf der glitzernden Scheibe. Wir können Texte, Zeichnungen, Berichte
und Geschichten im WordWideWeb publizieren und zur Diskussion
stellen. Wir können Projekte in Gruppen entwickeln, die weit entfernt
wohnen, und wir können einem Kranken die Aufgaben nach Hause schicken.
Wenn wir den Computer als Werkzeug betrachten, also immer die
die Schiefertafel im Hinterkopf haben, dann leistet er gute Dienste
beim Lernen. Das Lernen selber aber, so leid es mir tut, ist und
bleibt mühsam. Ausser wir verwechseln das, was wir im Speicher
herumtragen, mit dem, was im Kopf sitzt. Und der bleibt gleich,
auch wenn die Computerspeicher immer grösser und die Prozessoren
immer schneller werden.
Die fremde Sprache lerne ich jetzt bei einem pensionierten Herrn,
der viel Zeit hat, der die Welt kennt, mehrere Sprachen spricht,
der Interessantes zu erzählen weiss und auch zuhören kann. Also
ein Mensch, wie es Millionen gibt auf der Welt. Das einzige, was
er braucht, sind ein paar Bilder, ein paar Büchlein und eine kleine
Tafel. Ein echt multimediales Lernerlebnis, das wirklich Vergnügen
bereitet.

Emil Zopfi