Der Fehler
«Noch zehn Minuten.»
«Keep cool, Bill. Wir habens im Griff.»
«Glaubst du?»
«Ich bin sicher.»
«Sicher ist nur der Tod.»
«Gut, wir rechen mit Wahrscheinlichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit,
dass noch ein Fehler im System steckt, ist eins zu einer Million.
Sagen die Experten.»
«Ich habe selber mitprogrammiert, damals. Unmöglich, dass man
jeden Fehler, den wir eingebaut haben, ortet und korrigiert.»
«Die Zentrale hat spezielle Software entwickelt. Geht alles automatisch,
glaub mir Bill.»
Jan dreht seinen Kopf. Eine Alarmglocke schlägt. Hinten im Kontrollraum
blinkt rotes Warnlicht.
«Verdammt», entfährt es Bill. Er greift in die Hosentasche, sucht
das Tuch. Mary, denkt er. Seine Hand zittert. Gute Nacht Mary.
Er hat seine Frau und die Kinder nach Montana geschickt, zu ihrem
Vater in die Berge. Man kann nie wissen, was alles hochgeht. Montana
ist sicher. Mary, meine Liebe, denkt er. Wir sehen uns wieder.
Im Paradies. Die Alarmglocke schweigt.
«Was war los?»
Jan kehrt zurück, ein breites Grinsen im Gesicht. «Nichts. Wie
ich sagte. Wir habens im Griff.»
«Und der Alarm eben?»
«Die Leute sind nervös. Fuller hat einen letzten Test gefahren
und dabei Mist gebaut. Falsche Taste gedrückt. Die Presse macht
alle verrückt. Seit Monaten hacken sie auf dem einen Thema herum:
Millenium Bug. Das Datumsproblem. Dabei ist das gar kein Problem
mehr.»
Bills Hand fährt in die andere Hosentasche. Da ist das Tuch. In
der falschen. Auch ich beginne durchzudrehen, denkt er. Tupft
sich den Schweiss von der Stirn. «Noch fünf Minuten.»
«Fünf vor Zwölf. Keep Cool, Bill. Bist du nervös?»
«Es ist heiss hier drin. Ist die Klimaanlage eingeschaltet?»
«Aber klar. Selbst die Börse spielt verrückt. IBM ist zwanzig
Dollar gefallen und das nur wegen den Journalisten. Einen Kack
verstehen die. Hast du auch Aktien?»
Bill blickt auf den Schirm. Aktien. Schulden hab ich. Das Haus
bis unter den Giebel belastet. Saras Krankheit. Pollenalergie,
neurotisch, sagt der Arzt. Aber nun sind sie in Sicherheit, an
guter Luft. Mary, Sara und Pete. Er beobachtet das Fliessschema
auf dem Bildschirm, Schalterstellungen, Transformatorspannungen.
Alles normal, die Energieproduktion im Soll. Tausendachthundert
Megawatt. Keine Störmeldung mehr. Die Ziffern des Timers springen
regelmässig, wie Herzschlag. Noch drei Minuten und zehn Sekunden.
Neun Sekunden. Acht Sekunden. Jans Optimismus ekelt ihn an. Zweckoptimismus,
bringen sie einem in den Kursen bei. Vielleicht hat er die Hosen
voll, doch zeigen darf er es nicht. Ist als Nachfolger des Centermanagers
im Gespräch. Immer nur lächeln, keine Schwäche zeigen, keine Kritik
durchschimmern lassen. Alles ist gut, alles ist positiv. Wir habens
im Griff.
«Weisst du», sagt Bill mehr zu sich selber als zu Jan. «Ich habe
mitprogrammiert, als man die Zentrale baute. Ich weiss, wie viele
Fehler wir damals in den Code gebastelt haben. Noch keinen Schimmer
von strukturierer Programmierung oder so. Kein Mensch hat gedacht,
dass das System das Jahrtausend überleben würde. Niemand hat bei
den Tests gemerkt, dass wir das Datum im Minimum von Speicherplatz
unterbrachten. Wir mussten sparen, damals, jedes Bit war Gold
wert. Und nun …»
«Alles gedebugged, Bill, alles clean alter Kumpel. Geh in die
Cafeteria, schnapp dir ein Glas, dort stossen sie schon an.»
Bill wandert durch die Korridore der Zentrale. Sieht durch eine
Luke den Reaktor im Freien, ein Betonzylinder, in bleiches Licht
getaucht, umgeben vom doppelten Sicherheitszaun. Man hat verstärkte
Wache aufgezogen, ein Scheinwerfer kreist. Was ist aus unserer
Technik geworden, denkt er. Ein Konzentrationslager. Eine Zeitbombe.
Gleich kann sie hochgehen. Wenn das Datum schaltet, wenn dann
auch nur eine einzige Berechnung falsch ist, zum Beispiel Null
ergibt in einem Quotienten. Wumm. Ein gewaltiger Lichtbogen. Blackout.
Das Ende. Dabei wollten wir eine bessere Welt schaffen, damals.
Ich ein junger, erfolgreicher Ingenieur, Mary Lehrerin. Es war
Liebe auf den ersten Blick, damals in Salt Lake City, als sie
ihr Jahr bei den Mormonen ableistete. Das Paradies auf Erden wollten
wir schaffen. Das schworen wir, mein Gott. Und nun?
Er fährt zusammen, spürt ein leises Zittern durch den Betonboden
des Korridors ziehen, der zur Cafeteria hinüberführt. Hört schon
den Lärm der Stimmen, die Gläser aufeinanderklingen. Happy New
Year. Happy Millenium. Sie singen die Hymne. Er bleibt stehen.
Das Beben fährt in Wellen durch den Boden. Bill wird gegen die
Wand geworfen, versucht sich festzuhalten, gleitet ab. Zittere
ich oder erzittert die Welt? Er sieht Mary in den Bergen, Mary
und die Kinder, über ihnen den klaren Himmel von Montana, den
grossen Bären, den Polarstern, rundum die schwarzen Wälder. Der
Schwiegervater hockt auf seinem Stuhl, liest laut aus der Bibel.
Da blies der siebente Engel die Posaune. Schleuderte ein Rauchfass
hinab auf die Erde. Und ein Drittel aller Menschen wurde dahingerafft,
ein Drittel aller Tiere, ein Drittel aller Fische in den Meeren.
Das Wasser der Flüsse färbte sich rot, ein Drittel aller Wälder
verbrannte und wurde zu Wüste.
«Mensch Bill, was ist dir?» Er liegt am Boden, starrt in ein Gesicht,
das sich über ihn beugt, sieht darüber andere Gesichter, Hände,
die Sektgläser umklammern, baumelnde Krawatten, weisse Arbeitshelme.
«Ein Arzt», schreit eine Stimme.
«Er hat zuviel getrunken. Alles halb so schlimm. Holt einen Kübel
Wasser.»
«Nein. Er war auf Schicht. Bis Mitternacht.»
Ein Handy piepst. Alles funktioniert. Kein Millenium Bug, nichts.
«Mensch Bill. Sag doch was.» Jan greift seinen Puls. «Komm, alter
Kumpel. Trink einen Schluck. Alles okay, nichts geschehen. Fünf
nach zwölf und die Welt steht wie eh und je.»
Er hört eine Stimme, weit weg. Mary, bist du es?
Ja, es ist Mary. Wir sehen uns bald, Bill, sagt sie. Drüben.
Drüben?
Ja, drüben, ich bin ganz sicher. Ich glaube. Glaubst du auch?
Unerschütterlich?
Ja, Mary. Ich glaube.
Jetzt ist es ganz dunkel. Wie damals im Tempel in Salt Lake City,
als wir hineindurften nach der Hochzeit, ein einziges Mal. Und
du warst noch unberührt, wie es das Gesetz vorschreibt. Wir haben
uns geliebt. Und wir gelobten, die bessere Welt zu bauen, im Namen
Gottes.
Ja, Mary. Ich glaube. Ich komme.
«Verdammt», sagt eine Stimme. «Habt ihr gesehen? Er hat einen
Herzschrittmacher.»
«Na und? Was solls?»
«Baujahr, Typ? Eben ist eine Warnung durchgekommen, aus San Diego.
Alle Schrittmacher mit Pentium-Prozessoren sind um Null Uhr Null
Null stehengeblieben. Millenium Bug.»