Vom Charme eines Militärrucksacks
Mein ultimatives E-Commerce-Erlebnis hatte ich in einem Studentenheim
in Iowa City. In der uniformen Masse der tausend Studierenden,
die in dem «Dorm» ein- und ausgingen, fiel mir einer auf: er war
gross, blond und trug am Rücken einen Schweizer Militärrucksack.
Da ich zum feldgrünen «Aff» auf schweisstreibenden Märschen eine
hautnahe Beziehung aufgebaut habe, regte sich ein bisschen Heimweh
und ich fragte den jungen Mann, wie er im tiefsten Mittleren Westen
der USA zu einem der (zu) tragenden Ausrüstungsstücke der Schweizer
Armee komme.
«Internet!», verriet er mit leuchtenden Augen.
«Preis?»
«Tweny bucks.»
Wo die Schweiz liegt, wusste er nicht, doch vom Rucksack meinte
stolz: «It has character.» Wo alles in Addidas-, Levis- und Reebock-Uniformen
einhergeht, wird ein «Originally Swiss Army Rucksack» offenbar
zum Ausdruck der besonderen Persönlichkeit.
Natürlich habe ich die Website besucht, die von helvetischen Zeughäusern ausgeschaubte Plachen, Wolldecken, Effektensäcke (Swiss Salt and Pepper Pack), Sanitätskoffer, Feldflaschen und sogar Stahlhelme zum Einheitspreis von $19.88 vertreibt. Darunter vielleicht auch meine persönlichen Effekten, die ich nach der Ausmusterung in einen Container geworfen habe.
E-Commerce fördert also, wie das Beispiel zeigt, die Verschmelzung
der Kulturen. Ich habs nicht ausprobiert, aber ich bin fast sicher,
dass ich kraft meiner Kreditkarte jederzeit einen Original-Sioux
Federschmuck samt Kriegsbeil oder ein tibetanisches Mönchsgewand
incl. Gebetsmühle ordern könnte. Die Geschichte von den russischen
Migs, die via Netz verscherbelt werden, ist ja bekannt. Was heisst:
Dank E-Commerce gibts heute eigentlich alles überall.
Doch wenn alle alles haben, oder zumindest haben könnten, verliert
das Besondere seinen Reiz. Wir alle kennen das ja. Auf einer Reise
durch ein exotisches Land packen wir unsere Koffer voll mit naturgefärbten,
handgewobenen Stoffen und gehämmertem Silberschmuck für unsere
Lieben daheim. Doch beim Überreichen der Geschenke erfahren wir
nebenbei, peinlich, peinlich, das Warenhaus XY habe eben eine
Aktion mit exakt denselben Ethno-Artikeln lanciert. «Was hast
du denn bezahlt für die Ohrringe?» Der Rest ist Frust.
Die elektronische Shopping Mall, in der es alles gibt, was die
Welt an Überraschungen birgt, wird uns in Zukunft das Schenken
nicht leichter machen. Und wenn ich das nächste Mal Iowa City
besuche, wird gewiss die Mehrheit der Studierenden mit einem Schweizer
Militärrucksack über den Campus marschieren, Zelt umgebunden und
Feldflasche am Gürtel. It has character! |

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