Computermuseum

Der alte Mann und die Schrift

Vor über vierzig Jahren hat der Schriftgestalter Hans Eduard Meier
den ersten Entwurf für die Syntax vorgelegt. Und noch heute arbeitet
der fast 77-jährige rastlos an der Vollendung seiner Schriftfamilie,
er sitzt von früh bis spät am Bildschirm, sieben Tage in der Woche.

Nebel liegt über dem Walensee, die Felswände der Churfirsten strahlen
im Sonnenlicht. Hans Eduard Meier wohnt in Obstalden an traumhafter
Lage, doch sein Fenster ist der Bildschirm. Am Computer konstruiert
er eine eigene Welt aus Buchstaben, Ziffern und Zeichen. «Selbst
am Sonntag bin ich dran», sagt der leicht gebückte Mann mit dem
weissen Haarkranz. In rastloser Arbeit vollendet er ein Lebenswerk,
das vor mehr als vierzig Jahren begonnen hat: Die Schrift Syntax.

Buchstaben mit Biss

So spielerisch und präzis, wie er früher Tuschepinsel und Breitfeder
handhabte, geht er heute mit der Maus und dem virtuellen Werkzeugkasten
der Schriftdesign-Software Fontographer ans Werk. Er holt ein
C auf den Bildschirm, vergrössert die Umrisse, die Outlines. Nun wird sichtbar, was ein achtloser Benutzer kaum wahrnimmt:
Der Buchstabe ist ein Kunstwerk, geformt nach dem ästhetischen
Gefühl seines Schöpfers. Das C ist nicht einfach ein Oval mit
einer Öffnung, sondern eine fast körperhafte, lebendige Skulptur,
leicht nach rechts geneigt. Der Buchstabe gewinnt dadurch eine
eigentümliche Dynamik, er strahlt Charakter aus. Meier stellt
das C einer gängigen, «symmetrisierten» Groteskschrift daneben,
es wirkt zahnlos und langweilig, ihm fehlt der zupackende Biss
von Meiers Form.

Für die Entwicklung braucht der Meister keine Vorlage mehr. «Ich
habe die Schrift im Kopf». Die ersten Entwürfe für die Syntax legte er im Jahr 1955 vor, ab 1967 goss die Schriftgiesserei
D. Stempel AG in Frankfurt Lettern für den Bleisatz. Die Syntax
ist in der Fachsprache eine serifenlose Linear-Antiquaschrift, eine moderne Schrift ohne «Füsschen», welcher jedoch die mittelalterlichen
Renaissance-Buchschriften zugrunde liegen. «Syntax-Meier» neckten
ihn die Schüler der Kunstgewerbeschule in Zürich, wo der gelernte
Schriftsetzer und Typograf Schrift und Zeichnen unterrichtete.

Aus einer Mappe zieht er ein Transparentblatt, die ursprüngliche
Reinzeichung für die Syntax. Jeden Buchstaben, jedes Zeichen,
jede Zahl malte er mit dem Tuschepinsel und korrigierte mit der
Rasierklinge, bis die Form exakt seinen Vorstellungen entsprach.
Eine mühselige Arbeit, die sich über Jahre dahinzog. «Schriftgestalter
brauchen einen langen Atem», schreibt der Typograf Max Caflisch.
Neben den Groteskschriften wie der Univers von Adrian Frutiger oder der Helvetica von Max Miedlinger hatte die Syntax anfangs einen schweren Stand.
Für Robert Krügel, Computergrafiker der ersten Stunde, ist die
Syntax jedoch «eine der schönsten Schriften im eher klassischen
Bereich». Er hat sie der Winterthur-Versicherung als Hausschrift
empfohlen, nebst ästhetischen auch aus technischen Gründen: «Sie
ist extrem gut lesbar selbst bei kleiner Darstellung und auf dem
Bildschirm.» Die Schrift lasse beliebige typografische Experimente,
auch «wilde Spielereien» zu und bleibe dabei eigenständig und
unverwechselbar. Seine jungen Mitarbeiter seien total begeistert,
auch vom Menschen, der dahintersteht. «Ein unglaublich bescheidener
Mensch, der für die Schrift lebt.»

Erster digitaler Schriftgestalter der Schweiz

Hans Meier entwarf noch weitere Schriften, die Barbedor, eine mit der klassischen Breitfeder geschriebene Renaissance-Antiqua,
und die Syndor, eine Kombination aus Syntax und Barbedor. Doch der Prophet galt
lange wenig im eigenen Land. Charles Bigelow, ein amerikanischer
Schriftgestalter, erkannte als einer der ersten die Qualität von
Meiers Entwürfen und organisierte 1978 eine Vortragstournee durch
die Vereinigten Staaten. Bald darauf kamen die neuen Computeroberflächen
auf, welche die Darstellung von Schriften in guter Auflösung erlauben.
Desktop Publishing fegte die alte Satztechnik hinweg. Das war
Meiers Chance. Niklaus Wirth und Jürg Gutknecht entwickelten an
der ETH eine eigene Linie von Desktop-Computern, doch fehlten
ihnen dazu die Schriften. Sie holten Hans Meier 1984 als ersten
digitalen Schriftgestalter der Schweiz an die Hochschule. «Der
Unterschied von der alten zur neuen Technik ist riesig», stellt
Meier fest. «Doch ohne die Kenntnis der Schriftformen bringt man
auch mit dem besten Fontdesign-Programm nichts Brauchbares zustande.»
Leider ermöglicht es die neue Technik auch, in kürzester Zeit
viel Schrott zu produzieren. «Tausende von miserabel gestalteten,
billigen Schriften überschwemmen den Markt.» Das Bewusstsein,
dass Schriftgestaltung eine Kunst mit einer langen Tradition ist,
droht im Billigmarkt der Computerfonts unterzugehen. Viele Benutzer
kopieren haufenweise Schriften und setzen sie ohne jede Sachkenntnis
ein. Das geht auf Kosten des qualitativ hochwertigen Designs –
und auf Kosten des Schriftgestalters, dessen Honorar um die 20
Prozent des Erlöses aus einem Font beträgt. Einen Stundenlohn
darf Hans Meier ohnehin nicht ausrechnen. Seit vier Jahren besitzt
er einen eigenen Computer und arbeitet von früh bis spät, sieben
Tage die Woche. Denn der Schriftgestalter muss heute wesentlich
mehr liefern als einst. Nebst den Outlines, den eigentlichen Zeichenformen, bestimmt er in langwieriger
Arbeit die Zurichtung, das heisst die Abstände vor und nach jedem Zeichen. Monatelang
beschäftig ihn allein das Kerning, der Ausgleich der Zwischenräume von bestimmten Zeichenpaaren,
die zu gross sind, etwa zwischen Yo. Dann folgt das Hinting, die Information, wie die Zeichen für die Bildschirmdarstellung
gerastert werden sollen und schliesslich das Optimieren der Rasterung
für die Schriftgrössen 10 und 12 Punkt. Dass der 77-jährige diese
Sisiphusarbeit schafft, grenzt an ein Wunder, denn seit seiner
Jugend leidet er an Morbus Bechterew, einer chronischen Rheumakrankheit.
Vor wenigen Jahren wurde ihm in einer schweren Operation die Wirbelsäule
aufgerichtet.

«Schriftdesign ist fast eine Sucht»

Als Jörg Zintzmeyer von der Nationalbank mit der Gestaltung der
neuen Banknoten beauftragt wurde, holte er Meier für die Überarbeitung
der Schriften. «Trotz seines Alters hat er es meisterhaft geschafft,
seine gestalterischen Ideen umzusetzen, ohne sich von der Technik
beirren zu lassen», erinnert sich ein Mitarbeiter. Meiers Passion
gilt jedoch der NewSyntax, der Erweiterung seines Hauptwerks zu einer ganzen Schriftfamilie
für die Linotype Library GmbH, welche die Rechte an der Syntax
beim Aufkauf der Firma D. Stempel AG erworben hatte. Die NewSyntax
wird sechs aufrechte und sechs kursive Schnitte enthalten: light,
normal, medium, bold, black, heavy; alle mit Kapitälchen Jeder
Schnitt umfasst zwei- bis dreihundert Formen. Darunter auch Neuschöpfungen
wie das Zeichen für den Euro. Rund dreitausend Figuren müssen
entworfen, digitalisiert, optimiert und gegenseitig ausbalanciert
werden. Dazu kommen je vier Schnitte mit Serifen, SyntaxSerif, und eine Schreibschrift für Briefe mit persönlicher Note, die
SyntaxCorrespondence. Damit würde eine echte Marktlücke gefüllt, denn für das Gestalten
von Geschäftsbriefen sind die üblichen Buchdruckschriften ungeeignet.

Eine ganz eigenwillige Schrift soll die Syntax-Familie abrunden,
die Lapidar, den Buchstabenformen nachempfunden, welche die Griechen um 2000
vor Christus in Kalkstein meisselten. Die Geschichte der Schriften
ist nachzulesen in der Broschüre «Die Schriftenwicklung», die
Hans Meier verfasst und bei Syndor-Press, Cham, herausgegeben
hat.

Noch ein paar Monate, dann ist Hans Eduard Meiers Lebensprojekt
Syntax abgeschlossen. Und dann? Der verdiente Ruhestand? Der Garten
mit dem Biotop? Reisen? Er schüttelt den Kopf. Kürzlich war er
eine Woche bei Linotype um sich im Hinting weiterzubilden. Im Februar war er in New York, hat beim Type Directors Club referiert und Studenten der Fordham University gezeigt, wie man mit Breitfeder und Computer umgeht. Immer wieder
tauchen neue Ideen auf: Initialen für schöne Buchgestaltung. Fonts,
die den Sprayschriften auf Bahnhofsmauern nachempfunden sind.
Eine Schreibschrift für die Schule, basierend auf der humanistischen
Kursiv, da er die heutigen Schulschriften als miserabel empfindet.
«Schriftgestaltung ist halt fast wie eine Sucht», sagt Meier und
lächelt.