MacPaint: Vom Pinsel zum Pixel
Der Grafik-Designer Robert Krügel erinnert sich, wie er im Urlaub
in der Toscana vor dem ersten Macintosh sass und sich damit vergnügte,
eine simple Kritzelzeichnung auf den winzigen Bildschirm zu zittern,
Sonne, Hügel und Meer, während seine Familie am Strand an der
realen Sonne bräunte. Der ästhetisch geschulte Gestalter freute
sich wie ein Kind über das Kunstwerk, das der Nadeldrucker schliesslich
aufs Papier tüpfelte. Dabei ahnte er, dass für seinen Beruf eine
neue Zeit angebrochen war. Man schrieb das Jahr 1984.
Für andere war das Neue ein Rückfall in die Steinzeit. Wieder
einmal schien der Beweis erbracht, dass der Computer jede Sensibilität
zerstört, dass das digitale Denken nun auch den gestalterischen
Ausdruck zu schwarzweissem Einheitsbrei zermanschte. Der Künstler
packte mit der Faust einen klotzigen Apparat namens Maus, statt
dass er gefühlvoll den weichen Skizzierbleistift führte, sein
schwungvoller Strich wurde von der Maschine vollends zur unbeholfenen
Treppe aus schwarzen Punkten zerknittert. Pixel statt feine Pinselstriche,
grauenhaft! Der Name des Zeichnungsprogramms spottete jeder Rechtschreibregel:
MacPaint.

Bill Atkinson hiess der Programmierer des 60 Kilobyte fetten Programms,
seinen Namen und sein grob gerastertes Konterfei hatte er unbescheiden
gleich in die Software gepackt. Als Angestellter Nummer 51 war
der ehemalige Neurologiestudent im Jahr 1978 zum aufstrebenden
Garagenunternehmen Apple gestossen, hatte für die bahnbrechende
aber zu teuren Lisa die Grafikroutinen programmiert. Doch der
Apple-Fellow stand stets im Schatten der grossen Gurus Wozniak,
Jobs und Sculley. Für den Macintosh, die «Lisa für die Massen»,
schrieb Atkinson neben Systemsoftware auch noch MacPaint, simpel
konzipiert, eher ein Spielprogramm für Kinder als eine brauchbare
Anwendung. Und doch ein genialer Wurf. Zu Bills Befriedigung konnte
sich Apple dazu durchringen, MacPaint und das Textprogramm MacWrite
gratis mit der Hardware zu bündeln. Dass man mit dem neuen Spielzeug
Bildchen zeichnen, ausschneiden und in einen Text einfügen konnte,
«cut and paste», erwies sich der eigentliche Hit. Von der Speisekarte
über die Geburtstagseinladung bis zum persönlichen Briefkopf konnte
sich fortan die Kreativität der Massen ungehemmt und ungestört
von jedem ästhetischen Empfinden entfalten.
Als Computerkursleiter versuchte ich in jener Zeit noch den Einsteigerinnen
und Einsteigern algorithmisches Denken beizubringen, beispielsweise
anhand einfacher Grafiken wie Quadrate, Spiralen und Sterne, die
nach logischer Analyse, Struktogramm, Programmierung und Test
auf dem Bildschirm erstrahlten, oder auch nicht. MacPaint machte
sämtliche didaktischen Konzepte mit einem Schlag zunichte: Wozu
programmieren, wenn man doch einfach mit der Maus herumfahren
kann und schon steht das Quadrat, der Stern, das Haus, der Grundriss
der neuen Wohnung auf Bildschirm und Papier. Atkinson hatte die
lernende Computergemeinde von einer nutzlosen, allenfalls das
abstrakte Denken schulenden Anstrengung befreit. Still und leise
steckte ich die Arbeitsblätter in den Papierkorb, instruierte
das Einschalten, das Einschieben der Diskette und den Doppelklick
und liess im weiteren das intuitive Lernen walten.
Dass Computer das Zeichenbrett ersetzen, wusste man schon länger,
in den Büros werkten Konstrukteure und Architekten schon seit
Jahren an teuren CAD-Computern mit noch teureren Plottern. MacPaint
war im Vergleich mit diesen komplexen Werkzeugen simpel und spielerisch.
Die Werkzeugpalette des Programms erlaubte das Ziehen von Linien
und geometrischen Formen, es gab den Bleistift, den Pinsel, das
Textwerkzeug und dann noch so lustige Dinge wie die Spraydose
oder den Farbkübel. Altbekanntes tauchte in simulierter Gestalt
auf, man probierte und des Gelächters war kein Ende. Endlich wurde
es im Computerkurs wieder lustig. Man durfte klicken und kritzeln
und kleckern, der künstlerische und intellektuelle Anspruch sank
gegen Null, dafür auch die Angst vor dem Neuen. Grösster Heiterkeitserfolg
war stets der Radiergummi, der allen Unsinn löschte, und das war
nicht wenig. Noch heute gibt es Leute, die in so tiefgründigen
Programmen wie Xpress oder Illustrator nach dem Radiergummi suchen
und nicht begreifen wollen, dass die fröhliche Kritzelphase mit
MacPaint längst wieder ernsthafter Arbeit am Desktop gewichen
ist.
Aus der Distanz eines Jahrzehnts, geschult an Freehand und Photoshop,
vertraut mit Postscript und gesegnet mit tausend Graustufen und
Millionen Farben, können wir die historische Bedeutung von MacPaint
erahnen. Die Mutter aller Grafikprogramme war das erste Produkt
einer Entwicklung, durch die Berufswelten vernichtet und neue
entstanden sind. Robert Krügel ist noch immer vorne dabei, jetzt
produziert er Multimedia.
Bill Atkinson sei nach dem ersten Erfolg des Macintosh in tiefe Depression gefallen, lese ich, arbeitsunfähig für Monate,
bis er eines Nachts in den Sternenhimmel blickte und ihn eine
Erleuchtung überkam: «Brauch deine Fähigkeiten, um einen kleinen
Teil des Universums besser zu machen!» Er stürzte ins Haus und
begann eine neue Software zu schreiben, unter dem Namen Hypercard
simulierte sie auf dem Macintosh einen dynamischen Karteikasten,
auf Bills Wunsch in der ersten Version ebenfalls gratis. Dabei
griff er auch auf die gute alte Werkzeugpalette von MacPaint zurück,
schliesslich muss auch eine Karteikarte grafisch gestaltet werden.
Im Apple Buyer?s Guide ist MacPaint noch heute aufgeführt, als
Produkt von Claris, die deutsche Version 2.0 zu stolzen 428 Mark.
Eine Nachfrage bei der Schweizer Vertretung löst jedoch blankes
Erstaunen aus: «MacPaint? Gibt es doch schon lange nicht mehr!»
Auch Bill Atkinson hat längst neue Visionen: «Eine digitale Plattform,
welche die Art, wie wir leben und kommunizieren verändert.»