Computermuseum

10 Jahre Macintosh

Raten Sie mal, was ich mit Michail Gorbatschow gemeinsam habe?
Richtig! Wir besitzen beide einen Macintosh. Doch wir sind nicht
die einzigen. Vom Personal-Computer, der nach einer Apfelsorte
benannt ist, wurden bis heute 14 Millionen Stück verkauft.
Dabei gaben vor 10 Jahren nur wenige dem Klotz mit dem Mini-Bildschirm,
der Spielzeugtastatur und der Maus eine Chance auf dem Markt,
der vom blauen Riesen IBM dominiert war. Doch Apple-Computer wusste
die Symbolkraft des «Orwelljahres» geschickt zu nutzen: Die beispiellose
Werbekampagne, die den Auftritt des «Mac» im Januar 1984 begleitete,
richtete sich klar gegen die Allmacht des grossen Computerkonzerns.
Mit Erfolg: Schon im ersten Jahr rollten in Cupertino im kalifornischen
«Silicon Valley» über eine Million Äpfel vom Fliessband.

Was ist es denn, was Gorbatschow und mich und Millionen von Menschen
fasziniert am Macintosh, was unterschied ihn so lange von anderen
Computern, bis auch sie sein Konzept zu kopieren begannen?
«Der Computer ist das, was für den Benutzer sinnlich warhnehmbar
wird», sagte Alan Kay, einer der geistigen Väter. Steve Jobs,
Gründer von Apple, setzte die Idee mit dem Macintosh in marktgängige
Hard- und Software um. Liebe geht durch den Magen: Der «Mac» sprach
den Bauch an, nicht den Kopf, die Sinne, nicht das abstrakte Denken
­ und traf damit den Zeitgeist. Seine Bildschirmoberfläche ist
mit sinnlich warhnehmbaren Symbolen gespickt, das Erlernen der
Bedienung ein intuitives Entdecken und Experimentieren. Statt
Bit und Byte zu büffeln, hantiert man auf dem Schreibtisch mit
Schere und Papierkorb, Fenster verschaffen Einblick ins Innere
des Mediums, und die flinke Maus steuert die Abläufe, getrieben
vom lockeren «Klick» mit dem Zeigefinger, statt von komplizierten
Befehlsfolgen. Der Siegeszug des Macintosh ist verbunden mit einer
neuen, aus dem Leben gegriffenen, bilhaften Sprache.

Und so wurde er zuerst zum Liebling der sogenannten «Turnschuhgeneration»,
die bis anhin den Kontakt mit High-Tech-Instrumenten vermieden
hatte: Grafiker, Texterinnen, Typografen, Lehrerinnen, Kreative
und Freaks entwickelten die anfangs bescheidene Software weiter
und machten aus einem Spielzeug das perfekten Werkzeug der grafischen
Industrie. Geschleckte Desinger-Zeitschriften, Stadtmagazine,
die «Glarner-Nachrichten» und der «Blick» werden heute von A bis
Z auf dem Macintosh produziert.
Mit dem früheren Pepsi-Cola Manager John Sculley an der Spitze
gelang es Apple gegen Ende der 80er Jahre den Geruch der «Gegenkultur»
abzustreifen und sich mit einer Vielzahl von professionellen Ausführungen
des «Mac» auch in den Büros zu etablieren. Doch bereits gibt es
Nostalgiker, die lieber einen «Classic» in der ursprünglichen
Klotzform auf dem Schreibtisch haben.

Obwohl Kinder spielerischen Zugang zur Macintosh-Philosophie finden,
und er als Schulcomputer weite Verbreitung fand, hat vor allem
professionelle Anwendung in der grafischen Industrie, im sogenannten
«Desktop Publishing», den Durchbruch des Macintosh-Konzepts begründet.
Vom Schriftsetzer über den Lithographen bis zur Redaktorin hat
sich ein weites Feld von Berufen radikal verändert. Eine Entwicklung,
die vor einem Jahrzehnt nicht einmal die Pioniere voraussahen,
und die die andern Personalcomputer-Hersteller wohl oder übel
nachvollziehen mussten. Wohl oder übel arbeiten der Blaue Riese
und das Äpfelchen heute in verschiedenen Bereichen zusammen.

Und kein Ende der Entwicklung ist abzusehen: Multimedia ist das
Schlagwort der Neunzigerjahre. Video-, Ton- und Telekommunikationstechnik
werden ins System integriert: Der Film der Zukunft läuft auf der
Oberfläche des Personalcomputers.
Ob der Macintosh dereinst unser «Navigator im Meer der Informationen»
von Morgen sein wird, wie der inzwischen als Apple-Leader entmachtete
Visionär Sculley formulierte, bleibt abzuwarten. Vorläufig scheint
der Wurm den Apfel noch verschont zu haben.