Lond-on-line 9.6.

Vier Männer machten der Tochter des blinden Bettlers den Hof, ein Ritter, ein Kaufmann, ein Wirtesohn und ein Aristokrat. Alle wollten die schöne Bessee von Bethnal Green zur Frau, bis sie erfuhren, dass ihr Vater ein Bettler war. Nur der Ritter ging zu ihm und hielt um ihre Hand an. Alle Leute waren erstaunt, dass der Vater hundert Pfund gab fürs Hochzeitskleid und dreitausend als Mitgift, ein Vermögen damals. Es kam aus, dass der blinde Bettler der Sohn von Simon de Montfort war, dem Gründer des englischen Parlamentes. Man hatte geglaubt, er sei in der Schlacht von Evesham gefallen, doch er hatte nur sein Augenlicht verloren. Er war von einer Frau gerettet worden, welche ihm später die schöne Bessee von Bethnal Green gebar. Sie und ihr Ritter lebten glücklich bis an ihr Ende.

Ron Kray erzählt in seinen Erinnerungen «My Story» die East End Legende vom Blinden Bettler. Der legendäre Gangster hat den Blind Beggar in Whitechapel berühmt und berüchtigt gemacht, als er in der Nacht des 6. März 1966 in dem Pub George Cornell, einen Rivalen, erschoss. Das war dann auch das Ende der grössten Londoner Gangster der sechziger Jahre, der East Ender Ron und Reg Cray, die eine Organisation im Stil der Mafia aufziehen wollten und dabei auch Robin Hood spielten, indem sie den lokalen karitativen Organisationen Geld verteilten, vom Royal London Hospital bis zu den Pfadfindern. Ron und Reg verschwanden im Gefängnis, der Blind Beggar wurde renoviert, in dem viktorianischen Haus aus rötlichem Backstein ist ein fast gediegenes Lokal entstanden. Children welcome.

Kühl fällt der Abend in den Biergarten, der Kellner klappt die Sonnenschirme zusammen, drinnen flimmert ein Match der Fussball-Europameisterschaft auf dem Fernseher und daneben scheppert Musik aus Lautsprechern, der Spielautomat flimmert, am Tresen streiten sich ein glatzköpfiger East Ender und ein Ire lautstark und unverständlich, an einem runden Tisch sitzen zwei Pärchen. Der Abend nach dem heissen Tag ist schon zu kühl, um draussen zu sitzen, durch die offene Tür dringt das Rauschen des Verkehrs herein. Die schwarzen Bermudas der Kellnerin platzen fast aus den Nähten, um sie würde kein Ritter mehr anhalten.

Ich trinke meine einsame Half Pint und stelle mir vor, wie Ron Kray hereintrat, von einem zweiten Gangster begleitet, ein dritter wartete draussen im Ford Cortina. Der Blind Beggar war damals noch ein düsteres Lokal, ein Schanktisch, Bierhebel, Flaschen, nichts weiter. Da sass George Cornell am Tresen, ein schiefes Grinsen im Gesicht, und eine Platte lief in der Jukebox, «The Sun Ain’g Gonna Shine Anymore». Kray schoss, Cornell kippte vornüber und war tot, die Barmaid stand starr, die Platte drehte endlos in derselben Rille, «anymore, anymore…» Ron Kray dramatisierte das Geschehen wahrscheinlich ein bisschen, als er dem Journalisten Fred Dinenage im Gefängnisspital Broadmoor seine Lebensgeschichte erzählte, wie er vom einfachen East Ender Jungen zum Boxer und dann zum Mafiaboss wurde, der, wie er sagt, «London regierte», mit Geld um sich warf, ein glanzvolles Leben führte und mit Leuten wie Sonny Liston, dem Boxweltmeister, und den Lords Boothby und Effingham, Mitglieder des Oberhauses, verkehrte.

Die heutigen Gangsterbosse Londons leben im Norden, in den feineren Quartieren, und zeigen sich in der Öffentlichkeit kaum. Der Independent enthüllt heute, dass ein Tory Parlamentarier zum inneren Zirkel der Adams Familie gehört, die noch schlimmer sei als die Gebrüder Kray, hauptsächlich im Drogengeschäft und im Waffenhandel tätig. Zum harmlosen Glück im Blind Beggar fehlt heute nur noch eine schöne Bessee.

Zurück zu Lond-on-line Verzeichnis