Lond-on-line 9.5.

Heute habe ich Deine Kirche besucht, lieber Urs, es hat sich gerade die Gelegenheit ergeben, die Schweizer Botschaft
veranstaltete ein Konzert, Flügel, Harfe, eine Sängerin: The Cambridge
Trio. Es war ein wunderschönes Erlebnis, irgendwie entrückt in
dem hohen Gewölbe inmitten der Stadt, im Soho, fühlte ich mich
wie in einem einsamen Schiff auf weitem Meer – man sagt ja auch
Kirchenschiff. Es hätte auch in Obstalden sein können, viel grösser
als unsere Dorfkirche ist die Swiss Church in London auch nicht.
Ich war auch überrascht, dass sie schon so alt ist, 1854 eingeweiht
und fast hundert Jahre früher gegründet, aber das muss ich Dir
ja nicht sagen, Du warst hier der Hausherr. Vielleicht ist sie
neu gestrichen, gelblich, die Apsis blau, es blättert an einigen
Stellen schon wieder, das Mauerwerk ist feucht.

Die Sängerin Friederike Jeans hatte ihr Kleid Ton in Ton abgestimmt,
(nein, keine Jeans), es war wirklich stimmungsvoll. Und sehr hoheitsvoll
forderte sie mit einer Handbewegung Schweigen, wenn man zu früh
klatschte. Man klatscht ja immer an der falschen Stelle bei klassischen
Konzerten. Mehrheitlich ältere Damen im Publikum, man kennt das
ja. Eine lässt Dich grüssen: Frau Ursula T., 1963 aus Zürich Unterstrass
eingewandert. Au pair Girl vielleicht? Ihr Mann ist ein Inder.
Am Anfang, so sagte sie, habe sie in England vor allem die Würste,
Cervelat, Bratwurst und Aufschnitt vermisst. Das gab es damals
noch nicht, heute gibt es ja alles, wie überall.

Ich wurde in allen Ehren begrüsst, von Kulturattaché Rene Schätti,
die Schweizer Botschaft ist ja auch schon auf dem Internet, habe ich erfahren. Er hat
mich auch Deinem Nachfolger Pfarrer Locher vorgestellt (oder umgekehrt,
ich bin ja älter). «Ja, der Steiner, das ist aber schon lange
her, bestimmt 20 Jahre», sagte er. Aber es sind wohl weniger,
fünfzehn vielleicht, seit Du von dem grossen London in das winzige
Obstalden gezogen bist mit Deiner Familie.

Die Kirche hat mir gefallen, schlicht, ruhig, eine Oase: Kreuz,
Tisch, Kanzel. Wieder die Assoziation zu Obstalden. Ich stelle
mir vor, wie Du da auf der Kanzel gepredigt hast. Nun war ich
ja in Obstalden ein seltener Gast in Deinem Gottesdienst, Du weisst.
(Bin ja nicht mehr Mitglied.) Dafür habe ich mich wieder, während
die Sängerin von Christus‘ Geburt, Passion, Auferstehung sang,
an unsere Mürtschenstocktour erinnert. Das war ja auch so etwas
wie Gottesdienst, Du warst mein Privatpfarrer, und Du warst glücklich
auf dem einsamen Gipfel, den Du zum ersten Mal bestiegen hast.
Hast mir von Petrus erzählt, wie er auf einem schönen Berg Hütten
bauen wollte, aber sein Meister wollte wieder hinab, zu den Menschen
und den Leidenden. So wie auch Du von dem wunderbaren Obstalder
Pfarrhaus hoch über dem See wieder hinabgezogen bist, zu den leidenden
Menschen im Spital.

Frau T. erzählte mir, wie schön sie es hätten in der Gemeinde,
am Sonntag nach dem Gottesdienst das gemeinsame Essen, die Gespräche.
Ein bisschen «Hütte» ist die Swiss Church wohl schon, im Dschungel
der Stadt. Das ist ja das Faszinierende dieser Metropolis, dachte
ich auf dem Heimweg, da leben so sieben oder acht Millionen Menschen
nebeneinander, eigentlich ziemlich friedlich, und jeder baut sich
irgendwo sein kleines Reich, «schlägt seine Bude auf», würde mein
schottischer Freund, der Architekt Bryan Cyril Thurston sagen,
jeder hat seine paar Leute und geht seine Trampelpfade. Ich habe
mal ausgerechnet, dass London etwa 20’000 mal grösser ist als
Obstalden. Wenn man all die Dorfquerelen und Streitereien auch
mal 20’000 rechnen würde, wäre London wohl die Hölle auf Erden.
Dass es sie nicht ist, ist schon ein kleines Wunder.

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