Lond-on-line 9.4.

Die Freiheit heisst Raleigh, fünf Gänge, Aluminiumrahmen, auf dem Bricklane Markt gekauft für 90 Pound, frisch gepumpt, neue Reifen, neues Vorderrad, wahrscheinlich gestohlen. In der Schweiz würde die prächtige Occasion wohl das fünffache kosten. Man sieht hier viele Fahrräder angekettet und ohne Vorderrad und Leute, die mit einem Vorderrad in der Hand spazieren. Der Fall liegt also einigermassen klar.
Ich setzte mich auf mein neues Velo und sause in den nebligen Nachmittag, dem Kanal entlang und rund um den Viktoriapark im East End, den Queen Viktoria in den 1850er Jahren anlegen liess, um den käsbleichen Estendern etwas gesunden Auslauf und frische Luft zu verschaffen. Und auch ich fühle mich auf meiner ersten Ausfahrt leicht wie ein Vogel und die Welt gehört mir, zumindest das East End der Welt. Sogleich beginne ich die Stadt mit Velofahrerblicken zu betrachten, und es fällt mir wie Schuppen von den Augen.

Eine Stadt hat viele Ebenen mit verschiedenen Zeichen und Symbolen, zahlreiche Kulturen sind eng verflochten. Je nachdem ob man Fussgänger, U-bahnfahrer, Automobilist, Kanalarbeiter, Briefträger, Blinder, Taxidriver oder was auch immer für eine Rolle spielt im urbanen Spiel, man entdeckt sofort Spuren in dem komplexen Universum Stadt, die für einen da sind, die einen leiten und begleiten. So orientieren sich wahrscheinlich auch die Tieren im Dschungel.

Ich sehe also einen Pfeil: London, darunter ein Velo, Network. Aha, das gibt es also. Ich fahre dem Pfeil nach, sehe blaue Tafeln und auf die Strasse gemalte Velopiktogramme und fahre durch unbekannte Quartiere, durch Unterführungen, schlängele mich Wohnblocks entlang, die Pfeile künden die Isle of Dogs an, als Velofahrer gehöre ich nun zur eiligen Spezies, die sich den Blick in den Stadtplan nicht mehr leisten kann. (Eilig ist allerdings relativ, in Los Angeles kann man sich im Verkehrsstrom gemütlich mit dem Stadtplan orientieren.)

Hochhäuser, Bricks, Werkhallen, eine Unterführung. Die Stadt ist fast menschenleer, auf den Nebenstrassen kaum Verkehr. Plötzlich, weit rechts im Nebel, ragt der Turm von Canary Wharf über die Dächer. Jetzt bin ich irgenwo viel zu weit im Osten. Also biege ich ab, verlasse den Veloweg, finde einen nächsten.

Hochhäuser, Bricks, Werkhallen, eine Unterführung. Ich fahre und der Nebel wird bleigrau und irgendwo ein Licht. Natürlich habe ich kein Licht am Velo. Ich fahre schneller, bald werde ich auf die Themse stossen, vermute ich.

Hochhäuser, Bricks, Werkhallen, eine Unterführung. Der Turm ist noch immer weit rechts, links zeigen Pfeile zur Themse, «Thames Path». Aha, da war ich doch schon mal, als ich nach Greenwich fuhr. Ja, das ist doch die Docklands Railway. Weiter geht es, es wird dunkler, der Turm steht immer noch weit rechts, ein Licht blinkt an seiner Spitze, links zeigen die Pfeile immer noch zur Themse.

Hochhäuser, Bricks, Werkhallen, eine Unterführung. Irgendwann habe ich das komische Gefühl, schon mal da durchgekommen zu sein, vielleicht bin ich im Nebel sogar schon ganz rund um den Turm gefahren, also immer im Kreis, wie damals im Etzlital, als wir einen Pass überschreiten wollten, und schliesslich wieder bei der Treschhütte anlangten, wo wir übernachtet hatten. Allmählich beginnt mich eine Art Panik zu ergreifen, verirrt in der Stadt, das darf ja nicht wahr sein. Das ist die Strafe für das preisgünstige und etwas anrüchige und wunderbare Velo. Eine Polizeisperre, Ende des Velostreifens, ich biege in eine Betonunterführung, tauche irgendwo wieder auf.

Hochhäuser, Bricks, Werkhallen, eine Unterführung. Der Turm steht wieder unendlich weit rechts, links geht es zur Themse und ein Pfeil zeigt Greenwich. Dann bin ich also erst an der Sündspitze der Isle of Dogs und vielleicht gar schon zweimal rundherumgefahren, vielleicht auch nicht. Die Stadt ist so gross und so gleichförmig.

Hochhäuser, Bricks, Werkhallen, eine Unterführung. Beim Einnachten sehe ich endlich Wasser, sehe die Themse, es ist Flut, das Wasser liegt träg, eine jüdische Familie spaziert einsam auf dem Gehweg am Ufer. Wo ich vor zwei Monaten einen alten Mann getroffen habe, ist aus dem Nichts ein mächtiges Betongerippe gewachsen, ein Shoppingcenter kündet eine Tafel. Dann bin ich zuhause, schweissnass und glücklich.

Wenn es ein Londoner Velonetz gibt, muss es auch eine Karte geben, das ist ein logischer Schluss. Die Dame im Touristenbüro hat zwar noch nie davon gehört, aber sie hebt, welch freudiges Ereignis, ihr Allerwertestes, fragt ihre Kolleginnen und in der Tat, es gibt sie, die Karte, den Atlas der neuentdeckten Welt und dazu eine Broschüre. 1’200 Meilen soll das Londoner Cycle Network im Jahr 2000 umfassen, ich werde sie nicht alle abfahren, aber einige.

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