Lond-on-line 9.3.

Paranoia packt mich, als ich ins Schlafzimmer im Parterre
trete. Dreimal klopft es an die Glastür zum Hinterhof, laut und deutlich,
und ich rufe: «Hallo, was ist?» Deutsch, denn die Angst wirft
mich in die Muttersprache. Der Vorhang ist gezogen, draussen Nacht, der
schmale Hof ist von einer hohen Mauer umgeben, wir sind eingemauert und
eingegittert wie alle Menschen hier, «verschlossen und verriegelt»
wie ein Krimititel lautet, doch nach Krimi ist mir nicht zumute. Jetzt findet
er live statt. Hinter der Mauer liegt ein verwildertes Grundstück,
Niemandsland voller Gerümpel, da hat sich einer angeschlichen, ist
über die Mauer geklettert, klopft. Wenn ich den Vorhang ziehe, was
dann? Da ist noch das Gitter, die Scheibe, Peanuts für einen Verrückten
mit einem Brecheisen.

Ich steige langsam in den oberen Stock, setze mich hin, atme tief. Was tun?
Ich weiss nicht einmal die Nummer der Polizei, blättere hastig durchs
Telefonbuch, für alle Fälle, doch da finde ich sie nicht, auch
nicht in den Unterlagen der Stiftung. Ich horche lange, höre das Knacken
der Heizung und ein leises Scheppern im unteren Stock. Der Briefkastendeckel
vielleicht, wenn ein Auto vorüberfährt. Ich trete vorn aus dem
Haus aufs Trottoir, schaue zu den andern Wohnungen hinauf. Kein Licht, nichts,
seit einer Woche bin ich allein hier. Drüben im Atelier ist schon zweimal
eingebrochen worden.

Ich schliesse, auch die Gittertür, die ich sonst nie schliesse. Dann
kratze ich allen Mut zusammen, öffne die Zimmertür. Wieder klopft
es dreimal, dreimal laut und deutlich.
Ich werde oben übernachten, denke ich, als ich auf dem Fouton, der
als Sofa dient, zur Ruhe komme. Ausgerechnet heute habe ich im «Independent»
die Geschichte von Antony Smith gelesen, einem 24jährigen paranoiden
Schizophrenen, der nach einem Streit seine Mutter Gwendoline mit 43 Stichen
eines 12-Inch Bowiemessers erstach und darnach seinen elfjährigen Bruder
David, der seiner Mutter helfen wollte, mit 25 Stichen niedermetzelte, dann
beide Opfer mit einer Eisenstange traktierte. «Ich bedaure, David,
ich liebe dich», schrieb er auf einen Zettel und heftete ihn an die
Leiche. Dann stellte er sich der Polizei mit dem einzigen Kommentar: «Es
war unvermeidbar.»

Ich klettere auf die Küchenkombination, öffne sacht ein Oberlicht,
versuche so gut es geht in den Hof hinabzuschauen. Nichts, obwohl ich nicht
alles sehen kann, in der Häuserreihe jenseits der Mauer läuft
in einer Wohnung ein Fernseher, unendlich weit weg. Noch nie habe ich mich
so allein und verlassen gefühlt. East End, Ende der Welt. Es gibt Londoner,
die nicht hier herauskommen, Jack the Ripper, der Massenmörder, ist
eine der wenigen touristischen Attraktionen, die hier vermarktet werden.
Es gibt Jack the Ripper Walks, nachts, ein «Ripper Museum» im
Pub «The Ten Bells», und irgendwo eine Art Ripper-Geisterbahn.
Danke vielmals, ich kann mir den Eintritt sparen.
Und wieder sitze ich und atme tief und beruhige mich wieder und denke an
jenen Nachmittag, als ich allein in der Garschinahütte sass, ein Nebeltag,
und plötzlich klopfte es an die Tür, laut und deutlich und drei
Mal.

Vielleicht gibt es Geister, die einen ein Leben lang verfolgen, ins Räthikon
oder ins East End von London. Vielleicht gibt es wirklich diese Signale
aus dem Jenseits, diese Nachrichten aus dem Schattenreich, und jetzt ist
es wieder Zeit.

Oder es ist doch einer der 5000 psychisch kranken Menschen, die keinen angepassten
Pflegplatz in der Psychiatrie finden, wie Stephen Dorrell, Staatssekretär
für das Gesundheitswesen, bekanntgab, es fehlen 400 Millionen Pfund
um die Einrichtungen zu schaffen und 250 Millionen um sie zu betreiben.
Ist England wohl deshalb das Land der Rippers, Leuten wie Anthony Smiths
oder des Yorkshire Rippers oder der Wests, die junge Frauen zutode quälten
und in ihrem Garten vergruben? Mackie Messer ist ja wirklich nur auf der
Bühne lustig.

Damals in der Garschinahütte war es eine Bergdohle, die auf die Schwelle
pickte. Und diesmal ist es das Eisengitter, das mich vor Einbrechern und
Paranoiden schützen soll, und das beim Öffnen der Zimmertür
durch den Luftzug ins Wackeln gerät und dreimal ein deutliches Klopfgeräusch
verursacht. Beim dritten Versuch, mit ausgeschaltetem Licht, geduckt schleichend
und das Militärmesser in der Hand, klopfte es nur noch einmal. Der
mutige Schweizer Soldat zieht den Vorhang und starrt ins schwarze Nichts
und sieht darin sein eigenes Gesicht. Dann klingelt das Telefon, die Angst
fliegt weg, so wie sie mich gepackt hat.

In der Nacht geht in der Nähe des Earls Court Exhibition Center im
West End in einem Abfallkübel wieder eine Bombe hoch, amateurhaft gebastelt,
keine Opfer. Vielleicht ein IRA-Terrorist, vielleicht ein paranoider Schizophrener
oder beides zugleich.

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