Regen fällt. Nicht nur draussen, sondern auch im Manuskript,
das ich bearbeite. Grau wölbt sich der Himmel und ich bin nicht in
East London, sondern in Linthal, am Ende der Welt, und man schreibt das
Jahr 1930. So sehe ich mit meinem inneren Auge den Regen und draussen rieselt
er gegen die Scheiben. Eine Bengalin in blauem Schleier geht vorbei mit
einem Buben an der Hand, den sie in den Kindergarten bringt, auf dem Balkon
gegenüber steht ein Pakistani, ganz in Weiss, mit weissem Bart und
einem weissen Hut, wie ihn Muslime tragen. Nehme ich jedenfalls an, ich
weiss es aber nicht. Ich weiss, dass es im Herbst des Jahres 1930 unablässig
regnete und sich die Bergsturzgefahr am Kilchenstock bei Linthal so dramatisch
zuspitzte, dass man einen Dorfteil mit Militär evaquieren musste.
So weiss ich noch wenig über die reale Welt rund um mich, die ich nun
täglich sehe, höre, rieche, und ich weiss viel über die Welt
im Glarner Hinterland zur Zeit der Wirtschaftskrise, als ich noch gar nicht
lebte. Ich bin sozusagen im «Wald der Fiktionen verirrt», wie
Umberto Eco sagen würde, glaube ich wenigstens. Denn er weist nach,
in einem faszinierenden Buch, dass Fiktion stets mit Realität verknüpft
ist, dass es keine reine Fiktion gibt, sondern nur ein Mehr oder Weniger.
Der Kilchenstock wird viel Realität enthalten, aber auch dort muss
ich eine Grenze ziehen, ich weiss, dass es an einem bestimmten Tag regnete,
aber ich weiss nicht, ob Pfarrer Frey wirklich zum Berg hinaufschaute, eine
Brissago anzündete und sagte: «Wenn es nur endlich aufhören
würde zu regnen.» Nein, ich weiss, dass er das ganz gewiss nicht
sagte, aber ich schreibe es trotzdem hin, denn was soll ich sonst schreiben?
Eine Geschichte muss ja erzählt sein, sie kann nicht nur aus einer
Ansammlung von Fakten bestehen, die zwar vielleicht wahr sind, aber in keinem
Zusammenhang stehen.
Also ist eigentlich alles Geschriebene Fiktion, mehr oder weniger eben.
Ich könnte ja schreiben, dass da drüben jetzt ein Mann einen runden
Abfallcontainer auf den Gehsteig schiebt, heute, den 9. Februar 1996 an
der Smithy Street in East London. Das wäre zwar näher an der Wirklichkeit
als mein Pfarrer Frey, der zwar wirklich Brissago rauchte, aber es ist die
Wirklichkeit auch nicht, denn jetzt, wo ich dies schreibe, ist es 19 Uhr
47, falls meine Uhr richtig geht, draussen ist es dunkel, es regnet immer
noch und ich höre zum Schreiben Jazz.
Schreiben ist also immer ein Beschreiben innerer Bilder, denn wer schreibt
schon das, was er gerade sieht. Im Laptop-Zeitalter schon gar nicht mehr.
Kaspar Freuler, der Glarner Schriftsteller, der in meinem Buch auch auftritt,
schon eher, denn er konnte perfekt stenografieren und schrieb unablässig
in sein Notizbuch. Jedenfalls stelle ich ihn so dar, aber dass er stenografieren
konnte, ist wahr, oder dann hat Georg Thürer, sein Biograf, gelogen,
das kommt ja auch vor. Es ist also relativ kompliziert mit der Realität
und der Fiktion.
Ich mache mir einen Kaffee – jetzt bin ich wieder am heutigen Morgen, Pfarrer
Frey hat eben gerade auch einen getrunken, damals im Jahr 1930. Er liebte
Kaffee, auch das ist überliefert. Ich trinke einen Kaffee und streiche
den Regen im Manuksript, denn er stört mich, ich schreibe einfach zuviel
Wetter, das ist eine Marotte. Auch Text ist eine Realität. Draussen
regnet es weiter.
Nachtrag: Bevor ich diesen Text geschrieben habe, während ich am Internet
Mail beantwortete, gab es draussen eine gewaltige Explosion, die Scheiben
zitterten. Erst jetzt, in den Neunuhrnachrichten auf BBC Channel 1 höre
ich, dass es eine Bombe der IRA war, die in den Docklands, in der Tiefgarage
eines Bürohochhauses am South Quai der Canary Wharf, 2km von hier,
hochgegangen ist und etwa hundert Menschen verletzt hat, unzählige
Scheiben splitterten. Zwei junge Männer sind tot. Damit schliesst die
IRA den 18monatigen Waffenstillstand ab, der Friedensprozess ist gescheitert.
Die Realität draussen ist in kurzer Zeit schon wieder in Fiktion am
Bildschirm umgeschlagen. Vom Knall erfahre ich nichts, vom Fernsehen alles.
Und jetzt, am andern Morgen, lese ich die Geschichte auch schon im Tages
Anzeiger, via Internet von Zürich nach London geliefert.