Shannon gehört der Arsch versohlt, liest Peter im Magazin des Tages Anzeigers vom 9. März, das er zur Fussball-Europameisterschaft nach London mitgenommen hat. Reportagen aus England war das Thema, man muss sich doch ein bisschen weiterbilden, wenn man schon ins Ausland fährt. Er liegt im Hotelzimmer auf dem Bett, Ruedi steht am Fenster und raucht. Das Spiel Schweiz-England war nicht besonders, 1:1 unentschieden, für die Schweiz kein grosser Wurf, für die Gastgeber eine böse Schlappe. Wie soll man sich den Abend um die Ohren schlagen, das ist jetzt die Frage.
«Was liest Du da eigentlich?» fragt Ruedi.
«Schau dir mal die Girls an», gibt Peter zurück und hält Ruedi das Magazin hin. Eine junge Frau sitzt im schwarzen Unterrock auf einem schäbigen Bett, den Kopf etwas schief, die dunklen Haare fotogen zerzaust.
«Wie findest Du Shannon?»
Ruedi schnalzt mit der Zunge, hält das Magazin ans Licht und blättert darin.
In London hängen, so erklärt Peter, die Huren ihre Telefonnummern auf Karten in die Telefonkabinen. Das habe er jetzt gerade im Magi gelesen. Tausende gebe es in der Stadt, so 40 Pfund koste die Sitzung. Eine englische Journalistin habe vier der Mädchen interviewt. «Und hier sind auch noch ihre Karten abgebildet, schau: Shannon, Sophie, Zoe und Lianne. Samt Telefon und allem.»
«Sowas nennt man heute Leserservice», grinst Ruedi. «Also? Welcher rufen wir an? Hast du schon eine ausgesucht?»
«Du glaubst doch nicht etwa, der Tagi veröffentliche die richtigen Telefonnummern…»
Ruedi nimmt einen Zug, wirft den Zigarettenstummel aus dem Fenster. Schwül ist der Abend, das Hemd klebt. «Warum nicht. Probieren geht über studieren.» Er geht zum Telefon.
«Also das wäre ja… Kannst du englisch?»
«Wir können ja wieder aufhängen», sagt Ruedi. Ein bisschen mulmig ist ihm schon im Magen, als er die Nummer wählt, die im Magazin abgedruckt ist, unter dem Bild der jungen Dame und dem Text ‚Shannon, late for School, needs her bottom spanked‘.
«Halloooo», meldet sich eine Frauenstimme.
Ruedi erschrickt. «Da ist jemand», presst er hervor. «Was soll ich sagen…»
«May I help you…», flötet es in sein Ohr.
«Frag, ob Shannon da ist», flüstert Peter, sitzt plötzlich kerzengerade auf dem Bett.
«Aehem… is Shannon there….», stottert Ruedi.
«I am sorry, Shannon is not in today, but we have Dolores here, a very pretty Brazilian girl, 19 jears old, very busty, very kind…» Den Rest versteht Ruedi nicht mehr so recht.
«Frag nach der Adresse», zischt Peter.
«Gib mir etwas zum Schreiben, verdammt nochmal.»
Peter holt den Hotelblock und den Kugelschreiber vom Tisch.
«I beg your pardon… Spell please…» radebrecht Ruedi derweil. Der Schweiss rinnt ihm übers Gesicht. Nach ein paar Minuten hängt er auf, der Block ist vollgeritzelt. Er steckt sich entnervt eine Zigarette in den Mund, Peter gibt ihm Feuer. «Gut gemacht. Ich wusste gar nicht, dass du so gut englisch kannst.»
«Und nun?», fragt Ruedi.
Peter dreht den Zettel in der Hand. «Das gibts ja gar nicht», sagt er. «Den Tagi könnte man einklagen.»
«Warum?»
«Wegen Kuppelei! Die veröffentlichen doch voll die Telefonnummern von Londoner Callgirls, samt Foto, wie im Versandhaus.»
«Du meinst, der Magazinredaktion gehört auch der Arsch versohlt, nicht nur Shannon…» Ruedi reisst Peter den Zettel aus der Hand.
«Und dann noch Dolores aus Brasilien. Wo der Tagi immer gegen die Ausbeutung von Drittweltfrauen schreibt. Das Magazin war einmal eine kritische Zeitschrift… Oder was meinst du?»
Ruedi wischt sich über die Stirn. «Vergiss doch die Moral… Very busty… Weisst Du, was das heisst?»
«Keine Ahnung. Du bist der Dolmetscher.»
«Das müssen wir vor Ort recherchieren, komm…»