Lond-on-line 8.5.

Hier lag einst London, das heisst, die Kalksteine, aus
denen Paläste und Kirchen gefügt wurden, lagen auf der Halbinsel
Portland, von 1700 an bis in die fünfziger Jahre haben Steinbrecher
der Königlichen Steinbrüche die Felsen geplündert und verschifft,
um andernorts Kultur zu errichten. Allein für die St. Pauls Kathedrale
haben sie 65’000 Tonnen Quadern abgeschleppt, die hier in bequemen, horizontalen
Schichten zutage liegen. Noch immer türmen sich enorme Blöcke
zuhauf, die Weidemauern sind aus Kalkstein und die schmalen, zu Reihen gedrängten
Häuschen, viele mit dem Schild «for sale». Die Arbeiter sind
Kellner geworden an der touristisch erschlossenen Küste oder abgewandert.

Eine weisse Möve mit schwarzen Flügelspitzen segelt ins Blau,
ein paar Meter über mir, schaut interessiert zu, wie ich mich an winzigen
weissgekalkten Griffen an der senkrechten Klippe abmühe, sie lacht
mich aus, kippt in den Wind. Weit atmet das Meer. Ich klinke einen Sicherungshaken,
schüttle die Hände, raste, klettere weiter. Der Kalk ist gelblich,
rauh, manchmal etwas brüchig, von schwarzen schieferartigen Bändern
durchzogen. Eines der wenigen Klettergebiete Englands, wo die fix angebrachten
Sicherungen, die «Bolts», nicht geächtet sind. Die rostfreien
«Stalpes», grossen Bostitches ähnlich, werden mit Araldit
in die Bohrlöcher geklebt. Es ist halt steil hier, die Risse schmal
und stumpf, wenig Möglichkeit für «natural protection».

Schon der britische Alpinist Tyndall, einer der Erschliesser der Alpen,
schrieb 1869: «Diese Klippen vermitteln mir sensationelle Risiken,
da gibt es Orte, so gefährlich wie alles in den Alpen.» Hier kletterten
in viktorianischer Zeit auch so Monumente wie Mummery oder Whymper, der
Erstbesteiger des Matterhorns. Die Bohrhaken vermindern heute das Risiko,
aber die Abstände sind weit, so dass mein um 20 Jahre jüngerer
Freund hie und da mit weichen Knien umkehren muss, was ihn ein bisschen
ärgert. Ungefährlich ist es nicht. Ein Local, Verkäufer im
Kletterladen in Portland, ist vor ein paar Tagen auf den Boden gestürzt
aus zehn Meter Höhe, hat glücklich überlebt.

«Denkst du beim Klettern ans Klettern oder ans Fallen?» fragt
mich Alan.
«Meist ans Klettern.» Wer zögert in dieser senkrechten Welt
der prekären Griffe und Tritte, hat das Spiel schon verloren. «Du
hast beim Devisenhandel ja auch an den Gewinn gedacht und nicht an den Verlust»,
sage ich. Und ich klettere, die Nerven gestählt durch die Erfahrung
und die Muskeln gehärtet durchs Training, so schwer wie noch nie. Das
heisst, wenn ich den Schwierigeitsangaben im Führer glauben darf. Die
Engländer haben auch hier, wie überall, ihr eigenes, undurchschaubares
Bewertungssystem, mit diversen Zahlen und Buchstaben. Es sind auch französische
Codes angegeben, und so habe ich ein ungefähres Mass. Denn Klettern
heisst ja, sich messen. Ohne die Zahl ist die Wand nicht, was sie ist.

Am Abend dann Bier an der Bar im «The Royal Victoria Lodge Hotel»,
das gerade in Renovation ist und nach Ölfarbe stinkt. Diverse Bitter
an der Bar. Der Kellner ist auch Kletterer, aber auch noch Taucher, Bademeister,
Surfer, Höhlenforscher und nebenbei am Abschluss seines A-levels, Informatik
will er studieren. Ein Studienfach ist Deutsch, aber er verzichtet, seine
Sprachkunst vorzuführen.

Bed and Breakfast, das gehört zum Ausflug in die englische Landschaft
wie das Amen zur Kirche. Das Bed ist weich, von Rüschen umrankt, blumengemustert,
eher für eine Kurtisane gedacht als für einen harten Burschen.
Auf dem Sims der Kaminatrappe stehen Plastikblumen, an den Wänden hangen
süsse Bildchen von herzigen Mädchen mit putzigen Hundchen, die
elektrische Pendulenatrappe schwingt ihr Pendel, aber aufs Ticken verzichtet
sie, die neue Duschkabine ist bereits defekt. Doch süss schlummern
wir Helden nach unseren mutigen Taten in diesem Museum des schlechten Geschmackes.

Das Breakfast ist schwer, Spiegeleier, Schinken, Schweinswürste, Chips,
Tomate, Toast, Butter, Konfitüre. Nicht das richtige Frühstück
für Sportler, aber sehr englisch.

Zurück zu Lond-on-line Verzeichnis