LOND-ON-LINE 8.4.

Der Poet war zwölf, als er starb, sein Blick auf dem Bild in der Zeitung scheint schon im Jenseits zu ruhen, die Doppelseite aus dem Quartierblatt «East End Life» hängt an der Wand, ein Video läuft, eine Tür, deren Schloss kaputt ist, schlägt, leise weint eine Frau. Gross und leer ist der Saal in der Toynbee Hall an der Commercial Street, die leisen Stimmen hallen von den Wänden, Tablaklänge aus dem Video, eine Wasserspülung geht irgendwo, die Frau, ganz in Weiss, schneuzt sich schüchtern, sie ist die Mutter. Shumon Momen war zwölf, als er starb, ein Pfadfinder, ein Schachspieler, ein Sprinter, ein fleissiger Schüler der Illford Grammar School, ein lieber Sohn und Bruder, ein Bengali, ein Poet. «Siebzig Gedichte hat er geschrieben», sagt sein Vater. Die Eltern haben siebenundzwanzig zu einem schönen Buch zusammengestellt, die Gedichte Englisch, wie sie Shumon geschrieben hat, und übersetzt ins Bengalische, eines von Taslima Nasreem. Shumon Momen Publications, London, Dacca.

Auch wenn ich jetzt Englisch spreche
Bengali ist meine Muttersprache

Der Boden ist schmutzig, auf einem Sims stehen Pappbecher, ein Vorhang hängt schief. Shumon schaut an uns vorbei, sei Blick ruht im Jenseits, wo er jetzt weilt, er trägt einen kaffeebraunen Kittel, ein weisses Hemd, eine Krawatte, seine Haare sind kurz und schwarz wie die Augen. Nilufar, die starke weissgekleidete Frau, erzählt, drei Konzerte habe man gegeben im Andenken an den Sohn, das Geld werde nach Bangaladesh überwiesen, ebenso wie der Erlös des Buches, das Schüler von der Buxton Junior School illustriert haben, wo sie unterrichtet. The Shumon Momen Foundation unterstützt Projekte wie die «School Under The Sky», eine Schule im Freien für die Kinder von Plantagenarbeitern. Geld wird gespendet für Kinderbücher in Bengali und für die Leukämieforschung. Shumon hat mit zwölf den Kampf gegen die Krankheit verloren, zwei Preise in Poesiewettbewerben hatte er gewonnen.

Mein Vater ist wie ein Trampolin
sehr sehr sauber
er ist wie die Nacht
wenn alles ruht

Man wolle nochmals drei Bücher mit Shumons Gedichten herausgeben, sagt der Vater, ein solider Herr in Anzug und Krawatte, das Video wurde in Dacca aufgenommen, bei der Buchpremiere im Nationalmuseum. Der Schmerz der Eltern wird zur Brücke zwischen hier und dort, zwischen den Kulturen.

Als der Schöpfer an seine Schöpfung dachte
machte er Adam und Eva als Tochter und Sohn
Er machte die Erde
Wo lebten Adam und Eva ­ in New York oder Perth?

Vielleicht lebten Eva und Adam in Bangaladesh oder im East End, jedenfalls vertrieben aus dem Paradies. Der Poet weiss es.
Sharafat Ibn Momen alias Shumon starb am 24. Februar 1992 um 8.30 Uhr abends im Hammersmith Hospital.

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