In Oxford, in einer der grössten Buchhandlungen der Welt, bei
Blackwell im «Norrington Room» im Souterrain, welcher nach dem
Guiness Buch der Rekorde der grösste Ausstellungsraum für Bücher
der Welt ist, also verloren in diesem Meer von 160’000 Werken von Homer
bis Bill Gates, überfällt mich der altbekannte Buchhandlungs-
und Bibliothekenkoller, nämlich: Es hat doch keinen Sinn mehr, dieser
Unendlichkeit von Text ein weiteres Tröpfchen beizufügen, jedes
Wort ist schon geschrieben, jeder Gedanke schon in einen Satz gestanzt.
Dabei sieht Blackwell von aussen so unscheinbar aus wie vieles in dem herausgepützelten
und von Touristen heimgesuchten Oxford: Vier Schaufenster an der Broad Street,
genau dort, wo Benjamin Henry Blackwell am 1. Januar 1879 einen winzigen
Shop eröffnet hat, in der Nähe der Bodleian Library und inmitten
der berühmten Colleges Trinity, Balliol, Exeter, Hertford und Waldham.
Namen, die man von noch berühmteren Abgängern her kennt, Lewis
Carroll vielleicht, der Don am Christ Church College war und Lecturer für
Mathematik an der Universität. Am University College hat 1968 hat auch
ein gewisser Bill Clinton studiert, sich vor seinem Militärdienst in
Vietnam gedrückt und Hasch geraucht. (Fast hätte ihm das akademische
Jahr die Präsidentschaft gekostet.)
Auch heute treiben die Studenten noch manchen Unfug, springen nackt von
Brücken, klettern auf Dächer und Denkmäler und einige haben
ihr Leben dann im Rollstuhl beendet, statt als «Fellow» eines
Colleges.
Mein kompetenter Begleiter, Zeit-Redaktor Klemens Polatschek, der am Green
College (gestiftet von Dr. Cecil Green, Mitgründer von Texas Instruments)
ein internationales Journalistikseminar besucht (gesponsort von der Reuter
Foundation) überlässt mich eine Weile den Büchern und meinem
Buchkoller. Ich fliehe in ein Kaffeehaus und versuche, ein weniges des Gesehenen
und Gehörten in mein Notizbüchlein zu schreiben, aber mein Kugelschreiber
streikt, ich werde auch abgelenkt durch einen deutschen «Fellow»,
der den Zeigefinger hebt über seinem Tee und vor seinem ebenfalls deutschen
und weiblichen Gegenüber mit hektisch zuckenden Backenknochen seinen
Frust über das erste «Tutorial» ausbreitet. (Bevor er sie
dann zum Nachtessen einladen will, das heisst sozusagen ins Bett, aber die
Geschichte übergehe ich jetzt).
Also die «Colleges» sind die ökonomische, didaktische und
seelsorgerische Basis der Universitätsstadt, die Mitte des 12. Jahrhunderts
von Heinrich II gegründet worden ist. Was wie Kathedrahlen aussieht,
manchmal auch wie eine Kopie des Dogenpalastes in Venedig, sind die Kirchen,
meist aus gelbem Kalkstein gebaut, die zu den traditionellen Colleges gehören.
Die älteste die Christ Church Cathedral mit dem ältesten Glockenturm
Englands und wundervollen Glasfenstern, das College ist mit 540 Studenten
das grösste, und es bewahrt auch Lewis Carrols Manuskript «Alice
im Wunderland» auf. In einem College wohnen und speisen die Studenten,
betreut von den «Fellows», akademischen Lernbegleitern, welche
die «Tutorials» leiten, eine Art Übungsstunden, und die Boys,
heute auch Girls, Papers schreiben lassen. Ursprung des Colleges ist eigentlich
die mittelalterliche Klosterschule, und wenn mich mein Gefühl nicht
trügt, sind die Unterrichtsmethoden auch heute noch entsprechend.
Mein teetrinkender Oberlehrer spricht denn auch immer vom «Text»,
mit dem, über den, durch den, aus dem undsoweiter. Und er betont die
Wörter so, wie wir Schweizer das eben nie können und deshalb so
gerne hören, und ich beobachte ganz garstig fies, wie ungeschickt er
sich seiner Begleiterin nähert, trinke einen Cappuccino und esse eine
Apple pie. Und freue mich bübisch, dass es dem Deutschen in seinen
Tutorials offenbar nicht gelingt, eine fundamentale Diskussion über
den «Text» zu führen, sondern dass die Studenten nur hören
und brav aufschreiben wollen. «Schade», sagt er. Und ich finde
es schade, das mein Kugelschreiber (ein Geschenk der deutschen Telekom!)
gerade jetzt den Geist aufgibt, sonst hätte ich mir noch mehr notiert
und es hätte vielleicht die kleine Geschichte einer verschmähten
Liebe gegeben.
So halte ich mich also an die Fakten. In Oxford gibt es heute etwa 10’000
«Undergraduates», das sind Studenten vor dem ersten Abschluss,
dem «Bachelors degree», nach drei Studienjahren, und es gibt etwa
4’000 «Graduates», die zum eigentlichen Abschluss, dem «Masters
degree» weiterstudieren. (Voraussetzung fürs Studium ist der «A-Level»,
was unserer Matura entspricht). Eine zentrale Universität gibt es übrigens
nicht, die Lehrveranstaltungen der «Oxford University» finden
über die ganze Stadt verstreut statt, teils in den Colleges, denn die
Fellows sind meist auch noch Universitätsdozenten. Es ist ein über
Jahrhunderte gewachsenes, verwachsenes und vernetztes Gebilde von Lehren
und Lernen, das, gemäss meinem Begleiter, von den Kassieren der Colleges
im Hintergrund gesteuert wird. Die «Pursars» sind die grauen Eminenzen
von Oxford, einige Colleges sind sehr reich, haben Grundbesitz und werden
von Sponsoren unterstützt: Gerade gibt es eine Diskussion über
einen Lehrstuhl für Europäisches Denken, für den Dr. Gert-Rudolf
Flick dem Balliol College jährlich 350’000 Pfund offeriert, gewisse
Moralapostel, etwa der Philosoph David Selbourne, haben protestiert, denn
Flicks Vater wurde in Nürnberg als Naziverbrecher verurteilt, doch
das Ethik-Komitee der Oxford University hat akzeptiert.
Labyrinthisch wie die Organisation ist auch die Architektur der Colleges:
Höfe, Torbögen, Kreuzgänge, irgendwo ein Pförtner, ein
Garten, ein Gehege mit Rehen, eine Hintergasse, da liegt doch tatsächlich
ein geplatzter Abfallsack, also ich schwöre, der einzige den in ganz
Oxford gesehen habe, und blutige Tampons liegen auf den uralten Granitfliesen
verstreut: Ein Studentenscherz, wollen wir hoffen.
Oxford war natürlich zutiefst in die mittelalterlichen Religions- und
Adelswirren verstrickt, ein College war reformiert, das andere altgläubig,
Bischöfe wurden geköpft, irgenwann setzte sich eine Gruppe nach
Cambridge ab und gründete die dortige Universität, die uralte
Feinschaft wird heute bekannterweise beim Rudern aufgewärmt.
Das alte Bildungssystem geriet durch Aufklärung und Industrialisierung
anfangs des letzten Jahrhunderts in die Krise, denn welche Lehrinstitution
konnte sich schon aus eigener Kraft den Erfordernissen einer sich wandelnden
Gesellschaft anpassen? Während schon Dampfmaschinen stampften und automatische
Spinn- und Webmaschinen ratterten und Charles Babbage, ein Cambridger Mathematiker
und Ökonom, seine Difference Engine baute und vom programmierten Rechnen
phantasierte, büffelte man in Oxford noch alte Sprachen und zählte
die Anzahl der streng ritualisierten Dinners, an denen die Studenten teilnehmen
mussten (man zählt scheins da und dort heute noch). Konkurrenz erwuchs
dann durch die 1826 gegründete London University und sogenannte «Redbrick
Universitys» in andern Städten, das Bildungsmonopol von Oxford
und Cambridge wurde notgedrungen gebrochen.
Etwas erholt vom Cappuccino kehre ich nochmals zu Blackwells zurück,
dessen enorme Buchverkaufshalle übrigens unterirdisch unter das Trinity
College gegraben wurde, zum Dank bekam sie den Namen des damaligen Präsidenten.
Was macht man nicht alles für die Unsterblichkeit einerseits, für
das Geschäft andererseits? Denn Blackwell wuchs vom winzigen Shop zum
Weltkonzern und zum Verlag, der als erster Aldous Huxley und J.R.R. Tolkien
verlegte, und kürzlich siginerte in der Halle eine Jungautorin namens
Margret Thatcher ihr erstes Buch. Unterirdisch hat sich auch die Bodleian
Library über mehrere Gebäude vernetzt, die sich bei der Gründung
1602 das Recht ergatterte, von jedem in England erscheinenden Buch Freiexemplare
zu erhalten, inzwischen sind 300 Leute mit Verwalten, Umlagern und Abstauben
der sechs Millionen Bände beschäftigt.
Mit meinem Begleiter durfte ich auch auf den Turm des Observatoriums steigen,
in einer Universitätsmensa Fish and Chips essen und zum Schluss am
uralten «New College» ein Literaturseminar besuchen: Gediegener
Raum, goldgefärbte Gipsgirlanden und Ölschinken längst Verstorbener
und vielleicht auch Vergessener an den Wänden und eine mit Silberschmuck
behängte Dozentin, die Satzgirladen ab Blatt las und sich in ihren
Diapositiven ein bisschen verhedderte. Anderthalb Dutzend Hörerinnen
und Hörer und ein Gast, der nicht alles verstand, aber den das Thema
dafür ganz direkt betraf. Es ging nämlich um die Vermarktung klassischer
Literatur in allerneuester Zeit. Grossverlage werfen alte Texte in immer
billigeren Reihen auf den Markt (die neuest zu 60 Pence das Büchlein),
verkaufen hunderttausende, ohne Rechte abgelten zu müssen, während
die Preisbindung im Buchhandel gefallen ist, für die modernen Autoren
also eine Katastrophe. Es ist, wie die Dame sagte, ein Krieg der Wörter,
die mit heutiger Technik beliebig vermehrt werden können, zu geringen
Kosten, man muss nur das uferlose Meer von Text geschickt anzapfen und in
mundgerechte Portionen verpacken, so ein bisschen wie Hamburger. Und weil
es Klassik ist, ist es ja trotzdem etwas «wert», Klassik ist zeitlos.
Nicht wie das teure Geschreibe von uns Zeitgenossen, das eh niemand versteht.
Also nochmals der Hammerschlag: Wozu schreiben?
Aber das hat sich ja wohl Homer auch schon gefragt und auch nicht geahnt,
dass er heute deskgetoppt und lasergeprintet in englischer Übersetzung
über die Welt versprüht wird. Mein Trost ist: Mein Tagebuch ist
jetzt schon auf dem Netz und bereit, mit Laserkanonen in ferne Galaxien
geschossen zu werden, zur Erbauung der kleinen grünen Männlein
– und der violetten Weiblein natürlich auch, denn es ist ja heute der
internationale Frauentag.