Lond-on-line 8.2.

Ein Hauch von Schnee bezuckert am Morge die Strassen, später
bricht die Sonne durch, keine Spur von Londoner Nebel. Zeit, die Umgebung
zu erkunden. East End, hier wohnten Hafenarbeiter, Handwerker und Einwanderer.
Durch die stillen Strassen wandernd, durch neuere Quartiere, sozialer Wohnungsbau,
brauner Backstein, teils unfertig und teils schon wieder verkommen, wundere
ich mich über die wenigen Menschen, denen ich in dieser Grossstadt
begegne.

Nachts ist es noch stiller als in meinem Bergdorf, gelegentlich klingt in
der Ferne eine Sirene. Es scheint hier jeder in seine Wände zurückgezogen
zu leben, Mauern umgeben die Siedlungen, Gitter und Zäune. Alle Sprachen,
Religionen, Rassen und Kulturen der Welt leben hier Wand an Wand. Schwarzverschleierte
Frauen, ihre Augen nur durch schmale Schlitze sichtbar. Männer mit
jeder Art Kopfbedeckung, Turban oder der Hut der orthodoxen Juden. Etwas
Farbe und Bewegung ist nur auf dem Markt bei der U-bahnstation zu beobachten,
da gibt es Geschirr, Kleider, Klopapier. Und gemeinsam strömt die multikulturelle
Gesellschaft in den lokalen Supermarkt Sainsbury, wo es alles gibt wie überall
auf der Welt, verarbeitet, verpackt und abgewogen.

Vielleicht, so denke ich, werden wir Menschen einmal alle gleich sein, dasselbe
tragen, dasselbe essen und via Internet kommunizieren. Aber bis dahin wird
noch eine Weile vergehen, Du und ich werden es nicht mehr erleben.

Unten an der Themse gelegentlich Überreste der alten Docks, Ziehbrücken,
Krane, Schleusen, die Wasserbecken dienen jetzt zum Teil als Motorboothäfen,
um die neue Schickimickiquartiere gebaut worden sind, eine Art Venedig in
Backstein, dazwischen, inmitten von Baustellen und verwilderten Grundstücken,
ein Spielplatz mit vorfabrizierten Spielgeräten, verlassen. Auch hier
ist die Transformation von der Industrie- und Handelsgesellschaft in die
Wohn-, Dienstleistungs- und Freizeigesellschaft im Gang.

Flussaufwärts gegen den Tower wird es touristisch, alte Dreimaster
liegen vor Anker, Hotels sind hochgezogen, dazwischen ein neualter Pub,
Dickens Inn, dahinter spiegelt die Glasfassade des World Trade Centers.
Die Towerbrücke, ein beeindruckendes Spielzeug in Grossformat, gerade
hundert Jahre alt, Dokument einer mechanischen Kultur auch, die damals schon
im Niedergang war. Mit meinen Kindern habe ich dieses Museum einmal besucht
– heute kann ich mir den Eintritt ersparen. Die Sonne scheint, kalt weht
der Wind.

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