Die Engelein brauchen keine Elektronik, rot das eine, mit rotem Haar und schwarzer Schleife, schwarz das andere, mit roter Schleife und blond der Schopf, so wiegen sie sich in den weichen Klängen ihrer Flöten, welche durch die graue Kirche weben, sanft streichen die langen, frisch gefönten Haare über die nackten Schultern und ebenso sanft schwingen die Klänge durch unsere Seelen. Draussen rollt die Hitze über die Stadt, dass der Asphalt schmilzt, drinnen ist es kühl und still, der Verkehrslärm vibriert nur als dumpfes Zittern durch die Mauern, die Flöten spielen Georg Philipp Telemann, Six Duos of 1752, draussen bleibt alles Gegenwärtige und Böse und Hässliche. Ein paar Schritte gegenüber der dumpfe Lärm aus der Taverne «The Ten Bells» mit den nackten exotischen Tänzerinnen, in der Krypta die Alkoholiker, die von der Kirchgemeinde betreut werden. Mittagskonzert in der Christchurch in Spitalfields, der eigenartig spitzen Kirche im East End mit den gewaltigen Säulen aus Portlandstein. Nicolas Hawksmoors Masterpiece, englischer Barock, 1714-29 erbaut.
Die Akustik ist grandios. Zwei Flöten, welche einen gewaltigen Raum füllen, zweihundert Menschen entrücken und beglücken, inmitten des täglichen Chaos der Stadt. Neben mir sitzt ein Angestellter in Anzug und Krawatte, Aktenkoffer neben sich, lauscht versunken. Keine Elekronik, keine Verstärker, keine Lautsprecher, dafür Raum und Ruhe.
Sozusagen das Gegenteil haben wir vor einer Woche erlebt, im Club 606 in Chelsea. Ein Keller mit niedriger Betondecke, mit Leuten vollgestopft, die schwatzten, rauchten, assen. Die Jazzkapelle gab sich Mühe, schaukelte und wippte und blies und drummte und klimperte, aber die Anlage war schlecht eingestellt, der Bandleader rannte immer wieder entnervt zum Mischpult, es pfiff und jaulte, man hörte weder die Sängerin noch das Klavier und vom Bass keine Spur. Nur das Schlagzeug schug uns wie mit Hämmern auf den Kopf, am Nebentisch unterhielt sich eine Gruppe schreiend über nichts, sie brüllten sich ins Ohr, drehten sich nicht zur Kapelle, frassen sich gegenseitig mit den Händen gierig von den Tellern. «Clubbing», nennt man das, die Massen strömen hin, wer nicht bucht, bekommt keinen Platz.