Eigentlich sollte ich Gedichte schreiben, Dr. Felix Post hat im «British Journal of Psychiatry» eine Untersuchung publiziert, in der er die Biografien von hundert bekannten angelsächsischen Autoren untersucht. Poeten leiden weniger als Prosaschreiber oder Dramatiker unter Depressionen, Alkoholismus, Persönlichkeitsveränderung und sexuellen Problemen. Poesie ist gesund! Post hat auch herausgefunden, dass Poeten länger leben, 74 Prozent waren über siebzig, als sie starben, von den Dramatikern bloss 38 Prozent und von den Romanciers nur noch 24. Ich stehe also statistisch schon mit einem Bein im Grab.
Allerdings bin ich etwas untypisch, und das lässt doch wieder hoffen. Ich bin glücklich verheiratet, obwohl kein Poet, die haben nämlich im Schnitt am wenigsten Eheprobleme aller Schreibenden: nur 26 Prozent zerbrochene oder problematische Ehen, Dramatiker halten die Spitze mit 70 Prozent. Man weiss ja, die Schauspielerinnen… Beweis? Über 40 Prozent der Theaterautoren sind Frauenhelden, Poeten sind mit 14 Prozent Seitensprunganteil sehr treu, während ich mir 20 Prozent erlauben darf, um zum Durchschnitt zu gehören. Nein, natürlich gehöre ich zu dem Drittel der Autoren mit glücklicher Ehe.
Warum haben’s denn die Poeten besser auf Erden, obwohl man ja weiss, dass Poesie sozusagen zu Gotteslohn gedichtet wird? Sie seien, so postuliert Dr. Post, «weniger antisozial und narzistisch» als wir Prosaisten. Da sich der Dramatiker oder Romancier mehr in seine Figuren einfühlen muss, in ihre Rolle steigen, ihren Charakter annehmen, gerate er in immer grössere innere Unruhe. Poeten dagegen seien eher «Kenner der Sprache als der Charaktere». Metaphern sind also gesünder als Geschichten. Und weil Poesie so gesund ist, so will ich doch auch einmal ein Gedicht versuchen, aus rein therapeutischen Gründen:
Whitechapel
Die weisse Kapelle
habe ich nie gefunden
auch nicht gesucht
gegraben
nach Wunden
Alle Völker der Welt
sind hier vereint
und doch ist jeder einsam
einmal
habe ich geweint
Geschichte auf Schritt und Tritt
Jack the Ripper hat den Tod gebracht
manchmal wandert sein Schatten
ruhelos
durch die Nacht
Der Elefantenmann Joseph Merrick
das Gesicht zerfurcht und entstellt
lebte dort wo jetzt die Tube fährt
unglücklich
der Neugier ausgestellt
Eleanor Marx, schönes Kind
auf das Wort deines Vaters eingeschworen
hast du hier gekämpft
geliebt
und dein Glück verloren
Hier ist die Mitte der Welt
und der Ursprung der Zeit
die fliesst wie die Themse
träg
wortlos und weit