Eine halbe Million Wörter umfasst die englische Sprache, der Fremde möchte daran verzweifeln, doch auch Shakespeare kannte nur etwa die Hälfte, das lässt wieder etwas hoffen. Allerdings gab es zu seiner Zeit auch noch nicht so viel zu benennen, die Welt war noch einfacher gebaut. Noch mehr Hoffnung weckt die Tatsache, dass zehntausend Wörter über neunzig Prozent der Alltagssprache ausmachen, das sind wohl ungefähr jene, welche der Fremde in den vierzig Jahren seit dem ersten Englischkurs in der Sekundarschule gelernt hat. Das heisst, er kann sich eigentlich recht gut verständigen, telefonieren, Zeitung lesen, sich unterhalten. Bei der Zeitungslektüre ist ihm vor allem eine Häufung der Wörter «threaten» und «reveal» aufgefallen, er musste sie nachschlagen. Klar, wir leben in einer Zeit, in der unablässig «bedroht» und dann wieder von den Medien «enthüllt» wird.
69 Wörter machen fünfzig Prozent der Sprache aus und die 10 Wörter «the, of, a, to, in, and, it, that, ist, I» fünfundzwanzig. Diese grammatischen Wörter, die Präpositionen, Konjunktionen, Pronomen sind das Gerippe, das stützt, aber nichts aussagt, die halbe Million lexikalischer Wörter ist das Fleisch. (Das Wort Beef löst im Kino übriges jedesmal schallendes Gelächter aus).
Winston Churchill, der eine Liebe für alte und kurze Wörter hatte, unterstützte die Idee des «Basic English», einer Untermenge der Sprache, welche 850 Wörter umfasst, mit denen alles gesagt werden kann, was gesagt werden muss. Selbst ein Neues Testament gibt es in Basic English, nur keine Lehrer, denn für einen Englischsprechenden würde das ja heissen, Wörter wieder zu «entlernen». Trotzdem kaufte die Krone 1947 das Copyrigth von Basic English für 23’000 Pound, was für die Windsors natürlich geade ein besseres Trinkgeld ist.
Interessanterweise haben die eher längeren Wörter der Sprache französischen oder lateinischen Ursprung, die kürzeren angelsächsischen. Man weiss ja, im Süden sind die Menschen geschwätziger und nehmen den Mund voller, obwohl sie dabei oft weniger aussagen. Ein Text, aus dem Englischen ins Französische übersetzt, ist in der Regel rund einen Drittel länger. Edgar Baker, Autor des Buches «Contemporary English» (The Pitman Press, Bath), schreibt: «Mit den lateinischen Wörtern kann man besser verwirren. Pass auf, wenn Du Häufungen von langen Wörtern von lateinischem Ursprung siehst.» Politiker liebten sie deshalb besonders.«Drastic action may become imperative if the situation continues to deteriorate, and failure to reorientate social coscience may lead to the imposition of extreme penalties.» Das könne auch so gesagt werden: «If things get worse we shall pick on those who do not toe the line and kill them.»
Vollends entmutigend ist dann die Entdeckung, dass Wort nicht gleich Wort ist: «toe the line» ist so ein Beispiel. Das Wort verändert seine Bedeutung durch die Umgebung, in der es steht, «take down» bedeutet etwas vollständig anderes als «take up», «take through», «take to». Wahrscheinlich gibt es auch noch eine halbe Million Redensarten wie «toe the line» oder «he ist at a loss». Da kann man jedes einzelne mit dem Wörterbuch übersetzen und errät den Sinn doch kaum. Die journalistische Sitte oder Unsitte, in den Überschriften Redensarten zu verbiegen, um Neugier zu wecken, macht die Headlines für den Fremden oftmals unverständlich, zusammen mit der grassierenden Verwendung von Abkürzungen. (Was heisst PC? Falsch, hat nichts mit Computer zu tun. Was heisst MP? Falsch, ist keine Waffe. Was heisst DIY? Kein Waschmittel. PM ist auch kein Schweizer Schriftsteller.) Zum Glück ist die Sprache redundant. Der Text erkärt dann meist den Titel. Und die Menschen erklären ihre Redensarten, wenn man sie höflich fragt und sich entschuldigt, dass man halt ein Fremder ist.