Heissen Strip und kühles Bier für nur neun Pound verspricht
Sheila, der Fremde lässt sich von dem aufgestellten Girl überschwatzen,
löst ein Ticket und steigt durch ein schäbiges rotes Treppenhaus
hinunter ins Reich des Lasters. Es ist etwas zu heiss und das Lokal in einem
Keller im Soho etwas zu leer, nur zwei Männer in Rollkragenpullovern
lehnen in Sofas vor der kleinen Bühne, die wohl für den Strip
gedacht ist. Doch zum Denken bleibt kaum Zeit. Ein schlankes Girl im Bikini
geleitet den Fremden zum Tisch in der schwarz umflorten Nische, fragt fast
schüchtern, ob sie ein bisschen Gesellschaft leisten dürfe und
dazu vielleicht ein Gläslein trinken. Nein, diesen Wunsch abzuschlagen
wäre wirklich sehr unhöflich gewesen, fehl am Platz ist nur schon
die Frage nach dem Preis des Wein, zwölf Pound, na ja. Er nickt grosszügig.
Oder ob es vielleicht gar ein Cocktail sein dürfte? Der Fremde kommt
sich schon sehr klein vor, als er nochmals nach dem Preis fragt, vierzig
Pound, und den Kopf schüttelt. Man kann ja alles übertreiben.
Man tauscht Namen. Nina, so heisst die wirklich sehr gut gebaute jungen
Frau, setzt sich trotzdem sehr nahe zu ihm, und doch nicht zu nahe, nippt
an dem winzigen Kelch, und er schlückelt das schale Bitter aus dem
Plastikbecher. Sie schlägt die tatellosen Beine übereinander und
gestattet einen Blick in die Tiefe ihres Busens, der weder zu klein ist,
noch zu gross, also eben gerade richtig. Das Gespräch lässt sich
auch sehr interessant an, Nina studiert politische Wissenschaften, sagt
sie jedenfalls, und bekommt rund 700 Pound Stipendien im Quartal, das reicht
nirgens hin, obwohl sie in Hackney
wohnt, «einem der ärmsten Borroughs von London», wo die Mieten
tief sind. Ihre Grosseltern kamen aus Irland herüber.
Der Job in dem schummrigen Lokal? Na ja, sie lächelt, zwirbelt eine
Strähne ihrer langen, kastanienbraunen Haare zwischen zwei Fingern
und ihre dunklen Augen schimmern verträumt. Ein bisschen riecht sie
nach Alkohol und ungeputzten Zähnen, wie schon Sheila oben am Schalter,
die auch studiert, «Tourism and management» sie hat gelacht, und
mit Augenaufschlag hinzugefügt: «part time». Die Girls sind
wirlich bezaubernd.
Nina zündet eine Zigarette an. Der Fremde vergisst ganz, dass ja heisser
Strip versprochen war, ein wenig heiss wird es, als aus einer Tür ein
Mann in den Raum stürzt, in seinen Mantel verheddert, laut fluchend
und die Brille schief, ein etwas älteres und fülligeres Girl in
schwarzen Strapsen hängt keifend an seinem Arm, er schleift sie förmlich
zur Tür, wo der Streit hinter schlagenden Türen weiterkocht.
«Ein Betrunkener.» Nina lächelt wehmütig und erzählt
dann Historisches aus Hackney, das einst ein Dorf mitten im grünen
Land gewesen sei. «Hackney Carriage» nannte man die Karren der
Bauern, «hackneyed» heisst auch abgedroschen. «Ein schönes
Wort», sagt der Fremde, und die abgedroschene Redensart, dass man überall
auf der Welt etwas lernen könne, geht ihm durch den Kopf.
Doch das Gespräch wird durch eine blondierte Dame in hochgeschlossenem
Schwarz unterbrochen, welche mit einem Silbertellerchen in der einen und
dem Taschenrechner in der andern wedelt: «I am your waitress».
Ob der Sir seiner Nina noch ein Gläschen offerieren wolle? Er selber
habe ja noch ein zweites Bier zugute, «free!»
Er will nicht. Fragt sehr vorsichtig, ob denn nicht Nina seine «waitress»
sei und wird aufgeklärt: «she ist your hostess». Aha!
Irgendwie hat die eben so gemütliche Stimmung umgeschlagen. Dann setzt
sich die Waitress und schreibt die Rechnung: Bier und Wein und Hostess und
Steuer und «Service charge» machen insgesamt 65 Pound und 66 Pence
aus, zur Verdeutlichung schiebt sie dem fremden Trottel die Karte hin, die
diskret auf dem Tisch liegt, und darin steht schwarz auf weiss der Preis
der charmanten Gesellschafterin, die das ja bekanntlich nicht zu ihrem Vergnügen
macht, es geht alles mit rechten Dingen zu in dem Etablissement. Alles klar?
Ninas verheissungsvolles Lächeln ist erloschen, man verliert sich nun
in eine Diskussion in politischer Ökonomie, und das ist ja ihr Fach.
Also etwa so: Ist das, was sie geleistet hat, Arbeit und wenn ja, welches
ist denn ihr Tauschwert, streng nach Karl Marx? Die Blonde rechnet mit dem
Taschenrechner die Minuten aus, die Nina abgeleistet hat, und falls der
Sir etwa zweifeln sollte: Sein Eintritt wurde mit Video und Timer aufgezeichnet.
Die Stimmen heben sich, es erhebt sich auch bedächtig einer der gelangweilten
Herren vor der Bühne, auf der noch immer Leere gähnt, und kratzt
sich an der Backe. Dem Fremden fällt gerade rechtzeitig, bevor sich
auch der zweite Langeweiler umdreht und sich an der Diskussion beteiligt,
das Sprichwort ein, das ihm sein längst verstorbener Vater auf den
Lebensweg mitgegeben hat: «Der Gentleman bezahlt und schweigt.»
Die Mädchen bekommen vom Umsatz fünf Prozent.