Lond-on-line 7.2.

Schwarz sind die Wände in der alten Fabrikhalle am
Regent’s Canal, doch hier wird nicht mehr Energie mit Dampfmaschinen erzeugt,
sondern Muskelenergie in sozusagen sinnloser Bewegungsarbeit in der Senkrechten
verpufft. Mile End Climbing Wall ist ein Treffpunkt der Londonder Kletterszene,
wer die Zürcher Kletterhalle im Gaswerk Schlieren kennt, wird zwar
etwas enttäuscht. Die Wände sind niedrig, man klettert meist ohne
Seil, Bouldern nennen wir das. Doch der schwarze Kunstfels ist griffig und
wenn die Kraft nachlässt, springt man auf dicke Matten ab.
Beim Check-in hatte ich sozusagen einen Test zu bestehen. Formular ausfüllen,
dann die Hausordung lesen. Die junge Frau am Schalter stellte zwei Prüfungsfragen:

«Dürfen Sie in der Halle herumrennen?» – «Nein!»
«Wer ist für Ihre Sicherheit verantwortlich?» – «Ich
selber.»
Bestanden! Ich bekomme den Ausweis. Der Eintritt ist preiswert, bloss 3
Pound.

Der Regent’s Canal verband in der aufkommenden Industriezeit ab 1820 die
industrialisierten Midlands mit London und dem Meer, bis die Eisenbahn die
Waren billiger und schneller transportierte. Er war achteinhalb Meilen lang
und verband den Grand Junction Canal, der in Paddington endete, mit den
Docks. Die Idee kam von Tomas Homer, einem Londoner Geschäftsmann,
Architekt war der berühmte John Nash. Prinzregent Georg, nach dem er
benannt ist, weihte den Kanal 1820 ein. Hier kam die Ware auf Lastschiffen,
von Pferden gezogen, wurde am Ufer verarbeitet. Heute breitet sich die Freizeitgesellschaft
in den ehemaligen Werken aus, wie die Zürcher sind auch die Londoner
Climber darauf gestossen.

Bouldern hat den Nachteil, dass jeder ein bisschen für sich klettert,
also kein Partner fürs Sichern gebraucht wird. Trotzdem spreche ich
einige an, der erste ist ein deutscher Student. Die andern sind nicht eben
gesprächig, ja, London ist halt nicht Amerika, wo man gleich gefragt
wird, woher und wohin.

Die Adresse der Kletterhalle habe ich übrigens aus dem Internet und
damit bin ich bei meiner dritten Tageskativität – am Morgen habe ich
am Roman gearbeitet. Gegen zwölf klapperte der Briefkasten, die Disketten
und Installationsanleitungen von Easynet. Aufgerissen, eingesteckt, konfiguriert,
Verbindung aktiviert… Leider funktionierte mein Trick von gestern nicht
mehr, ich konnte basteln, soviel ich wollte, nichts ging mehr, die Verbindungsprozedur
brach immer ab. Über die Hotline erfuhr ich erst einmal die richtige
Telefonnummer, in den Unterlagen war sie falsch gewesen. Und wieder ging
nichts. Auch nach dem Klettern nicht. Es hätte ja sein können,
dass eben zufälligerweise gerade der Server von Easynet streikt, sowas
kommt vor.

Ich suchte nach dem Nachtessen weiter. Fand heraus, dass mit dem Passwort
etwas nicht stimmte. Ich hatte eines mit einem grossen I gewählt, zum
Andenken an meine Kultroute im Klettergarten auf der Galerie, die letzte,
die ich vor meiner Abreise noch geklettert bin. Es ist wirklich ein schönes
Passwort, ein Hacker hätte es sicher in fünf Minuten geknackt.
Nur ich, der wahre Besitzer, fand den Schlüssel nicht. Bis mir in einer
plötzlichen Erleuchtung dämmerte, die könnten bei Easynet
in meinem bedeutungsvollen Wort aus dem grossen I vielleicht ein kleines
l gemacht haben. Im gedruckten Brief war zwischen I und l kein Unterschied
zu erkennen. Letzter, verzweifeter Versuch: Es klappte.

Viele Wege, so wäre das Fazit einer langen Erfahrung in mobilem Computing,
viele Wege führen zum Internet. Das erste, was ich ansteuerte, war
der Tages-Anzeiger. Und der erste Artikel, den ich las, handelte vom Pensionskassenskandal
bei Landis & Gyr, deren Kulturstiftung mir hier die Wohnung und den
Aufenthalt ermöglicht. Ach, die Welt ist klein.

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