I am a writer, dieser simple Satz lässt sich kaum
ins Deutsche übersetzen, doch ich brauche ihn hier täglich. «Was
tust Du in London?» «I am a writer…» Leicht geht mir das
über die Lippen, und es ergibt sich meist ein gutes Gespräch.
Warum bist du hier? Wer bezahlt Dich? Was schreibst Du? Ist was ins Engische
übersetzt? No problem.
Werde ich in Deutsch nach meinem Beruf gefragt, so wird es sogleich verklemmt.
Ja, ich weiss, es ist ja wohl alles mein Problem. Aber bestimmt nicht nur,
schliesslich habe ich ja das dumme Wort «Schriftsteller» nicht
erfunden. Ich habe jetzt kein etymologisches Wörterbuch zur Hand, aber
der Begriff Schriftsteller hat mit dem, was der Schriftsteller tut, wenig
zu tun. Erstens einmal stellen wir ja nicht Schrift, sondern Text her. Schrift
ist allenfalls das Handwerk des Schriftsetzers, mein Grossvater war einer,
oder heute vornehmer, des Typografen, Macintosh sei Dank. Zweites stellen
wir nicht, sondern wir schreiben. Das Stellen kommt vielleicht von herstellen,
oder noch aufgeblasener, von erstellen. Jedenfalls führt es in die
Irre. Das Wort Schriftsteller, so fassen wir zusammen, ist unhandlich, viel
zu lang und doppelt falsch in seiner Aussage.
Vielleicht wirkt es deshalb auf die gewöhnlichen, also nicht aufgeblasenen
Menschen im deutschsprachigen Raum so einschüchternd, und wird deshalb
so verklemmt vorgebracht, weil der Schriftsteller oder die Schriftstellerin
ja merkt, dass irgend etwas krumm läuft in der Kommunikation, wenn
jemand fragt: «Was bist Du?» Und man antwortet: «Schriftsteller.»
Das Gegenüber verstummt dann sofort, denn es hat ja nichts gelesen
und den Namen auch noch nie gehört und das einzige, was man in der
Schule vom Schriftsteller erfährt, ist, dass er berühmt ist, und
wer ihn nicht kennt ziemlich ungebildet.
Writer, also Schreiber, wirkt eingedeutscht halt schon etwas banal, man
assoziiert sofort Lohnschreiber, Werkstattschreiber, Protokollschreiber
oder Schreiberling. Den deutschen Intellektuellen sind eben kurze Wörter
einfach verdächtig, oh, es ist ja alles so mehrschichtig und komplex
und tiefgründig, da kann doch ein kurzes Wort nur falsch sein. Der
Autor hat sich deshalb nicht so richtig durchgesetzt, ist ja auch ein Fremdwort,
und wird erst noch mit dem bösen Auto verwechselt. Autoren gibt es
zudem viele, Autoren und Autorinnen von Romanheftchen und von Betriebsanleitungen
und von Lehrbüchern, bewahre, für die wahre Kunst müssen
mehr Silben her. Gut, darf man heute mit gutem Gewissen sogar noch zwei
anhängen: SchriftstellerInnen.
Wie wärs denn mit dem Dichter? Das wäre, wie wenn man sich selber
neben den Herrn Goehte auf den Sockel stellen wollte, der bekanntlich dichtete,
das heisst meist diktierte, und seine Knechte schreiben liess. Also der
Dichter ist vorbei, ausser in der Werbung für eine Dichtungsfirma,
welche ihr Produkt mit einer Büste des Geheimrats vergleicht, und beide
behaupten: ICH BIN DICHTER. Schöner kann man das Ende eines Wortes
eigentlich nicht mehr feiern.
Kurz gesagt, wir haben im Deutschen für die Produzenten von schöngeistigem
Text einfach kein schönes Wort. Wir müssen die englischen Schreiber
nicht nur um ihre spannenden und witzigen Geschichten beneiden, sondern
auch um ihre brauchbare und treffende Berufsbezeichnung. Aber es hängt
ja schliesslich alles zusammen, ist vernetzt und via Feedback rückgekoppelt.
Hätten wir deutschsprachigen Schreiber ein verständliches und
gutes Wort für unser Handwerk, so wären wohl auch unsere Geschichten
verständlich und gut. Schriftsteller schreiben ja auch keine Geschichten,
sondern Höheres oder auch Tieferes oder beides zugleich, das heisst
viel Text um Nichts.