Lond-on-line 6.5.

Die Toilette braucht starke Nerven, lange Schlangen stauen sich vor den grünen Plastikkabinen, die
ich von den Campingplätzen in den Wüsten der USA kenne, verspritzt
und verschmutzt, Fäkalien und Papierfetzen schwimmen in blauer
Chemie, die so scharf ist, dass es fast gar nicht stinkt. Draussen
scheint die Sonne, der Nächste bitte.

«May Day» in Clapham Common, einem weiten Park südlich der Themse,
in ärmlicher Gegend. Unablässig strömen die Menschen von der U-bahn
herein, wandern vom Bierzelt zu den Essständen, von der Literatur
zu den Diskussionen oder zum Kinderzelt, lassen sich auf der Erde
nieder, essen, trinken, schwatzen oder breiten ein Tüchlein aus
und verkaufen irgend etwas. Es sind wohl 100’000, schätze ich.
Grilldunst schwebt über allen, wie wohl an jedem Volksfest der
Welt, der Qualm chinesischer, thailändischer, englischer, französischer
Küche mischt sich zu dem multikulturellen und klassenlosen Rauch,
der offenbar die Massen anzieht.

«Wie verändert sich die Rolle von Mann und Frau in der Arbeitswelt?»
ist die Diskussion im Überbau, die natürlich zu spät beginnt,
man kennt das ja, die Referenten sind nicht pünklich, denn wer
pünktlich ist, ist nicht bedeutend. Wären die Linken pünktlich,
pflege ich zu spotten, hätte die Revolution längst stattgefunden.
Sie sind einfach zu spät gekommen, damals, als es Zeit war. So
finden wir uns halt mit kapitalistischen stinkenden Klosetts ab
und mit kapitalistisch gebrautem Lager, das doch immerhin von
der Workers Beer Company in kapitalistischen Pappbechern ausgeschenkt
wird, zu gutem Zweck. Die Organisation macht den rührenden Versuch,
den Abfall an bestimmten Plätzen zu sammeln um den Park nicht
zur Müllhalde verkommen zu lassen, die Erfolgsquote schätze ich
auf 30 Prozent.

Es ist die bekannte Mischung von Musik, Essen, Information und
Agitation, die linke Festfolklore, die nicht ohne Flugblätter,
Bücherstände, Bier, Risotto, bemalte Kinder und lateinamerikanische
Musikgruppen auskommt. Und nicht ohne Familienstreit unter Gruppen
und Grüppchen: Communist Party of Britain, Socialist Workers Party,
Socialist Party, Militant Labour ect., wer sein Leben an verrauchten
und ergebnislosen Sitzungen verbringen will, hat die Wahl.

Ich gehe ohne Ziel durch die unabsehbare Masse, die ebenso ziellos
sich durchmischt wie die Touristen auf dem Leicester Square, und
erinnere mich an die Anfänge. Manches Jahr habe ich das Werkstattheft
der «Werkstatt schreibender Arbeiter» verkauft am ersten Mai in
Zürich, es war jeweils das Geschäft des Jahres. Hundert Heftchen
setzte ich manchmal ab, sie waren von Hand auf einer Kugelkopfschreibmaschine
getippt, mit Abreibbuchstaben die Titel gesetzt. Geschichten aus
der Arbeitswelt. Einmal tippten wir im Büro einer linken Splittergruppe
auf deren IBM Kugelkopfmaschine, ich rief zuhause an, sagte, ich
komme etwas später zum Mittagessen. Das Gespräch habe ich säuberlich
protokolliert in meinen Fichen im Archiv der Bundespolizei gefunden.

Auch hier gibt es noch eine «Federation of Worker Writers», wir
nannten uns schreibende Arbeiter, obwohl auch Lehrer und Ingenieure
und selbstverständlich politisch aktive Germanistikstudenten dabei
waren. Während meine Ingenieurkollegen am ersten Mai aufs Land
fuhren, steckte ich mir den roten Bändel an und verkaufte die
Heftchen im Format A5, eine Erfahrung fürs Leben. Wir verhielten
uns völlig marktgerecht, wie kleine Unternehmer, obwohl wir ja
eigentlich den Markt und das Unternehmertum verdammten. Aber wir
mussten unser Heft ja verkaufen, um die Produktionskosten zu decken,
also steckten wir schon schnell im kapitalistischen Zwang. Wir
schafften sogar Mehrwert, beuteten uns selber aus, denn für den
Text gab es nichts, meist nicht einmal Lob, sondern vor allem
Kritik. Erst letzhin haben wir den Verein und die Kasse aufgelöst,
es lagen noch ein paar tausend Franken auf einem Bankkonto.

Auch am May Day versuchen viele ihr Glück auf dem Markt, stossen
auf Einkaufswagen vom nächsten Supermarkt stapelweise Bierdosen
heran und verkaufen sie billiger als die Arbeiter-Bier-Kompanie.
Zwei Frauen schneiden Haare, professionell steht auf dem Schild,
eine massiert. Die «Micro-Unternehmer», wie man sie hier nennt,
wittern sofort Marktlücken und realisieren flexibel und rasch
ihre Geschäftsideen. Der Thacherismus ist also bis zur Basis durchgesickert.
Derweil kämpft der Gewerkschaftsbund GMB für einen gesetzlichen
Minimallohn von 4 Pound.

Wenig erinnert an den grössten Arbeitskampf in der Geschichte
der englischen Arbeiterbewegung, den Generalstreik vom 3. bis
12. Mai 1926, also gerade vor 70 Jahren. Nachdem Tory-Premierminister
Stanley Baldwin die Löhne gekürzt hatte, gab es Zusammenstösse
zwischen Arbeitern und Militär, das mit Panzern auffuhr. Dann
beschlossen die Streikführer des TUC (Trades Union Congress) nach
einem Treffen mit dem Premierminister den bedingungslosen Streikabbruch.
Das gibt natürlich Anlass zu einer Verratslegende, wie nach dem
Schweizer Generalstreik von 1919. Es ist der Traum, die militanten
Arbeiter hätten die Macht erobert, wären sie nicht von ihren feigen
Führern verraten worden. Jedenfalls lese ich das im «Socialist
Worker», den ich gekauft habe. Der Zyniker in mir sagt natürlich:
Vieleicht war es nicht Verrat, sondern die richtigen Leute sind
hat wieder einmal zu spät aufgestanden.

Traditonelle linke Literatur liegt zuhauf auf Tischen, Marx, Engels,
Lenin, Stalin, Mao, Trotzky und sogar Enver Hotcha sind friedlich
versammelt. Nichts aber über den Technologiestreik der Setzer
und Drucker der Times, den sogenannten Wapping-Streik, das sozusagen
letzte Gefecht vor dem Sieg des Macintosh über die stolzeste Avantgarde
der Arbeiterklasse. Das war vor zehn Jahren und ist, ich frage
überall herum, schon beinahe vergessen. Dabei wurden 6000 Werktätige
Knall auf Fall entlassen, doch die folkloristische Linke scheint
auch hier eher nach rückwärts gewandt, auf die traditionellen
Muster fixiert. Nein, auf einem Tischchen liegt doch tatsächlich
eine Broschüre: Die marxistische Sicht des Internet. Format, Druck,
graue Bleiwüste erinnern mich ans Werkstattheft, das wir vor 25
Jahren herausgaben – und das es übrigens noch immer gibt, gleiches
Format, gleicher Inhalt.

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