Die Oase ist achteinhalb Meilen lang, auf dem Uferweg am Regents Canal, vom Limehouse Basin in den Docklands bis ins West End, befindet man sich in einer andern Welt, träg treiben Hausboote auf dem Wasser, gleiten in eine Schleuse, sinken langsam aufs tiefere Niveau. Es ist eine Art Holland-Gefühl. Die Schleusen knarren, wenn der Wasserdruck steigt, sie sind noch aus Holz, handbedient, man fühlt sich nicht nur in einer andern Welt, sondern in einer andern Zeit. Irgendwo weit weg brandet die Stadt, während hier Familien spazieren, mit Hund und Kinderwagen und Picknicktaschen. Jogger und Biker sind die einzigen hastigen Gestalten, sonst herrscht eine eigenartige Ruhe. Wahrscheinlich vermitteln sie die Schiffe, die sanft dahingleiten auf dem schmutzigen Kanalwasser, «Sir Walter», «Rose», «Phoenix», «Malonnie», «Mayflower IV», blau, rot, grün glänzt der Lack und auch das Messing um die Bullaugen und an den Rudern, Blumenkisten auf dem Deck sind schliesslich das Tüpfchen auf dem i der Gediegenheit. Zwei Frauen plaudern, während sie nebeneinander gegen die Themse hinabtreiben und lässig das Steuerruder bedienen.
Ich radle in der Gegenrichtung, einmal kommt mir einer auf dem Einrad entgegen, Zylinder auf dem Kopf, und grüsst. Überhaupt: man grüsst, man nickt sich zu, man schenkt sich einen kurzen Blick. (Kürzlich hat mich in Zürich jemand als Dorftrottel beschimpft, weil ich in einem Schulhaus grüssen wollte, aber London ist ja, wir wissen es, ein grosses Dorf und Zürich eine Möchtegern-Weltstadt und die Möchtegerne-Weltbürger grüssen selbstverständlich nicht.) Ein Biker hält sogar an und erkundigt sich besorgt nach der Fahrtüchtigkeit meines rostigen Drahtesels. Und in Hakney ruft mir ein Schwuler durch den Zaun etwas zu. Rundum explodiert die Stadt vom Osterverkehr und von den Touristenströmen, hier ist kaum ein Mensch zu sehen, nur die braunen Backsteinmauer der Lagerhäuser, die den Kanal säumen, halb zerfallen oder dann schick renoviert, dann wieder rostige Gaskessel, Hafenanlagen, Brücken, moderne Siedlungen, ein Schleusenwärterhaus. Die alte Industrieanlage, der Kanal und die Lastkähne, dienen heute der Freizeit, das ist schon fast ein Gesetz. Nur sind es nicht mehr Pferde, welche die Kähne schleppen, sondern Dieselmotoren treiben sie an, den Gestank darf man sich wegdenken, aber dem ist ohnehin nicht auszuweichen, und den treibenden Unrat sieht man schon gar nicht mehr.
In Islington sehe ich auf der andern Seite einen Taucher, der Äste, zerbeulte Fässer und andern Gerümpel aus dem Kanal fischt, am Ufer stehen ein paar Leute, zwischen den Häusern ist ein Polizeiauto geparkt. Ein paar Tage später lese ich in der Zeitung, dass man den 38jährigen Henry Langford herausgefischt hat, wie acht Tage zuvor schon seinen Zwillingsbruder Athony, der in eine blaue Decke gewickelt war. Beides waren starke Trinker, obdachlos. Die Polizei vermutet Mord. Hinter einer vergitterten Tür sehe ich Obdachlose, in Schlafsäcke und Decken gewickelt.
Gegen Westen wird die Landschaft gediegener, Camden Lock Market, Boutiquen, Blumenläden, Shops, Cafés, man ist plötzlich unter die Touristen geraten, dann nochmals ein Stück Kanal, nach den proletarischen Borroughs Tower Hamlets und Hackney, nach dem mittelständischen Islington gebietet nun das herrschaftliche Westminster «no cycling», doch daran hält sich niemand, erst die Tafel «absolutely no cycling» und eine Eisensperre bewegen die radfahrende Familie vor mir zum Absteigen. London Zoo, Regents Park, Villenviertel. Jetzt nimmt die Fahrt von zweieinhalb Stunden ein Ende, «Little Venice» heisst das Dreieck, wo der Regents Canal in den Grand Junction Canal mündet und die Route von Birmingham nach London mit den Docks verbindet.
Nicht nur dass ich hier überall Deutsch und Schweizerdeutsch höre macht den Ort zu Klein-Venedig, sondern die verzierten und weissblau gestrichenen Brücken, die sich über die Kanäle schwingen, die Hausboote, die am Ufer vertäut liegen, und an denen Männer in Überkleidern pützeln und polieren und malen. Restaurants gibt es auf Schiffen, eine Kunstgalerie, ein Puppentheater, kurz, das touristische London hat mich wieder, die Oase ist durchfahren. Der Drahtesel hat seine Schuldigkeit getan, die Bremsen sind gebrochen, die Kettenrädern schon lange durchgeschliffen, neben einem Container lehne ich ihn an eine Mauer und nehme die U-Bahn zurück ins East End.